On Earth We’re Briefly Gorgeous von Ocean Vuong | Rezension

„On Earth We’re Briefly Gorgeous“ (dt. Auf Erden sind wir kurz grandios) von Ocean Vuong ist ein vielfach gelobter Debütroman. Er wird geschätzt für seinen lyrischen Schreibstil und für die Intensität seiner Geschichte. Vuong erzählt in autobiographischen Zügen von der Kindheit von Little Dog, die geprägt ist von den Nachwirkungen des Vietnamkrieges. Als er wenige Jahre als ist, wagt seine Familie den Neuanfang in den USA. Doch statt ihren Frieden zu finden, haben sie mit der unbekannten Sprache zu kämpfen und mit ihren Erinnerungen. Vuong spricht viele berührende, gewaltige und wichtige Themen an, dennoch ließ mich der Roman weitestgehend orientierungslos und emotional unberührt zurück. Ich wollte ihn so sehr lieben, doch für mich war er stilistisch nicht das Richtige. Darauf gehe ich gleich tiefer ein, doch zuvor möchte ich unbedingt auf weitere Buchbesprechungen von Lesern hinweisen, die von dem Roman begeistert waren. Diese sind am Artikelende verlinkt.

„On Earth We’re Briefly Gorgeous“ ist in erster Linie ein Entwicklungsroman, es ist aber auch ein Roman über Krieg, Gewalt, Familie, Herkunft, Sprache und Liebe. Der Vietnamkrieg spielt eine zentrale Rolle, denn ohne ihn wäre Little Dog gar nicht auf der Welt. Und selbst wenn man dem Krieg entkommt, Abstand davon gewinnt man nie. So wird Little Dog von seiner Mutter geschlagen, um ihn auf einen Krieg vorzubereiten, während seine an Schizophrenie erkrankte Großmutter immer wieder in die Vergangenheit abdriftet. Sie kämpfen sich durch jeden Tag, sie kämpfen mit der fremden Sprache und der Sprachlosigkeit, und Little Dog kämpft darum, sich zu von seiner Mutter zu lösen und einen Platz in diesem neuen Leben zu finden. Seine Homosexualität macht ihm das nicht leichter.

Let me begin again.

Dear Ma,
I am writing to reach you – even if each word I put down is one word further from where you are.

On Earth We’re Briefly Gorgeous, S. 3

Thematisch ist dieser Debütroman also eine Wucht. Seine Hauptfigur, und sicherlich auch Vuong, bewegt so Vieles! Und er bringt dies auf eine ergreifend intime Weise zu Papier – in einem Brief an seine Mutter. Dennoch konnte ich mich nicht einfühlen, ich fand nicht den rechten Zugang zu seiner Erzählung. Zu großen Teilen liegt das am Schreibstil des Autors und am Aufbau der Geschichte. Was ich in einem Roman brauche, ist eine fortlaufende Handlung, ein klarer roter Faden. In „On Earth We’re Briefly Gorgeous“ fehlte es meinem Empfinden nach genau daran. Ocean Vuong hat ein Puzzle kreiert, er springt in der Zeit, Szenen stehen oft in keinem direkten Zusammenhang zueinander, er stolpert von Erinnerung zu Erinnerung. Dies machte es mir äußerst schwer, der Handlung zu folgen beziehungsweise ihr überhaupt folgen zu wollen.

Nun muss man natürlich bedenken, Ocean Vuong ist Lyriker, hier liegen seine Wurzeln, und die hat er in seinem ersten Roman nicht gekappt. Das ist wundervoll für alle, die sich in diesem Genre zu Hause fühlen. Ich persönlich weiß seine Art sich auszudrücken zwar zu schätzen, kann es jedoch nicht lieben.

By then, violence was already mundane to me, was what I knew, ultimately, of love. Fuck. Me. Up. It felt good to name what was already happening to me all my life. I was being fucked up, at last, by choice.

On Earth We’re Briefly Gorgeous, S. 119

Weiterhin muss ich mich mit Romanfiguren identifizieren können. Sie müssen mir nicht gefallen, es gibt wahnsinnig tolle Antagonisten, doch es muss mir möglich sein, eine emotionale Bindung zu ihnen aufzubauen kann. Das hat Vuong bei mir nicht erreicht. Zwar verstehe ich, was Little Dog, seine Mutter und seine Großmutter bewegt, aber ich konnte es nicht wirklich im Herzen fühlen. Den Grund dafür kann ich gar nicht benennen, doch selbst die Liebesszenen zwischen Little Dog und Trevor lösten kaum Gefühle in mir aus. Das fand ich besonders schade, denn in der Beziehung der beiden zeigt sich so viel von Little Dogs Gedanken- und Gefühlswelt, wie das obere Zitat zeigt.

Ein Aspekt des Romans hingegen hat mich begeistert. Ocean Vuong beschreibt in „On Earth We’re Briefly Gorgeous“, wie Sprache ein Mittel zur Verständigung ist, gleichzeitig aber auch etwas sein kann, das Barrieren aufbaut, die Menschen ausgrenzen und hilflos zurücklassen. Little Dogs Mutter und Großmutter verstehen die neue Sprache nicht, sie scheitern bereits an Bestellungen beim Metzger. Little Dog hingegen bemüht sich intensiv, diese neue Sprache zu beherrschen. So bewegen sie sich durch die Sprache voneinander weg, obwohl sie sich doch eigentlich nach Nähe sehnen. Der Brief von Little Dog an seine Mutter ist ein letzter, angesichts des Analphabetismus der Mutter, zum Scheitern verurteilter Versuch der Kommunikation.

„On Earth We’re Briefly Gorgeous“ von Ocean Vuong ist ein beeindruckender Debütroman, inhaltlich ungeheuer dicht und mit bemerkenswertem Schreibstil. Für viele Leser ein wundervolles Leseerlebnis. Ich fühlte mich leider nicht vollkommen davon abgeholt, die Geschichte bot mir zu wenig Orientierung und das Schicksal der Figuren berührte mich nicht so, wie es die eindringliche Thematik vermuten lassen würde.


Auf Erden sind wir kurz grandios

Verlag (Copyright Cover): Hanser Literaturverlage
Preis: 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-26389-5
Erscheinungstermin: 22. Juli 2019

Klappentext: „Lass mich von vorn anfangen. Ma …“ Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen. Vuong schreibt mit alles durchdringender Klarheit von einem Leben, in dem Gewalt und Zartheit aufeinanderprallen. Das kraftvollste Debüt der letzten Jahre, geschrieben in einer Sprache von grandioser Schönheit.

Autor*in: Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon, Vietnam, geboren und zog im Alter von zwei Jahren nach Amerika, wo er heute lebt. Für seine Lyrik wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt u.a. mit dem Whiting Award for Poetry (2016) und dem T.S. Eliot Prize (2017). Bei Hanser erschien zuletzt sein Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ (2019).  


Weitere Stimmen zum Buch

Janika von Zeilenwanderer | Nadine und Alex von letusreadsomebooks | Anna von Ink of Books | Linus von Buzzaldrins Bücher | Binea von Literatwo |

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