Find me – Finde mich von André Aciman | Rezension

Mit „Call Me By Your Name“ schrieb André Aciman eine herzerwärmende, leidenschaftliche und vor allem authentische Liebesgeschichte. Es geht um Elio und Oliver, ihre vorsichtige Annäherung, ihre Gedanken, ihre tiefsten Gefühle. Ein ganz besonderes Buch! 2017 wurde der Roman mit Armie Hammer und Timothée Chalamet in den Hauptrollen außerdem sehr erfolgreich verfilmt. Umso schwerer ist es nach solch großer Anerkennung, diese Geschichte weiterzuerzählen. Natürlich möchten alle wissen, wie es mit Elio und Oliver weitergeht – werden sich sich wiedersehen, werden sie wieder zusammenkommen? Doch was könnte eine Fortsetzung dann anderes sein, als eine Wiederholung des bereits Gelesenen? Daher verfolgt Aciman in „Find me (Finde mich)“ einen ganz anderen Ansatz, der nicht alle Leser glücklich machte. Wie mir der Roman gefallen hat, erfahrt ihr hier.

Ich muss zugeben, meine Erwartungen waren zwar hoch, aber auch zwiegespalten. Einerseits wusste ich, was der Autor mit seiner sinnlichen Sprache erreichen kann, andererseits befürchtete ich, dass alles, was Elio und Oliver als Erwachsene erleben könnten, mich enttäuschen würde. „Find me (Finde mich)“ könnte zu dieser Serienstaffel werden, die noch abgedreht wurde, obwohl die Geschichte auserzählt war. Vielleicht dachte sich Aciman etwas Ähnliches, denn er setzt in seiner Fortsetzung nicht mit Elio und/oder Oliver ein, sondern mit Elios Vater Samuel. Ein Ansatz, der mir im Grunde enorm gut gefällt, denn Sam war in „Call Me By Your Name“ eine unglaublich warmherzige Figur, die Elio unerschütterlich zur Seite stand. Ihn näher kennenzulernen und auch etwas über seine Gefühlswelt zu erfahren, war also etwas, auf das ich mich freute.

Und der Anfang zog mich auch tatsächlich in seinen Bann. Da war er wieder, dieser wunderbare, satte und üppige Schreibstil. Die einnehmenden Beschreibungen von scheinbar unwichtigen Momenten und kleinen Gesten. Dies habe ich bis zum Ende hin sehr genossen. Doch inhaltlich? Nun ja. Sam befindet sich auf dem Weg nach Rom, um Elio zu treffen. Im Zug begegnet er der viel jüngeren Miranda, es entspinnt sich ein Gespräch, sie verbringen den Nachmittag, den Abend, die Nächte miteinander. Sam verliebt sich und auch Miranda ist ihm nach kürzester Zeit hoffnungslos verfallen. Die Idee, Sam sich verlieben zu lassen, fand ich sehr schön, doch leider sorgte das „Wie“ immer wieder für Irritationen. So rasch, so inbrünstig, so allumfassend ist diese Liebe nach nur wenigen Stunden, dass ich nicht umhin kam anzuzweifeln, ob dies tatsächlich noch realistisch ist. Alles an dieser Liebe wirkte auf mich übertrieben und dadurch nicht mehr nachvollziehbar, beinahe schon etwas lächerlich. Hier verlor Aciman mich leider immer mehr und ich erwischte mich dabei, nur noch darauf zu warten, dass die Geschichte sich endlich Elio und Oliver zuwendet.

Die Vergangenheit, die Zukunft, alles nur Masken. […]
Worauf es jetzt ankam, was das Ungelebte.

Find me (Finde mich), S. 273

Das tut sie auch im zweiten Teil, nach etwa der Hälfte des Buches. Elio und Oliver leben weiterhin getrennt voneinander, was mir sehr gefiel. Dennoch haben sie einander nicht vergessen, sie erinnern sich im Stillen an ihre gemeinsame Zeit, sie zehren davon und sie glauben weiterhin fest daran, im Herzen des anderen zu sein, auch wenn sie nicht miteinander sprechen oder einander gar sehen. Diese Passagen berühren und führten dazu, dass ich mich wieder etwas mit dem Roman versöhnte.

Leider wird sowohl Elio als auch Oliver insgesamt wenig Platz in „Find me (Finde mich)“ eingeräumt. Bei Elio erlebt der Leser mit, wie er sich in den bedeutend älteren Michel verliebt. Auch hier folgt auf ein sehr kurzes Kennenlernen bereits eine tiefe Verbundenheit, die ich so nicht nachempfinden konnte. Überhaupt blieb mir die Figur von Michel fremd und distanziert, so sehr er auch von sich und seinem Leben erzählt. Und geredet wird viel in diesem Roman! Ganze Seiten bestehen nur aus Dialogen, die stets intensiv und introspektiv sind. Einerseits ist das faszinierend, doch irgendwann war es für mich etwas ermüdend.

Was mich ebenfalls etwas irritierte, war das wiederkehrende Motiv von Vater-Kind-Beziehungen in den verschiedenen Figuren-Konstellationen. Da wären zum einen natürlich Elio und sein Vater, die eine freundschaftlich-liebevolle Beziehung zueinander pflegen, andererseits Michel und sein Sohn, der ihn nicht mehr sehen möchte, sowie Miranda und ihr todkranker Vater. Auch scheint eine Symbolik hinter dem großen Altersunterschied von Miranda und Sam sowie Elio und Michel zu stehen. Psychologisch fand ich das enorm spannend – was sagt dies über die Figuren und ihr Leben aus? Doch am Ende war ich so schlau wie noch am Anfang und mir erschloss sich kein tieferer Sinn.

Sie [Musik] erinnert mich daran, dass ich vielleicht noch verliebt bin, auch wenn ich mir längst nicht mehr sicher bin, ob ich überhaupt weiß, was Verliebtsein bedeutet.

Find me (Finde mich), S. 268

Als sich Aciman endlich Oliver zuwendet, im dritten und kürzesten Teil, ist dies fast eine Erleichterung, denn hier sind die Gedanken und Gefühle klar, hier verliert sich Aciman nicht so sehr in überladenen Beschreibungen. Oliver ist nach wie vor verheiratet, er hat zwei Söhne, und er schmeißt gerade eine Auszugsparty. Geladen sind unter anderem zwei Bekannte, Paul und Erika. Sie faszinieren ihn und wecken gleichermaßen Erinnerungen an Elio, in Gedanken spricht er mit Elio und Elio spricht zu ihm. In diesen Momenten spürt man als Leser die tiefe Verbindung zwischen beiden, der die vielen Jahre nichts haben anhaben können. Und diese Nacht rüttelt ihn wach, er gibt endlich seinem Verlangen nach und in ihm reift ein Entschluss, der ihrer beider Leben verändern wird. Die letzten Seiten vermochten wieder ein wenig das Gefühl von „Call Me By Your Name“ heraufzubeschwören. Nicht auf eine romantisch-verklärte Art und Weise, sondern vielmehr liebevoll-realistisch und somit waren diese Seiten zumindest letztendlich ein gelungenes Ende von dem, was in „Call Me By Your Name“ seinen Anfang nahm.

Du hast es also nicht vergessen.
Natürlich nicht.

Find me (Finde mich), S. 260

„Find me (Finde mich)“ von André Aciman hat seine guten und seine schlechten Seiten. Die Sprache ist so wunderschön und üppig wie man es vom Autor gewohnt ist. Seinen Roman zu lesen ist ein Genuss und erinnert an „Call Me By Your Name“. Inhaltlich ist die Fortsetzung der Geschichte von Elio und Oliver jedoch leider vergleichsweise schwächer. Ich hatte mir insgesamt mehr bzw. etwas anderes erhofft.


Find me (Finde mich)

Cover von Find me von André Aciman.

Verlag (Copyright Cover): dtv Verlag
Preis: 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-28230-7
Erscheinungstermin: 24. Juli 2020

Klappentext: Samuel ist auf dem Weg nach Rom, um seinen Sohn Elio zu besuchen, der dort als Pianist lebt. Seit der Trennung von seiner großen Jugendliebe Oliver ist Elio keine längere und ernsthafte Beziehung eingegangen. Oliver hingegen hat in New York geheiratet, ein bürgerliches Leben als Collegeprofessor begonnen, eine Familie gegründet. Doch insgeheim wartet er auf die Begegnung mit einem Menschen, die ihn so erschüttert und bewegt wie einst die mit Elio. Und Samuel begegnet auf seiner Reise einem Menschen, der ihm nach dem Ende seiner Ehe zeigt, was es bedeutet zu lieben.

Autor*in: André Aciman, geboren 1951 in Alexandria, studierte Komparatistik in Harvard. Er ist Romancier, Essayist und Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft, zudem schreibt er für verschiedene New Yorker Zeitungen. Sein Roman ›Call Me By Your Name‹ war ein internationaler Bestseller und wurde in einer OSCAR-prämierten Verfilmung adaptiert.

Übersetzer*in: Thomas Brovot, geboren 1958, ist ein literarischer Übersetzer, u.a. von Juan Goytisolo und Mario Vargas Llosa. Für sein Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, 2018 mit dem Paul-Celan-Preis.


Weitere Stimmen zum Buch

Hannah von queerBUCH

Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.

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