BOHÈME von Jonas Zauels | Rezension

Eine unerwartete Verwechslung und schon hat Felicia eine neue Identität, sie kann sich ganz neu erfinden! Eine einmalige Chance, die man ergreifen sollte, findet sie. So beginnt „BOHÈME“ von Jonas Zauels, der mich bereits mit seinem Debütroman „Alle Farben der Nacht“ begeisterte. Aus Felicia wird also Florence, ein Mädchen, das ihre Tage mit reichen, von sich selbst und dem Alkohol berauschten Künstlern verbringt, die tagtäglich ein künstliches Ich erschaffen, das sich über das fade „normale“ Ich erhebt, das glänzt und scheint. Ein großartiges Leben! Doch ist das letztendlich alles nur ein Trugschluss? In seinem zweiten Roman macht Zauels vieles anders als in seinem ersten Werk, die Geschichte ist humorvoller und etwas schwereloser. Was jedoch bleibt, ist der intensive Blick auf die Figuren, ihre Gedanken und Empfindungen sowie ihre Entwicklung.

Unter „Bohème“ versteht man laut Helmut Kreuzer (aus dem Jahr 1968) eine „gegenbürgerliche Subkultur künstlerisch-intellektuellen Lebens“. In diese Welt wird Felicia hineingestoßen, als sie nach einer Verwechslung am Flughafen bei der falschen Gastfamilie landet. Eine elitäre Familie, bei der sie ein riesiges Zimmer bewohnt, ein eigenes Badezimmer hat und eine „Schwester“, die sie genau in die gesellschaftlichen Kreise entführt, die in ihren Augen besonders reizvoll sind. Eine Welt der Künstler, deren Hauptbeschäftigung es ist, sich selbst in Szene zu setzen, Wein und Champagner zu trinken und fortwährend Partys zu feiern.

Sobald ich aus diesem Flugzeug aussteige, werde ich genau die Person sein, die ich sein will. Eine neue, eine erfundene, eine kreierte Persönlichkeit. Nicht gefesselt und gehemmt durch stetige Selbstzweifel, Unzulänglichkeiten und ewige Ängste. Ich werde ein neuer Mensch sein.

BOHÈME, S. 11

„BOHÈME“ liest sich tatsächlich wie ein Rausch, kaum eine Seite, auf der die Figuren nicht entweder Alkohol trinken oder sich gerade vom Alkohol trinken erholen. Die Atmosphäre des Romans ist durchtränkt von dem damit einhergehenden Gefühl der Losgelöstheit, dem Gefühl, alles sei möglich und nichts wirklich echt. Da ist die Schauspielerin, die jede brennende Enttäuschung über eine abgelehnte Rolle mit Wein löscht und tief im Herzen um ihre zerbrochene Familie trauert. Da ist der Schauspieler, der sich selbst tagtäglich inszeniert und letztendlich ausbricht, um seine Ziele im Leben zu erreichen. Da ist Laetitia, die vermeintliche Schwester von Felicia, die sich im Licht der Künstler sonnen will und niemals aufzuschließen vermag. Da ist Arthur, der fortgelaufen ist und nun zurückkehrt, nur um seine Freunde mit ganz anderen Augen zu sehen und deren Leben in Frage zu stellen. Und da ist Felicia, die versucht, in diesem fröhlichen-verzweifelten Chaos ihren Weg zu finden.

Was mich sehr ansprach, war der Wunsch der Hauptfigur, neu anzufangen und damit einhergehend sämtliche Selbstzweifel und Unsicherheiten abzulegen. Es ist reizvoll, in einer fremden Stadt jemand anders sein zu können. In ihrer Zeit in Paris macht Felicia eine spannende Entwicklung durch. Lässt sie sich anfangs noch treiben und versucht selbst als Künstlerin ein Teil der Szene zu werden, kommen schlussendlich Zweifel. Wie authentisch sind die Menschen um sie herum? Leben sie ihr Leben oder jagen sie nur einem nicht greifbaren Traum hinterher? Möchte sie so ein Leben wirklich oder sehnt sie sich nach etwas ganz anderem?

Besonders gut gefiel mir auch, dass Jonas Zauels keine romantische Auflösung gewählt hat. Das wäre für meinen Geschmack auch zu einfach gewesen und würde die Botschaft des Romans verwässern. So hat Felicia auf einer ganz eigenen Entdeckungsreise zu sich selbst, inmitten von Künstlichkeit, erkannt, dass es nichts Erstrebenswerteres gibt, als man selbst zu sein. Jonas Zauels erzählt diese Geschichte mit wundervoll dezentem Humor und einem feinen Gespür für glaubwürdige und spannende Figuren, denen man sich unglaublich nah fühlt.

„BOHÈME“ von Jonas Zauels erlaubt einen Blick in die künstlerisch-intellektuelle Subkultur von Paris. Künstler feiern sich und ihre Kreativität, Trauer und Enttäuschung ertränken sie in Alkohol. Der Autor geht in diesem Roman der Frage nach, ob man sich selbst neu erfinden kann oder ob man nicht am Ende am glücklichsten ist, wenn man niemand anders ist, außer man selbst. Sehr lesenswert!


BOHÈME

Cover von Bohéme von Jonas Zauels.

Verlag (Copyright Cover): edition federleicht
Preis: 14.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 9783946112587
Erscheinungstermin: 14. Juli 2020

Kunst und Künstlichkeit.
Die Stadt der Liebe.
In den Händen der jungen Reichen und Berauschten.

Nach Paris wird Felicia geschickt, um dort zu studieren. Durch eine Verwechslung gerät sie in die falsche Gastfamilie, die sie fatalerweise für Florence, die Zwillingsschwester der Adoptivtochter hält. Unter falscher Identität begibt sich Felicia in die elitären Kreise wohlstandsverwahrloster Schauspieler und Künstler und kommt auf überraschend tiefgreifende Weise mit deren fremden Gedankenwelt in Berührung.

„Bohème“ avanciert in doppeltem Sinne zur literarischen Reise. Eine Reise wie ein rauschhafter Traum, aus dem man nicht so schnell erwachen möchte.

Autor*in: Jonas Zauels, Jahrgang 1992, wuchs in einem kleinen Dorf im Kreis Ahrweiler auf und stellte schon früh eine Bindung zur Literatur und dem Schreiben her. Es erschienen bereits einige Kurzgeschichten und Aphorismen von ihm in verschiedenen Anthologien sowie 2017 sein Debütroman „Alle Farben der Nacht“. Neben dem Schreiben studiert er Germanistik und Philosophie an der Universität Bonn, arbeitet als Lektor und spielt Bass in einer Krautrock Band.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.

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