Und in mir ein Ozean von Dennis Stephan | Rezension

„Und in mir ein Ozean“ von Dennis Stephan erzählt vom Leben des jungen Außenseiters Arthur. Im Roman begleiten wir den Protagonisten bei seinen Versuchen, sich aus einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung zu lösen und später der Umklammerung der Vergangenheit zu entkommen. Arthur landet in Hamburg, Amsterdam und Berlin. Er trifft Menschen, die es gut mit ihm meinen und Menschen, die ihm nicht guttun. Er verliebt sich, er verwundet andere und wird verwundet. Und immer bleibt er auf der Suche, rastlos, fest im Griff seiner eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Wer meinen Blog kennt weiß, dass ich Entwicklungsromane heiß und innig liebe. Ob dieser Roman mich ebenfalls überzeugen konnte, erfahrt ihr hier.

Der Reifeprozess von Arthur umfasst insgesamt vier Stationen. Seine Kindheit verbringt er auf Rügen, wo er mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem abgelegenen Haus in den Dünen lebt. Die Inselbewohner begegnen ihnen mit Skepsis, denn die Mutter eckt mit ihrem Glauben und ihrer Weltanschauung an. Die wenigen Freunde die Arthur hat, verliert er und am Ende, kaum dass er volljährig ist, verliert er auch seine Mutter.

Leid und Tod und Zerstörung gehören zum Leben wie Freude und Leben und Harmonie. Alles gleicht sich aus. So etwas wie Fairness gibt es nicht. Gut und Böse sind vom Menschen erfundene Kategorien.

Und in mir ein Ozean, S. 76/77

Auf sich allein gestellt, ergreift er die Flucht nach vorne. Er landet in Hamburg, wo er als Zivi in einer Pflegeeinrichtung arbeitet. Anschluss findet er auch dort nicht, er bleibt für sich, bis er nach einer Prügelei vom stinkreichen Gunther von der Straße aufgesammelt wird. Gunther nimmt ihn unter seine Fittiche, stattet ihn mit einer Kreditkarte aus und entführt Arthur in die Welt der Schönen und Reichen. Denn Arthur ist schön, und Geld und Schönheit bedeuten Macht, so lehrt Gunther ihn. Immer tiefer versinkt er in einem Sumpf aus Drogen und Alkohol, genießt es, auf diese Weise seinen Gedanken entfliehen zu können, nur um am Ende zu merken, dass dieses Entkommen nur oberflächlich und unecht ist.

Nach einem tragischen Vorfall und einem Autounfall flüchtet er erneut und wagt einen Neuanfang in Amsterdam. Dort lernt er Daniëlle und Ruben kennen, die ihn bei sich aufnehmen, ihn durch den kalten Entzug begleiten und ihm ein Zuhause bieten. In Amsterdam dreht sich alles um die Kunst und um die Liebe. Arthur wird Teil der Beziehung, doch nur Ruben wird seine erste große Liebe. Er versinkt in ihr und erlebt den zweiten großen Verlust seines Lebens. Mit gebrochenem Herzen reist er nach Berlin, wo er Fleur kennenlernt und in einem Bioladen jobbt. Die innige Freundschaft zu Fleur und die halbherzige Beziehung zu Thomas, einem Amerikaner, markieren diese Station.

Ich wollte ausweichen. Wollte mich umdrehen und wortlos und ohne Erklärungen davonspazieren, mich zurückziehen in das kahle Zimmer in der grauenvollen Wohnung. Mich zusammengefaltet wie eine Geburtstagskarte in einem Schuhkarton verstauen. Ich wollte allein sein – obwohl ich seit Monaten nichts anderes war als das.

Und in mir ein Ozean, S. 62

Es sind Zufallsbekanntschaften, die Arthur auf seinem Weg begleiten und die ihn in seiner Entwicklung unterstützen, prägen und herausfordern. Die an dem Kern seiner Schwierigkeiten nagen, die ihn schlussendlich dazu bringen, sich mit seiner Vergangenheit und der Beziehung zu seiner Mutter auseinanderzusetzen. Denn wohin Arthur auch flieht, immer überschattet eine tiefe Traurigkeit all seine Freundschaften und Beziehungen.

In Berlin beginnt er mit einer Therapie und hier wird der Roman richtig intensiv. Die Fäden kommen zusammen, alles, was Arthur in Hamburg, Amsterdam und Berlin erlebt hat, macht auf einmal Sinn. Man leidet mit ihm, man beginnt die vielen Schichten zu sehen, die Arthur sich wie einen Schutzmantel umgelegt hat. Am Ende schließt sich der Kreis, Arthur kehrt nach Hause zurück und hat die Chance, Wunden heilen zu lassen.

Wir sind Waren, die einander verbrauchen. Alle haben wir diesen unstillbaren Hunger danach, die Leere in uns zu füllen, und glauben, Liebe oder Zärtlichkeiten würden diesen Hunger beenden, dabei verschlingen wir einander nur, ohne satt zu werden.

Und in mir ein Ozean, S. 206

Dennis Stephan hat mich mit „Und in mir ein Ozean“ vollkommen gepackt. Ich habe jede Seite geliebt und die Geschichte wird noch lange nachklingen. Neben der Geschichte an sich und der sehr glaubwürdigen und sympathischen Figur von Arthur, hat mir außerdem der selbstverständliche und durchweg offene und vorurteilsfreie Umgang mit Transgender, Homosexualität, jedweden Beziehungsformen und Religiosität sehr gut gefallen. Das sollte heutzutage einfach Standard sein. Hinzu kommt ein Schreibstil, der hier und da vielleicht etwas übertrieben wirken mag, der für mich aber genau die richtige Dosis Gefühl und Tiefgang enthielt.

„Und in mir ein Ozean“ von Dennis Stephan ist ein feinfühliger Entwicklungsroman, in dem der Autor ganz nah an seinem Protagonisten bleibt. Er befasst sich mit einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung und damit, welche Kerben solch eine Beziehung im Herzen eines Kindes hinterlässt. Liebe, Vertrauen, Nähe und Vergebung sind dabei zentrale Motive. Für mich war dieser Roman ein großartiges Leseerlebnis, er steckt voll überraschender Wendungen, er ist tiefsinnig und berauschend schön.


Und in mir ein Ozean

Verlag (Copyright Cover): Querverlag
Preis: 16.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-89656-281-4
Erscheinungstermin: 2. September 2019

Der zartbesaitete Arthur wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter an der deutschen Ostseeküste auf. Seinen Vater kennt er nicht, Freunde hat er kaum.

Von den Nachbarn geächtet, leben Mutter und Sohn in ihrer eigenen Welt, in der Träume so wirklich scheinen wie die unkontrollierte Wirkung leise geflüsterter Zaubersprüche. Dann verschwindet die Mutter ohne Worte des Abschieds, und die Unschuld zerbricht.

Für Arthur beginnt eine lange Reise des Erwachsenwerdens, die er antritt, um all jene Rätsel seiner Kindheit zu lösen.

Autor*in: Dennis Stephan wurde 1989 in Berlin geboren und ist damit Teil einer Generation, die immer auf der Suche ist nach sich selbst, einander und dem Etwas, das alles verbindet. Er studierte Journalistik in Magdeburg und arbeitet heute als freier Journalist, Werbetexter und Autor. Sein Debütroman „Der Klub der Ungeliebten“ erschien 2013.  Im Querverlag erschienen: „Und in mir ein Ozean“.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.

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