Diese eine Lüge von Dante Medema | Rezension

Dante Medema reduziert „Diese eine Lüge“ auf das Wesentliche und erzielt damit eine maximale Wirkung. Erinnert hat mich dies an „The Wicker King“ von Kayla Ancrum, worin in komprimierten und teils surrealen Szenen von einer schwierigen Freundschaft erzählt wird. Dante Medemas Geschichte besteht aus Gedichten, E-Mails und Chatnachrichten, und dennoch (oder gerade deswegen) schafft sie es, tiefe Gefühle besonders hervorzuheben. Es geht um Delia, die im Rahmen eines Schulprojekts ihre DNA testet und herausfindet, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist. Vermutet hatte sie es schon lange, doch die Bestätigung wirbelt ihr Leben dennoch vollkommen durcheinander. Gleichzeitig muss sie sich weiter mit dem begonnenen Projekt auseinandersetzen und sich mit ihren Gefühlen für ihren Kindheitsfreund Kodiak befassen. Eine aufwühlende Handlung und ein Roman, der nicht nur aufgrund der Erzählform auffällt.

Der Roman besticht durch seine Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Emotionalität. Diese Wahrnehmung liegt für mich insbesondere im Schreibstil begründet. Was ist ausdrucksvoller als Lyrik? Was ist authentischer und ungekünstelter als E-Mails und Chatnachrichten an Freunde? Es sind ungefilterte Momentaufnahmen und zutiefst gefühlsbetonte Eruptionen, in denen sich Delia offenbart und all das ausspricht, was sie belastet.

Ich kann nichts sagen.
meine Worte sind verschwunden,
als wären sie
tausend Meilen weit
von meiner Küste fortgetrieben.

Diese eine Lüge, S. 113

Und das ist jede Menge, denn mit der Entdeckung, dass sie nicht die biologische Tochter ihres Vaters ist, gerät Delias gesamtes Weltbild ins Wanken. Während Jugendliche in ihrem Alter sowieso schon im Prozess der Identitätsfindung sind, wird es für Delia noch schwerer gemacht. Und das Schlimmste daran? Sie muss schweigen, um ihre Familie nicht zu zerstören. Diese Last, gepaart mit dem Druck, ein Projekt für die Schule zu bearbeiten, lässt ihr keine Ruhe. Sie beginnt zu straucheln, sie weist ihre beste Freundin ab, ihre Schwester, und letztendlich verliert sie zeitweise auch sich selbst. Die einzige verlässliche Konstante wird Kodiak, der mit ihr gemeinsam am Schulprojekt arbeitet und der ihre Sprache spricht und sie versteht. Doch kann er sie auffangen? Er, der doch selbst eine schwere Zeit hinter sich hat und gerade erst eine gewisse Stabilität wiedergefunden hat? Dante Medema beschreibt die Gefühle und Gedanken ihrer Protagonisten mit einer unglaublichen Sensibilität. Sie schaut ihnen ganz tief ins Herz und nahm mich als Leserin mit auf diesem Weg.

Flankiert werden die Protagonisten von starken Nebenfiguren. Da wäre Sana-Freundin, die mit Delia durch dick und dünn geht, die sie unterstützt, aber auch verletzt wird und ihren eigenen Weg finden muss. Da ist die Mutter, die an den Folgen der Lüge kaputtzugehen droht, die leidet und nicht weiß, was sie tun kann, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Da ist der Vater von Delia, der ahnungslos versucht, seine Frau zu trösten und für seine Tochter da zu sein. Da sind die altkluge ältere Schwester und die verwirrte und verängstigte jüngere Schwester, die nicht wissen, was in Delia vorgeht. Da ist Ms Nadeer, die Lehrerin von Delia, die an sie glaubt und ihr Talent fördern möchte. Und schlussendlich ist da Jack Bisset, der leibliche Vater. Zusammen ergibt dies ein komplexes Netz an Bedürfnissen, Wünschen, Vorwürfen, Wut und der Sehnsucht dazuzugehören.

Du hast unterschiedliche Hüte ausprobiert.
Das ist in Ordnung.
Das gehört dazu,
wenn man lernt, wer man ist.
Aber letztendlich geht es darum,
dass du dich wohlfühlst,
mit dem Du
in deinem Herzen.

Diese eine Lüge, S. 310

Was mich etwas umgetrieben hat ist die Frage, inwiefern es sich bei den Passagen in Gedichtform tatsächlich um Lyrik handelt und nicht vielmehr um Prosa. Oft lasen sich die Sätze wie Prosa, ich wünschte mir mehr Rhythmus, mehr das Gefühl, ein Gedicht zu lesen. Vielleicht liegt das aber auch an der Übersetzung? Doch letztendlich war es gleichgültig, denn wie auch immer man den Stil betiteln mag – was bleibt, ist eine verdichtete Form der Erzählung und das war letztendlich das, was für mich maßgeblich die Schlagkraft ausmachte. Zudem liebe ich die Doppelrolle der Lyrik, da Delias Passion die Lyrik ist und diese auch in ihrem Projekt verwurzelt. Alles, was sie beschäftigt, fließt in Gedichte, sie verpackt ihre Erlebnisse in Worte, schnürt sie fest und versucht, sie auf diese Weise zu verarbeiten. Ein verzweifelter Versuch, alles greifbarer, kontrollierbarer und geordneter werden zu lassen.

Was ich zu guter Letzt nicht unerwähnt lassen möchte, ist die Diversität in „Diese eine Lüge“. So stammt Delia von den Tlingit ab, einer indigenen nordamerikanischen Bevölkerungsgruppe, Sana-Freundin ist lesbisch und weitere Figuren sind indischer und asiatischer Herkunft.

„Diese eine Lüge“ von Dante Medema ist ein bemerkenswertes Jugendbuch über die Identitätsfindung unter schwierigen familiären Voraussetzungen. Erzählt wird die Geschichte in Gedichten, E-Mails und Chatnachrichten, wodurch die Emotionen ungefiltert das Herz treffen. Die Autorin hat mir gezeigt, welche Kraft in Worten steckt, auch (oder gerade) wenn sie auf das Wesentliche reduziert sind. Ein intensives Leseerlebnis.


Diese eine Lüge

Copyright: Eichborn Verlag

Verlag: Thienemann-Esslinger Verlag
Preis: 18.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-522-20271-8
Erscheinungstermin: 15. Oktober 2020

Klappentext: Eine Lüge! Delias ganzes Leben basiert auf einer Lüge. Ihr Vater ist nicht ihr leiblicher Vater. Und Delia wurde nicht etwa adoptiert, nein, ihre Mutter hatte eine Affäre! Diese Erkenntnis verändert alles für das junge Mädchen. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Da fasst Delia einen Entschluss: Zurück zu ihren Wurzeln, sie muss ihren leiblichen Vater kennenlernen! Bei der Suche hilft ihr ausgerechnet der Bad Boy der Stadt, Kodiak. Während die beiden sich näher kommen, entfernt sich Delia immer mehr von ihrer Familie…

Autor*in: Dante Medema schreibt Bücher für junge Leser. Sie lebt in Anchorage, Alaska, mit ihrem Ehemann, vier Töchtern und einem Raum voller außerirdischer Fanartikeln – und natürlich Büchern. Wenn sie nicht schreibt, versucht sie sich im Backen, Dekorieren, Nähen und Malen. Außerdem interessiert sie sich für Enneagramm-Persönlichkeitstypen. 

Übersetzer*in: Bettina Obrecht


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


Weitere Stimmen zum Buch

Lisa von Trouvailles littéraires | Sanne von Sannes Bookcatalogue | Corinna von CorniHolmes

2 Gedanken zu “Diese eine Lüge von Dante Medema | Rezension

  1. Liebe Anna,

    wow, das habe ich bei dem Cover nie erahnt und es ist mir öfter über dem Weg gelaufen.
    Wie interessant, dass das Buch nicht die übliche Romanform beinhaltet. Das erinnert mich an Jason Reynolds. Meine Freundin hat mir erzählt, dass sein Buch „Long Way Down“ in Gedichtform geschrieben ist und die Thematik ist auch ziemlich hart.
    Solche Bücher sind bemerkenswert in ihrer Art.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Tina,
      ich hatte das Cover zuvor und auch nach dem Lesen nirgends gesehen. Aber ich bin beruhigt, dass du darauf aufmerksam geworden bist 🙂
      Jason Reynolds sagt mir nichts, allerdings habe ich von „Long Way Down“ schon gehört. Werde ich mir mal genauer anschauen! Danke für diesen Tipps!
      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt mir

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