Cryptos von Ursula Poznanski | Rezension

Mit „Cryptos“ hat Ursula Poznanski einen Climate Fiction-Roman geschrieben, der einen düsteren Blick in die Zukunft wagt. Die Erde ist heiß und trocken, das Land zu großen Teilen vom Meer überflutet und die Bevölkerungszahlen sind explodiert. Wie leben die Menschen unter diesen Bedingungen? Welche Konflikte entstehen? Welche Lösungsansätze gibt es? Dystopische Literatur über den Klimawandel ist seit einigen Jahren im Kommen und es ist interessant zu sehen, mit welcher Kreativität Autor*innen diesem Thema begegnen und gleichermaßen zu sehen, welche Überschneidungen es gibt. So handeln beispielsweise auch Eva Siegmunds „H.O.M.E.“-Reihe und Lena Wankes „Wo einst Leben war“ von Dürre, Wasserknappheit und dem mehr als fragwürdigen Handeln von Regierungen bzw. einflussreichen Unternehmen. „Cryptos“ reiht sich hier mit ein, es ist mein erster Roman von der Autorin.

Die Geschichte von Ursula Poznanski klingt nicht nur spannend, sie ist es auch. Inhaltlich erinnert sie mich ein wenig an „Otherland“ von Tad Williams, in dem das Netz, also das Internet, immer mehr an Bedeutung gewinnt. Virtuelle Realität und Simulationen sind hier die Stichworte. Die Idee ist mir also nicht neu. Auch in „Cryptos“ geht es um virtuelle Welten, die von Designern entworfen werden und in denen die Menschen den Großteil ihrer Zeit verbringen, weil die Realität keine ansprechende Alternative ist. Die Welt wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Die Bevölkerung lebt auf begrenztem Raum, die Böden sind trocken und unfruchtbar, es leben kaum noch Tiere, alles ist unwirtlich. Auch die Infrastruktur ist in sich zusammengefallen und in Häusern, Fabrikanlagen oder Schulen befinden sich neben den notwendigsten Dingen lediglich Kapseln, mit denen sich die Menschen in die designten Welten begeben. Dort essen und trinken sie, dort treffen sie Familie und Freunde, kämpfen gegen Drachen, Kinder gehen dort in Schulen und in Spielwelten. Wer in einer Welt stirbt, wacht lediglich in der Kapsel auf und kann in eine andere Welt reisen.

Die Protagonistin Jana denkt sich solche Welten aus, entwickelt und betreut sie. Das großartige Cover gewährt hier einen ansprechenden Eindruck in eine solche Welt. Gemeinsam mit anderen Designern arbeitet Jana für Mastermind, das Unternehmen, das die virtuellen Welten erdacht hat. Sie lebt wie wenige weitere Menschen dauerhaft in der realen Welt, trinkt nahezu ungenießbares Wasser und isst unappetitliches Essen. Doch eines Tages geht etwas gründlich schief: Jana ist in den Welten gefangen, der Ausgang bleibt ihr verwehrt und jemand hat in das Design ihrer Welten eingegriffen. Weshalb kann sie nicht aussteigen? Und was sind das für seltsame Hinweise in Form einer toten Taube, die ihr immer wieder gesendet werden?

Neben dem Plot, der bis zur letzten Minute spannend und nicht vorhersehbar ist, hat mich vor allem die Zukunftsvision fasziniert. Ursula Poznanski verwendet vor allem in der ersten Hälfte des Romans viel Zeit darauf, diese zu etablieren. So erfährt man als Leser, wie die Welten erschaffen werden, welche Regeln gelten und wie das Zusammenspiel zwischen dem Leben in der Realität versus dem in der virtuellen Welt funktioniert. Die Spannung baut sich sukzessive auf, was mir sehr gut gefiel. Erst ab der Hälfte des Romans spitzt sich die Handlung merklich zu und die allgemeine Ausrichtung wird klarer. Dabei steht immer das Erleben von Jana im Mittelpunkt, aus ihrer Perspektive wird die Geschichte erzählt.

Was mir in diesem Zusammenhang etwas missfiel, war die Entwicklung ihrer Figur. Ist Jana anfangs noch ziemlich unpolitisch und eher naiv, ändert sich ihre Einstellung ziemlich schnell. So ist sie zum Ende hin zur mutigen Anführerin avanciert, ein Entwicklungsschritt der mir einfach eine Spur zu groß war. Die Nebenfiguren bleiben insgesamt ziemlich blass. Das gilt auch für Tivon, der ab der Mitte des Romans ebenfalls eine tragende Rolle einnimmt. Das liegt meiner Ansicht nach darin begründet, dass Poznanski zwar in Ansätzen Gefühle und familiäre Beziehungen anspricht, diese aber nicht genug ausreifen lässt, es mangelt ihnen an Tiefe. Das tut der Geschichte jedoch nicht unbedingt weh, da die Story um Mastermind im Vordergrund steht und mich diese Handlung gut durch die Seiten trug.

Etwas zwiegespalten stehe ich der Auflösung gegenüber. Was hier offenbart wird ist relativ aufwühlend, gleichzeitig hat es sich die Autorin für meinen Geschmack etwas zu einfach gemacht. Doch dies ist sicherlich sehr stark Ansichtssache und auch wenn der Roman für mich dadurch nicht vollkommen gelungen endete, ist er doch in seiner Gesamtheit lesenswert.

„Cryptos“ von Ursula Poznanski ist ein temporeicher, spannender Climate Fiction Roman. Die Autorin wagt einen Blick in eine Zukunft, in der die Menschheit den schlechten Lebensbedingungen in virtuelle Welten entflieht. Ein interessantes Szenario, dass mich begeistern konnte. Daneben verblasste meiner Ansicht nach zwar ein wenig die Entwicklung der Figuren, doch das Thema und die Story faszinierten ausreichend. Die Auflösung las ich mit etwas gemischten Gefühlen, so dass mich das Ende nicht absolut überzeugen konnte – es erschien mir etwas zu einfach und ohne weitreichendere Komplikationen. Dennoch lohnt die Lektüre, denn es ist ein ideenreicher und spannender Blick in eine durchaus realistische Zukunft.


Cryptos

Copyright: Loewe Verlag

Verlag: Loewe Verlag
Preis: 19.95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-7432-0050-0
Erscheinungstermin: 12. August 2020

Klappentext: Kerrybrook ist Janas Lieblingswelt: Ein idyllisches Fischerdorf mit viel Grün und geduckten Häuschen. Es gibt Schafe, gemütliche Pubs und vom Meer her weht ein kühler Wind. Manchmal lässt Jana es regnen. Meistens dann, wenn es an ihrem Arbeitsplatz mal wieder so heiß ist, dass man kaum mehr atmen kann.
Jana ist Weltendesignerin. An ihrer Designstation entstehen alternative Realitäten, die sich so echt anfühlen wie das reale Leben: Fantasyländer, Urzeitkontinente, längst zerstörte Städte. Aber dann passiert ausgerechnet in Kerrybrook, der friedlichsten Welt von allen, ein spektakuläres Verbrechen. Und Jana ist gezwungen zu handeln…

Autor*in: Ursula Poznanski ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Jugendbuchautorinnen. Ihr Debüt Erebos, erschienen 2010, erhielt zahlreiche Auszeichnungen (u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis) und machte die Autorin international bekannt. Inzwischen schreibt sie auch Thriller für Erwachsene, die genauso regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden sind wie ihre Jugendbücher. Sie lebt mit ihrer Familie im Süden von Wien. Mehr über die Autorin unter ursula-poznanski.de.


Weitere Stimmen zum Buch

Mona von Tintenhain| Lisa von Prettytigers Bücherregal | Sandra von Miss Pageturner


2 Gedanken zu “Cryptos von Ursula Poznanski | Rezension

  1. Ich finde dystopische Sci-Fi Szenarien ja super interessant und spannend. Cryptos klingt da nach genau dem richtigen Buch für mich. Vor allem der VR-Aspekt, da diese Technologie ja auch schon in unserer Welt ziemlich weit fortgeschritten ist. Ich packs definitiv auf die Leseliste 2021!

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