Sommer der blauen Wünsche von Antje Babendererde | Rezension

Die Bücher von Antje Babendererde begleiten mich seit meiner Jugend. Ihre Geschichten über das heutige Leben der indigenen Völker Amerikas hatten mich berührt, wie beispielsweise zuletzt „Wie die Sonne in der Nacht“ oder „Schneetänzer„. Einfühlsam und lebensnah, gleichzeitig spannend für jugendliche und erwachsene Leser, werden darin die Lebensumstände, die Vergangenheit der Völker sowie heutige Konflikte beschrieben. Umso neugieriger war ich auf ihren neuen Jugendroman, „Sommer der blauen Wünsche“, der statt in Amerika in Schottland spielt, der sich der schottischen Clan-Historie widmet, mit einer Prise schottischer Rauheit vielleicht. Und was soll ich sagen? Was war dieser Roman wundervoll! Ich habe mich verliebt in Schottland und in diese Geschichte.

Doch von Anfang an. Worum geht es eigentlich? Wie in fast allen Romanen von Antje Babendererde beginnt die Geschichte mit einer Reise. Carlin flieht aus Berlin, wo sie mit ihrer psychisch kranken Mutter lebt, zu ihrer Oma in eine Kleinstadt im Norden Schottlands. Hier hofft sie, zur Ruhe zu kommen, denn in Berlin haben die Stimmungsschwankungen ihrer Mutter ihr Leben bestimmt. Hinzu kommt eine bittere Erfahrung mit der Liebe, die sie am liebsten vergessen möchte. In Schottland empfangen sie die weite Landschaft und das raue Meer und Carlin hat zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das Gefühl, durchatmen und nur sie selbst sein zu können. Doch kaum ist sie angekommen, lernt sie den launischen Arran kennen. Durch ihn erfährt Carlin mehr über das Land, aber auch, wie die Vergangenheit der Clans bis heute das Leben der Bewohner Caladales bestimmt. Und während sie noch damit beschäftigt ist, deren Konflikte zu verstehen und sich ihrer Gefühle für Arran klar zu werden, merkt sie, dass sie ihrer eigenen Vergangenheit ebenfalls nicht entfliehen kann.

Das Meer, es lockt Dinge aus einem heraus, die tief vergraben sind. Und sei es ein kindlicher Traum, der sich anfühlt wie eine Erinnerung.

Sommer der blauen wünsche, Seite 56

Die Handlung mag, wenn man viel im Genre Young und New Adult liest, etwas abgenutzt klingen. Doch dem ist ganz und gar nicht so. Die Autorin hat mit „Sommer der blauen Wünsche“ wie so oft eine ganz besondere Geschichte erzählt. Das liegt unter anderem an ihrer Art, die Realität immer auch mit einem Hauch Magie zu verbinden. In früheren Büchern waren es die Rituale der indigenen Völker und ihre Verbundenheit mit der Natur, die dies herbeiführten. Hier ist es der Aberglaube der Bewohner Caladales, die tiefe Verwurzelung mit der Vergangenheit inklusive Landeroberungen und Clan-Fehden, und natürlich die atemberaubend schöne Landschaft, die alles etwas geheimnisvoll wirken lassen. Ich war ganz gebannt von dieser Mischung.

Auch ihren Figuren begegnet Babendererde mit viel Tiefsinn und Feingefühl. Carlin ist hin- und hergerissen zwischen der Verantwortung für ihre Mutter und der neu gewonnen Freiheit in Schottland. Arran hadert mit seinem Schicksal, ihn belasten Schuldgefühle, denen er durch Teilnahmslosigkeit zu entkommen versucht. In beide konnte ich mich unmittelbar hineinversetzen. Auch die Nebenfiguren sind vielschichtig ausgearbeitet. Besonders schätze ich an „Sommer der blauen Wünsche“, dass die Gefühle der Protagonisten nicht in kunstvollen Metaphern beschrieben, sondern schlicht und klar benannt werden. Zudem sind die Figuren absolut realistisch gezeichnet. Arran ist beispielsweise oft verschwitzt, wenn er im Rollstuhl fährt. Er trinkt zu viel, er kifft, er prügelt sich und ist die meiste Zeit weit davon entfernt, der Held der Geschichte zu sein. Doch darauf kommt es gar nicht an. Gerade diese Unvollkommenheit ist es, die die Figuren so einnehmend macht. Sie machen Fehler, stehen dazu und lernen daraus, ohne dass dies dramatisch zugespitzt wird.

Wenn es um ihre wilden Träume ging, sprach sie immer von ihren blauen Wünschen.

Sommer der blauen wünsche, Seite 74

Die Spannung entsteht folglich nicht durch dramatische Cliffhanger oder überraschende Plottwists, sondern ganz natürlich. Das Lesen ist wie ein ruhiger Fluss, dessen Sog man sich dennoch nicht entziehen kann. So angenehm! Überhaupt ist das eine absolute Stärke der Autorin, die ich bislang in jedem ihrer Romane bewunderte. Nichts erscheint übertrieben, alles – die Figuren, die Landschaft – wirkt angenehm echt und greifbar. Man merkt, dass die Autorin für die Recherche vor Ort war und ihre Begeisterung für das Land unmittelbar auf das Papier übersetzte. Als Leserin war ich da: Am Meer, auf den windumtosten Wiesen und Weiden, in Caladale (übrigens ein fiktiver Ort), im Pub. Ich schmeckte den Whiskey, die salzige Luft, ich spürte den kalten Regen und die wärmenden Sonnenstrahlen. Herrlich.

Es steckt also ganz viel Liebe in „Sommer der blauen Wünsche“, die Liebe zur Landschaft und zu den Figuren. Dies spiegelt sich in der Gestaltung des Romans wieder. Die Details haben mich verzückt: Die Fotos auf der Innenseite der Klappenbroschur, die Antje Babendererde bei ihrer Reise durch Schottland zeigen, die Vogelbilder auf einzelnen Seiten und das wunderschöne Cover, das einen Eindruck von Freiheit vermittelt. Dieses hübsche Buch gesellt sich nun zu den anderen Romanen der Autorin, um irgendwann sicherlich erneut gelesen zu werden.

„Sommer der blauen Wünsche“ von Antje Babendererde erzählt unglaublich warmherzig und offen vom Erwachsenwerden, von der ersten Liebe und ernsten familiären Problemen. Ich war wie verzaubert – von den Figuren, vom Setting Schottland und von der Story im Allgemeinen. Ideal für alle, die Fernweh nach Schottland verspüren und sich mal wieder so richtig in einer Erzählung verlieren möchten!


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Sommer der blauen Wünsche

Copyright: Arena Verlag

Verlag: Arena Verlag
Preis: 15.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-401-60540-1
Erscheinungstermin: 11. März 2021

Klappentext: Nach ihrem Schulabschluss muss Carlin einfach weg aus Berlin und fort von den Problemen ihrer Mutter, die sie so lange gedeckt hat. Ihre eigenen Bedürfnisse hat sie tief in ihrem Herzen vergraben – damit ist jetzt Schluss! Bei ihrer Oma in Caladale im Norden Schottlands angekommen, nagen Carlins Schuldgefühle an ihr. Aber in der wilden Einsamkeit der Highlands verspürt sie zum ersten Mal eine unglaubliche Freiheit.

In dem verwunschenen Küstenort begegnet Carlin Arran Mackay. Er sitzt im Rollstuhl und ist der wohl nervtötendste Schotte der ganzen Grafschaft. Carlin begreift, dass im Land der Legenden alte Feindschaften zwischen den Clans noch immer das Leben der Menschen bestimmen.

Als sich dann Veränderungen wie Sturmwolken am Horizont zusammenbrauen, muss Carlin eine Entscheidung treffen. Denn es geht um die Zukunft Caladales! Und ausgerechnet Arran scheint das egal zu sein. Wird Carlin den Mut haben, für ihre Liebe und den Sommer der blauen Wünsche zu kämpfen?

Autor:in: Antje Babendererde, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf und arbeitete als Hortnerin, Arbeitstherapeutin und Töpferin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Seit vielen Jahren gilt ihr besonderes Interesse der Kultur, Geschichte und heutigen Situation der Indianer. Ihre einfühlsamen Romane zu diesem Thema fußen auf intensiven Recherchen und werden von der Kritik hoch gelobt. Mit „Isegrim“ und „Der Kuss des Raben“ kehrte die Autorin zu ihren Thüringer Wurzeln zurück. Ihr Roman „Sommer der blauen Wünsche“ entführt Antje Babendererdes Leser in die schottischen Highlands, an die die preisgekrönte Autorin auf ihren Reisen ihr Herz verloren hat.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


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