Zwischen uns tausend Bilder von Neda Alaei | Rezension

Es gibt Bücher, die treffen mich einfach mitten ins Herz. „Zwischen und tausend Bilder“ von der norwegischen Autorin Neda Alaei ist eines davon. Jedes Wort hinterließ eine brennende Spur. Wow. Ich hatte das schon im Gefühl, als ich in der Vorschau des Thienemann-Esslinger Verlags zum ersten Mal darüber stolperte, doch dass es mich derart berührt, hatte ich nicht erwartet. Es geht um Sanna, deren Mutter vor einem Jahr starb, und die sich seitdem um ihren Vater kümmert, der sich entweder in seine Arbeit stürzt oder gar nicht erst aufsteht. So oder so ist er eines nie – für Sanna da. Sie versucht, so gut es geht zurechtzukommen, Schule, Haushalt und die Abkehr ihrer besten Freundin zu bewältigen und den Vater zu umsorgen. Und dann ist da noch Yousef, der Neue in ihrer Klasse, der Fotografie genauso liebt wie sie und an den sie immer öfter denken muss. Über all dem vergisst sie jedoch, an jemand ganz Wichtiges zu denken, nämlich sich selbst. Was solche ein Situation emotional, psychisch und körperlich mit einem jungen Menschen macht, davon erzählt dieses Buch.

Dass „Zwischen uns tausend Bilder“ mir so unter die Haut ging lag unter anderem daran, dass die Figur von Sanna so nahbar war. Dies wurde stilistisch durch die Ich-Perspektive und die Nutzung des Präsens erreicht. Alles geschieht unmittelbar, als Leser:in ist man überall dabei – in Sannas Herz und in ihrem Kopf – und schon alltägliche Handlungen offenbaren intensive Gefühle. Wenn sie die Wohnung putzt, ihrem Vater Kaffee kocht und eine Notiz mit Herz hinterlässt, sie im Hof sitzt und den Nachbarskater krault. Überall schlummern die Emotionen und sie warten nur darauf, herauszubrechen.

Ich reiche nicht aus, meine Arme sind zu kurz. Ich kann ihn nicht berühren, kann ihn nicht umarmen. Kann die Welt und mich nicht gleichzeitig festhalten.

Zwischen uns tausend Bilder, Seite 154

Doch bevor dies geschieht, ist Sanna davon überzeugt, alles hinzubekommen. Hinbekommen zu müssen. Sie muss funktionieren, die Erwachsene sein und ihren Vater schützen, schließlich ist er alles, was sie noch hat. Ihre beste Freundin hat sich abgewandt und eine neue Freundin gefunden. Niemand ist da, mit dem sie reden könnte, gleichzeitig gibt es so vieles, über das sie nicht reden kann. Dinge, die sie selbst nicht versteht, von denen sie so überfordert ist, dass sie alles lieber ganz tief in sich vergräbt. Oder in Kaffee ertränkt, von dem sie viel zu viel trinkt. Doch wer funktionieren und Erwachsen sein muss, tauscht eben Kakao gegen Kaffee. „Ich mache alles wieder gut“, sagt sie sich, und isoliert sich zunehmend von der Welt.

Das Brot schmeckt fade, aber ich esse weiter, weil das normal ist, weil man das so macht. Ich sehe mich um und hoffe, die anderen sehen, wie ich esse und trinke und wunderbar allein klarkomme.

Zwischen uns tausend Bilder, Seite 196

Die Handlung reduziert sich folglich immer mehr auf ihre Gedankenwelt und ihre Empfindungen. Wären da nicht die kurzen Lichtblicke, die Treffen mit Yousef, der sie zum Fotografieren animieren möchte. Sieht er, was mit Sanna los ist? Und was ist mit Trine, Sannas Lehrerin? Auch sie spürt, dass etwas in Sannas Leben ganz und gar nicht in Ordnung ist. Doch können sie etwas ausrichten oder prallen sie an dem Schutzwall ab, den Sanna um sich herum erreichtet hat?

Neda Alaei erlaubt es ihrer Geschichte, sich in einem behutsamen Tempo entwickeln, nichts wirkt übereilt oder gar unnötig dramatisiert. Ebenso sucht man auch vergeblich nach einer Liebesgeschichte. Was Sanna und Yousef verbindet, ist weitaus zarter und echter, es ist eine zaghafte Annäherung, ein Suchen und vielleicht irgendwann auch ein Finden. Wer weiß? Echt ist überhaupt ein weiteres gutes Stichwort. Denn so fühlt sich „Zwischen uns tausend Bilder“ an. Das mag an der beruflichen Erfahrung der Autorin als Sozialarbeiterin liegen. In ihrem Job wird sie unter Umständen mit eben solchen Schicksalen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert und erlebt hautnah mit, wie es ihnen geht.

Ich habe Angst, dass ich laut losschreie und schluchze, dass ich explodiere und Papa und ich in Stücke zersplittern.

Zwischen uns tausend Bilder, Seite 174

Das Motiv des Fotografierens zieht sich durch die gesamte Geschichte. Das fand ich wundervoll, denn es stellt einerseits für Sanna eine Verbindung zu ihrer Mutter dar, die leidenschaftlich gerne fotografierte. Andererseits ermöglicht ihr das Fotografieren den Kontakt zu Yousef, er und die Bilder sind wie ein Strohhalm, der sie vor dem Ertrinken rettet. Zeitgleich ist die Symbolkraft großartig, denn Sanna fehlt zu Beginn der Mut, Fotos zu schießen. Zu sehr setzt sie sich unter Druck, die Bilder müssten ihr perfekt gelingen. Und was soll sie überhaupt fotografieren? Was möchte sie mit ihren Bilder erzählen? Was wagt sie, preiszugeben? Was wird für die Welt sichtbar, wenn sie fotografiert? Hier bleibt ganz viel Interpretationsraum für Leser:innen.


„Zwischen uns tausend Bilder“ von Neda Alaei hat mich wahnsinnig berührt. Was für eine atmosphärische und emotionale Geschichte. Sanna nahm mich mit in ihre Welt, die voll ist von der Sorge um ihren Vater, Trauer über den Verlust ihrer Freundin und sanfter Freude am Kontakt zu Yousef. Vor allem aber spürte ich ihre Einsamkeit und ihre Überforderung. Wenn es einer Autorin gelingt, mich so intensiv an einer Geschichte teilhaben zu lassen, ist das etwas ganz Besonders. Ich hoffe inständig, dass sich noch viele andere mitnehmen lassen!

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Zwischen uns tausend Bilder

Copyright: Thienemann-Esslinger Verlag

Verlag: Thienemann-Esslinger Verlag
Preis: 14.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-522-20272-5
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Erscheinungstermin: 23. Februar 2021

Seit ihre Mutter gestorben ist, muss die 14-jährige Sanna dabei zusehen, wie ihr Vater immer mehr in sich selbst verschwindet. Sanna sucht Trost in der Fotografie. Die Bilder helfen dir, die Welt zu sehen, hat ihre Mutter gesagt. Auch wenn die Welt manchmal hässlich ist und die frühere beste Freundin dem Jungen näher kommt, mit dem Sanna ihre Leidenschaft teilt. Doch genau dadurch findet sie schließlich den Mut, sich der Realität zu stellen und eine eigene Perspektive zu entwickeln.

Autor:in: Neda Alaei, geboren 1991, wuchs in Moss auf und lebt heute in Oslo. Sie ist Absolventin des Norwegischen Kinderbuchinstituts und arbeitet als Sozialarbeiterin. Zwischen uns tausend Bilder ist ihr erster Roman.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


Ein Gedanke zu “Zwischen uns tausend Bilder von Neda Alaei | Rezension

  1. Oh Anna,

    das klingt unfassbar traurig und irgendwie auch schön, weil es so nhabr ist. Ach Mensch, so ein Schicksal, so viel Tapferkeit. Das geht mir auch nahe. Danke für die Empfehlung. Ich merk es mir.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

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