Wie man eine Raumkapsel verlässt von Alison McGhee | Rezension

Sowohl am Klappentext als auch an diesem großartigen Cover kam ich nicht vorbei. „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ von Alison McGhee hatten mich vom Fleck weg neugierig gemacht. „Will ist einer, der geht“, lautet der erste Satz vom Klappentext. „Manchmal muss man sich den Tag rauslaufen“, sagt er. Er geht an vielen Orten und Menschen vorbei, doch viel interessanter sind die Orte, an denen er nicht vorbeigeht. Eine Brücke, einen Laden und das Haus seiner besten Freundin. Warum das so ist, erschließt sich dem/r Leser/in erst im Verlauf des Buches. In kurzen Episoden wird Will’s Alltag eingefangen, kleine Momentaufnahmen, mehr nicht, manchmal bestehen die Episoden gar nur aus Gedanken. Ich hatte anfangs mehr erwartet, ich war enttäuscht, dass dieser Roman nicht mehr Text hat, nicht ausführlicher beschreibt, nicht mehr in die Tiefe geht. Denn das Thema an sich ist wahnsinnig gut und interessant! Warum nur so wenige Zeilen darauf verwenden? Doch nun, im Nachhinein, merke ich, dass zumindest auch so etwas nachwirkt.

Beim Aufschlagen des Buches war ich sehr überrascht über die Gestaltung. Jeweils auf der linken Seite befindet sich eine Kalligrafie, rechts wird die halbe Seite von Text eingenommen. „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ ist dadurch ein äußerst komprimierter Roman. Also rechnete ich mit tiefgründigen Aussagen, Beobachtungen mit Tragweite und geballter Emotionalität. Doch wieder wurde ich überrascht. Die geschilderten Situationen sind teils sogar ziemlich banal, vor allem, wenn Will von seinem Job und seinem Chef „Major Tom“ erzählt. Oder von dem Nachbarskind, das Schmetterlinge beobachtet. Was soll ich als Leserin aus diesen Zeilen mitnehmen? Was sollen sie in mir auslösen? Alison McGhee ließ mich ratlos stehen.

Doch ab der Mitte des Romans verlagert sich der inhaltliche Schwerpunkt. Will beginnt, über sein Gehen zu reflektieren, er lässt Erinnerungen zu an Erlebnisse, die sich in sein Herz gekrallt haben und wegen denen er bestimmten Orten aus dem Weg geht. Hier wird man als Leser:in langsam abgeholt, man erfährt, was Will widerfahren ist und was ihn belastet. Warum er das Maisbrot unbedingt perfekt hinkriegen muss. Warum er den Kontakt zu seiner Freundin Playa meidet. Langsam zeigt sich das vollständige Bild eines jungen Lebens, das erschüttert wurde.

Wünschst du dir manchmal, es gäbe eine Art Frühwarnsystem? Das Alarm gibt, wenn gewissen Dinge auf dich zukommen? Damit du die Augen fest zumachen kannst, bis vorüber ist, was sich dir ins Herz krallt?

Wie man eine Raumkapsel verlässt, Seite 149

Doch wer ist dieser Will eigentlich? Zwar kommen einige Hintergründe zu seinem Leben ans Licht, doch die Figur von Will blieb für mich wenig greifbar. Er geht zur Schule, er hat einen Job, er hat Freunde, er kommt gut mit Menschen zurecht, verstellt sich ihnen gegenüber aber auch gerne absichtlich. Seine Mutter liebt ihn. Doch darüber hinaus ist er wie eine weiße Wand, man kann ihm nach eigenem Gutdünken Eigenschaften zu- oder absprechen und ihn nach den eigenen Vorstellungen formen. Das störte mich nicht allzu sehr, doch ich hätte ihn gerne mehr in ehrlicher und offener Konversation bzw. Interaktion mit Freunden oder der Mutter erlebt, um ein besseres Verständnis von ihm zu bekommen. Weitere Figuren, Wills Vater, Playa und Major Tom, spielen nur am Rande eine Rolle. Auch hier hätte ich mir gewünscht, dass die Beziehungen der Figuren zu Will stärker ausgebaut worden wären.

Was ich hingegen sehr an der Geschichte mochte, war die Ruhe, die sie beim Lesen ausstrahlt. Sie wirkt beinahe träumerisch und kommt ganz ohne Dramatik aus. Dennoch sind die Gefühle da, sie liegen nur zwischen den Zeilen versteckt. Sicherlich bietet „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ viel Potenzial zur Analyse für alle, die sich dafür begeistern. Die Autorin lässt hier genügend Freiraum zur Interpretation. Für alle, die lieber einen klassischen Roman lesen, könnte „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ hingegen vielleicht ein Fehlgriff sein.


„Wie man eine Raumkapsel verlässt“ von Alison McGhee ist ein ungewöhnlicher Roman, der in kurzen Episoden das Leben des jungen Will beleuchtet. Es ist keine Erzählung im gewöhnlichen Sinn, sondern vielmehr eine teils zusammenhanglose Ansammlung von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Anfangs war ich enttäuscht, eine derart bruchstückhafte Geschichte in Händen zu halten, nichtsdestotrotz wirkt sie nach und rückblickend habe ich sie gerne gelesen. Eine Empfehlung für alle, die sich gerne auf assoziative und experimentelle Geschichten einlassen.

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Wie man eine Raumkapsel verlässt

Copyright: dtv Verlag

Verlag: dtv Verlag
Preis: 12.95 Euro
Format: Klappenbroschur
ISBN: 978-3-423-64071-8
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Erscheinungstermin: 23. April 2021
Content Notes: Suizid, Vergewaltigung

Will ist einer, der geht. Von zu Hause zur Schule zur Arbeit und wieder zurück. Tag für Tag. Er geht an diesem kleinen Kerl vorbei, der auf Schmetterlinge wartet. Vorbei an Superman, dem Obdachlosen. Vorbei an dem wahnsinnigen Hund, der immer bellt.

Aber es gibt auch Orte, an denen will er nicht – kann er nicht – vorübergehen: der Brücke über die Fourth Street, den Laden mit den hundert chinesischen Segenssprüchen, dem Haus seiner Freundin Playa. Aber dann legt ihm das Universum unerwartet Hindernisse in den Weg. Und Will muss herausfinden, wie er auf seine Probleme zugehen kann, statt vor ihnen wegzulaufen.

Autor:in: Alison McGhee, 1960 geboren, hat zahlreiche hochgerühmte Romane für Erwachsene, Kinder und Jugendliche veröffentlicht, die vielfach ausgezeichnet wurden. Unter anderem war sie für den Pulitzerpreis nominiert. Mehrfach stand sie auf Platz 1 der ›The-New-York-Times‹-Bestsellerliste.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


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