Der Mauersegler von Jasmin Schreiber | Rezension

Die Themen Krankheit, Tod und Trauer spielten in „Marianengraben“, dem Debütroman von Jasmin Schreiber, eine zentrale Rolle. In ihrem neuen Roman greift sie diese Themen erneut auf, setzt jedoch andere Schwerpunkte. In „Der Mauersegler“ es geht um Reue und Schuld, um Ambitionen und Fehler im eigenen Handeln. Wie lebt man mit tragischen Konsequenzen? Kann man vor den eigenen Fehlern weglaufen? Kann man vor sich selbst fliehen? „Der Mauersegler“ hat mich durchweg begeistert, der Roman ist zutiefst emotional, ich schwankte zwischen Wut, Fassungslosigkeit, Ohnmacht und Traurigkeit. Und dennoch hat Jasmin Schreiber es auch hier wieder geschafft, mich zum Lachen zu bringen. Eine großartige Mischung und ein wundervolles Werk, über das ihr hier mehr erfahrt.

In „Der Mauersegler“ geht um Prometheus, Arzt und bester Freund von Jakob, der kurzem an Krebs starb. Getrieben von Trauer und Schuld fährt er nach Dänemark, auf der Flucht vor sich selbst, Freunden und Familie. Ich spürte unmittelbar, dass ihn etwas sehr Schweres belastet. Das zeigen die rasenden, unzusammenhängenden Gedanken, die panisch an das Lenkrad gekrallten Hände, die Orientierungslosigkeit. Jasmin Schreiber greift die Stimmung des Protagonisten sprachlich auf, sie schreibt abgehackt, ein Satz jagt den anderen, gleichzeitig erzählt sie enorm bildhaft, mal wirkt alles zu grell und zu intensiv, die Welt erdrückte mich ebenso, wie sie Prometheus erdrückt. Mal verliert sich alles in einem diffusen Nebel. So oder so explodierten die Gefühle förmlich auf den Seiten und ich konnte mich einfühlen in seinen Schmerz und seine Verzweiflung.

„Mauersegler haben Füße, die nicht für das Laufen auf dem Boden ausgerichtet sind. In der Luft sind sie graziös und fliegen so elegant daher, aber am Boden sind sie verloren. […] Ein geschwächter Mauersegler kommt allein nicht mehr hoch, ist er einmal abgestürzt. Man muss ihn in die Luft werfen, dann kann er weiterhelfen.“

Der Mauersegler, Seite 222/223

Geradezu absurd erscheinen diese tiefen Emotionen, wenn man sie von außen betrachtet – wenn Tiere, Wälder oder Pflanzen Prometheus „beobachten“. Der Mensch wird abstrahiert, er ist ein sonderbarer „Fleischling“, sein Verhalten ist für andere Lebensformen unerklärlich und, ehrlicherweise, vollkommen irrelevant. Die Natur und Umwelt auf diese Weise ins Schreiben zu integrieren ist, wie ich finde, so typisch wie naheliegend für Jasmin Schreiber, wenn man bedenkt, dass sie studierte Biologin ist. Zudem hebt diese Abstraktion menschlicher Gefühle und menschlichen Leidens das Verlorensein von Prometheus sehr schön hervor. Hatte er als Kind, gemeinsam mit seinem Freund Jakob, noch einen intensiven Kontakt zur Natur, so verlor Prometheus diesen Zugang als Erwachsener. Die Natur dient hier als starkes Sinnbild für Stärke und Kraft, für ein in sich ruhen. Dass Prometheus sich von der Natur immer weiter ab- und beruflichen Ambitionen und materiellen Besitztümern zuwendet, hat folglich nur eine zunehmende Unsicherheit und Instabilität zur Folge. Diese Verbindungen und möglichen Assoziationen gefielen mir sehr gut.

Prometheus hingegen gefiel mir mit jeder Seite, mit jeder neuen Erkenntnis weniger. Er ist ein überheblicher Lügner, feige, schwach, eifersüchtig und Statussymbole sind ihm wichtiger als alles andere im Leben. Oder wie er selbst es ausdrückt: „Weil ich ein verfickter, arroganter Pisser bin, weil ich denke, ich bin Gott“. Nichtsdestotrotz fand ich es äußerst spannend, Stück für Stück zu durchschauen und zu verstehen, weshalb Prometheus ist wie er ist, nachvollziehen zu können, weshalb er bestimmte Entscheidungen trifft. Das machte es nicht besser, machte ihn mir nicht sympathischer, doch genau das ist das Reizvolle an „Der Mauersegler“.

„Menschen tun schlechte Dinge nicht immer nur, weil sie schlecht sind. Oft wollen sie helfen, etwas besser machen, und das geht dann fürchterlich schief. So sind die Menschen eben.“

Der Mauersegler, Seite 145

In Dänemark trifft Prometheus auf Aslaug und Helle, zwei alte Frauen, die ihn bei sich Zuhause aufnehmen. Sie spüren, dass ihn etwas belastet, dass er „schuldig“ ist. Sie wissen aber auch, wie wichtig es ist, alle Gefühle zuzulassen, durch diesen Sumpf an Reue zu waten. Sie sind weise und stille Begleiterinnen, sie beobachten, geben Prometheus Aufgaben, sind mal freundlich, mal fordernd, aber sie sind immer da. Beständig wie Wind und Regen. Hier in Dänemark treffen die Natur und Prometheus‘ Innerstes zusammen, alles bricht auf und bringt in gut gesetzten Rückblicken zum Vorschein, was Prometheus belastet und zur Flucht gedrängt hat. Spätestens ab diesem Punkt wird „Der Mauersegler“ zum Pageturner.

Der Mauersegler selbst steht für mich in dieser Geschichte für die Sehnsucht nach Freiheit, nach Sorglosigkeit, Losgelöstheit oder auch dem Wunsch, ein erfolgreicher „Überflieger“ zu sein. Doch diese Freiheit ist mit Vorsicht zu genießen, denn stürzt ein Mauersegler ab, schafft er es aus eigener Kraft nicht wieder in die Luft. Diese Deutungsmöglichkeiten bilden eine schöne Metapher, die sich durch den gesamten Roman ziehen und ihn wunderbar abrunden.


„Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber handelt von Freundschaft, Reue und Schuld. Es geht darum, sich einer Schuld zu stellen und sie zu verarbeiten, um am Ende vielleicht wieder sich selbst und anderen Menschen ins Auge sehen zu können. Die Autorin beschreibt diesen Prozess so klug wie feinfühlig, nicht urteilend oder wertend, sondern gänzlich unbefangen. Ein wundervoller, trauriger, schmerzhafter und dennoch hoffnungsvoller Roman, der mit leisem Humor winkt, während man sich noch eine Träne fortwischt.

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Der Mauersegler

Copyright: Eichborn Verlag

Menschen träumen vom Fliegen, wovon träumt ein Mauersegler? Vielleicht vom Fallen, so wie wir an der Grenze zwischen Wachsein und Schlaf.Im freien Fall befindet sich auch Prometheus, als sein bester Freund Jakob stirbt. Nach einer überstürzten Flucht vor Polizei, Familie und sich selbst schlägt er am dänischen Strand auf. Der Mauersegler erzählt von einem Mann, der unter seiner Schuld zu zerbrechen droht. Und von zwei Frauen, die wenig Fragen stellen – wie alle Menschen, die ihre eigenen Geheimnisse haben.

Verlag: Eichborn Verlag
Preis: 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-8479-0079-5
Erscheinungstermin: 27. August 2021

Autor:in: Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Schriftstellerin. Ihr Bestseller „Marianengraben“ war das erfolgreichste belletristische Debüt 2020, im März 2021 folgte ihr humorvoll erzählerisches Sachbuch „Abschied von Hermine“, das sich ebenfalls in der SPIEGEL-Bestsellerliste platzieren konnte. Im Wissenschaftspodcast BUGTALES.FM erzählt sie von Nacktmullen, Bärtierchen und Walexplosionen. Gemeinsam mit einer absurden Anzahl an Tieren lebt Schreiber in Hamburg und macht das Internet auf Twitter und Instagram unter @LaVieVagabonde unsicher.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


Weitere Stimmen zum Buch

Hanna von Buchsichten

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