Tilda von Maiken Brathe | Rezension

Verlust und Trauer sind zentrale Themen in „Tilda“ von Maiken Brathe, einem emotionalen und feinfühligen Roman aus dem Ulrike Helmer Verlag. Genauso geht es aber auch um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit bzw. Kindheit, um nachteilige Verhaltens- und Beziehungsmuster sowie um Selbstfindung und Neuanfänge. Susanna hat ihre Partnerin Anna verloren. Tiefe Trauer umfängt Susanna, gleichzeitig brennt eine unbändige Wut in ihr – auf Anna, die eine andere Frau traf, auf ihre Mutter, die sie als Kind zu oft alleine ließ, und auf ihre Tante, die ihr etwas Wichtiges verschwieg. Wie soll Susanna mit all diesen Erkenntnissen umgehen? Und wie wirkt sich dies auf ihr Leben aus? Ein aufwühlender und vielschichtiger Roman über Familie, Freundschaft und die Liebe.

Nach dem Tod ihrer Partnerin verlässt Susanna ihr Haus nicht mehr, die Besuche von ihrer Mutter und ihrem Freund Chrischi lässt sie passiv über sich ergehen. Überhaupt ist Susanna eher der passive Typ, willenlos schon beinahe. So lässt sie ihre Mutter und ihren Freund in ihrem Haus rauchen, obwohl sie das hasst. So ließ sie Anna ihr Haus einrichten, obwohl sie ihren Geschmack nicht teilte. Immer mehr Erinnerungen stürmen auf sie ein, an ihre Mutter, ihre Tante, an Anna. Und damit einhergehend brechen immer mehr tief vergrabene Gefühle in ihr auf. Die Autorin schildert all dies mit viel Bedacht, sie schenkt den Gedanken und Gefühlen ihrer Protagonistin viel Raum, wodurch „Tilda“ zu einer sehr intensiven Lektüre wird.

Die Tropfen treffen sie, bahnen sich ihren Weg über ihre Kopfhaut und rinnen ihr ins Gesicht. Schutz will Susanna auch gar keinen. Soll doch alles auf sie einpreschen: der Regen, der Schmerz, die Wut, die Enttäuschung. Die Sanduhr einmal umdrehen will sie und die Lebenszeit neu herabrieseln lassen. Einmal Reset.

Tilda, Seite 46

Die Figuren sind sehr fein ausgearbeitet. Die ordnungsliebende Anna, die nichts dem Zufall überlässt und die sich in einer sterilen und sauberen Umgebung am wohlsten fühlt. Susannas Mutter, die selbst keine einfache Kindheit hatte und vor dem Alltag und der Verantwortung flieht – am liebsten in die Arme von Männern. Susannas Tante, die für sie wie eine Mutter war und ihr ein wenig Halt bot. Was sie alle eint: Sie haben oder hatten Geheimnisse vor Susanna. „Warum haben mich alle dumm gelassen? Die Tante! Mutter! Anna! Fuck, shit, piss, hell!“ schreit Susanna an einer Stelle im Buch heraus.

Susanna hingegen, und dieser Eindruck verstärkt sich mit jeder Seite, tappte bislang recht orientierungslos durch ihr Leben. Erst trieb sie durch das wilde Gewässer ihrer Kindheit, in der sie versuchte, möglichst geräusch- und anspruchslos zu sein. Dann übernahm sie das Haus ihrer verstorbenen Tante und richtete sich in diesem „fertig eingerichteten“ Leben ein, ließ es zu, dass Anna später „katalogisierte“, „ordnete“ und „sortierte“, ohne selbst mitzubestimmen . Im Gegenteil, sie nahm dies dankbar an, lehnte sich an diese feste Säule in ihrem Leben. Erst durch das Wegbrechen dieser Säule wird ihr nun bewusst, auf welch wackeligen Füßen sie steht. Und sie beginnt sich zu verändern.

„Manchmal ist loslassen schwerer als fallen.“ Sie neigt den Kopf zu dem Hund. „Verstehst du? Wenn du fällst, kannst du wieder aufstehen, aber beim Loslassen musst du etwas aufgeben.“

Tilda, Seite 136

Es sind solche Entwicklungen von Figuren, die einen Roman für mich sehr lesenswert machen. Betrachtungen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, wie sich das Verhalten von Eltern auf ihre Kinder auswirkt, wie es sie prägt: Die Angst vor dem Verlassenwerden, das Alleinsein, das sich ungeliebt und ungewollt fühlen. Aber auch, wie Eltern selbst geprägt wurden: Der Krieg, der Verlust der Eltern und Heimatlosigkeit sind hier die Stichworte. Spannend fand ich die psychologischen Aspekte, die mit all diesen Dingen zusammenhängen. Welche Verhaltensmuster wurden erlernt? Welche Bewältigungsstrategien wurden entwickelt? Wie können Muster durchbrochen werden, sofern sie einem nicht gut tun? All dies steckt in „Tilda“ und das war faszinierend.

Lediglich die Hilflosigkeit von Susanna, die sich zum Beispiel in einem Unvermögen Gespräche zu führen äußert, wurde für meinen Geschmack etwas zu sehr breitgetreten. Dadurch entstanden ein paar Längen und die fortwährende Passivität von Susanna wurde bisweilen anstrengend.

Sprachlich ist „Tilda“ sehr gelungen. Maiken Brathe beschreibt die Emotionen sehr einfühlsam, lässt aber auch immer wieder einen leisen Humor durchblitzen. Insbesondere die Szenen mit Susannas Mutter und ihrem Freund Chrischi entbehren nicht einer gewissen Komik – eine angenehme Leichtigkeit angesichts des schweren Themas.


„Tilda“ von Maiken Brathe ist ein einfühlsamer Roman über den Verlust eines geliebten Menschen und darüber, wie sehr Trauer lähmen und zum Stillstand zwingen kann. Es ist aber auch ein Roman über Selbstfindung und die Kraft, neu anzufangen. Mit ganz viel Ruhe erzählt, ist diese Geschichte besonders eine Empfehlung für LeserInnen, die gerne tief in die Gedanken- und Gefühlswelt von Figuren einsteigen möchten.

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Tilda

Copyright: Ulrike Helmer Verlag

Susanna trauert um Anna – und muss entdecken, dass es im Leben von Anna eine Tilda gab. Da geht für sie eine Welt unter, doch ihre schrullige alte Mutter und deren jungenhafter Lover Chrischi mischen sich ein und bringen Susanna mit Zuwendung und Penetranz wieder auf die Füße. Trost spenden auch ein tieftrauriger Hund namens Professor und nicht zuletzt: eine junge Buchhändlerin, die unwiderstehlich nach Blumenwiese duftet.

Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Preis: 20.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-89741-454-9
Erscheinungstermin: 23. August 2021

Autor:in: Maiken Brathe ist 1970 in Hamburg geboren und wuchs auf dem platten Land auf. Sie studierte Germanistik, Journalistik und Politische Wissenschaften. „Life can be a b witch“ – der Weg zur Schriftstellerei war ver­­­hext, aber inspirierend für erste Essays und Glossen für die Zeitschrift „mobil“ der Deutschen Rheumaliga sowie Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften und Anthologien. Neben Maiken Brathes Debütroman „Tilda“ erscheint 2021 ein Sachbuch über die Sterbebegleitung ihrer Mutter („Leg schon mal die Handtücher auf die schönsten Wolken“, Adakia). Als bekennendes Nordlicht lebt sie in der Nähe von Marsch und Elbe in Elmshorn und fotografiert Menschen und Schafe „op’n Diek“. Gewinnerin u.a. des Uli-Horn-Preises 2008, Preisträgerin des Edgar-Stene-Prize 2018. Website: http://maikenbrathe.com/.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


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