Mein Leben als lexikalische Lücke von Kyra Groh | Rezension

„Mein Leben als lexikalische Lücke“ von Kyra Groh handelt von Benni und Jule, zwei Jugendlichen, die sich selbst als „lexikalische Lücke“ beschreiben. Die Bezeichnung steht dafür, die eigenen Gefühle nicht in Worte fassen zu können und/oder nicht dazuzugehören. Jule hadert mit ihren Eltern und ihrem Bruder und deren rassistischen Meinungen und Äußerungen. Benni’s Mutter leugnet wissenschaftliche Fakten und stellt ihren Glauben über alles. Sowohl Benni als auch Jule fühlen sich nicht zugehörig, sehen sich aber außerstande, dies zu ändern. In ihrem neuen Roman schildert Kyra Groh sehr feinfühlig, wie es sich anfühlt, solch eine „lexikalische Lücke“ zu sein und wie sich diese Lücke unter Umständen schließen lässt. Gleichzeitig ist es auch eine wunderschöne, ernsthafte und authentische Liebesgeschichte.

„Mein Leben als lexikalische Lücke“ hat mich unerwartet stark begeistert. Was ich als Jugendbuch-Lektüre für zwischendurch betrachtete, wurde schnell zu einem Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen wollte. Die Geschichte traf nicht nur einen Nerv bei mir, sondern richtig viele. Ich fühlte mich verstanden, auch wenn ich inzwischen längst erwachsen bin. Doch vor allem in der Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin Jule habe ich mich sehr stark wiedergefunden. Insbesondere die Auseinandersetzungen über Rassismus und Umweltschutz mit den Eltern sowie das Zurückziehen in Traumwelten sind Themen, in die ich mich wahnsinnig gut einfühlen konnte.

Man kann nicht nur in einer gut isolierten Traumwelt leben, in der alles gut ist.
Ich weiß das. Denn ich habe des definitiv zu lange versucht.

Mein Leben als lexikalische Lücke, Seite 436

Jule ist Umweltaktivistin, Feministin, Aktivistin und ernährt sich vegan. Alles Dinge, die sie ihren Eltern und ihrem Bruder niemals sagen könnte, denn die haben dafür kein Verständnis. Stattdessen regen sie sich über „diese Ausländer“ auf und ihr Bruder schließt fragwürdige Freundschaften. Also schweigt Jule lieber und träumt von der Liebe. Sie ist gut darin, unsichtbar zu sein. Benni lebt mit seiner strenggläubigen Mutter auf engstem Raum zusammen. Einerseits kämpft er für seine Unabhängigkeit, er möchte ausziehen, studieren, Arzt werden, wie es wohl auch sein Vater war, doch er kann seine Mutter nicht alleine lassen. Also ist er der brave Sohn, der keinen Alkohol trinkt, kaum Freunde hat und der sich nicht für Mädchen interessiert. Er hat das Alleinsein perfektioniert. Wie können es beide schaffen, für ihre Wünsche, Ziele und Gefühle einzustehen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, anstatt sich zu verstecken?

Die Story überzeugte mich besonders dadurch, dass die Autorin ihren Figuren viel Zeit lässt, sich und andere wahrzunehmen, zu reflektieren, zu fühlen. Dabei geht nicht darum, die Themen aufzubauschen, sondern unaufgeregt, ehrlich und echt auf die Probleme von Jule und Benni einzugehen. Dadurch werden die Figuren unglaublich nahbar. Hinzu kommen Nebenfiguren, die Konflikte nähren oder dabei helfen, sie aufzulösen.

Wie ist man ehrlich, wenn man das Gefühl hat, selbst eine einzige Lüge zu sein?

Mein Leben als lexikalische Lücke, Seite 414

Auch sprachlich überzeugte mich „Mein Leben als lexikalische Lücke“ durchweg. Besonders charmant ist die Kommunikation zwischen Benni und Jule, denn schnell zeigt sich, dass sie beide ein ungewöhnliches Interesse teilen – die Faszination für besondere Worte. Wie „Kilig“, die Aufregung im Kontext einer Verliebtheit. Oder „Cafuné“, die Geste, mit der man einer geliebten Person durch die Haare streichelt. Nicht nur sind diese Worte einfach zauberhaft, sie verleihen auch der Liebesgeschichte Ausdruck, die sich immer mehr entfaltet. Wohlgemerkt eine Liebesgeschichte, die nicht den Zweck hat, die Lösung aller Probleme zu sein. Die Liebe gibt den Figuren lediglich die Kraft, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen und Veränderungen anzustreben.


„Mein Leben als lexikalische Lücke“ von Kyra Groh ist ein starkes Jugendbuch, das davon handelt, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich Widerständen zum Trotz für das einzusetzen, woran man glaubt. Konflikte innerhalb von Familien und im Freundeskreis, Rassismus, Religiosität und Umweltschutz sind hierbei zentrale Themen. Sehr empfehlenswert für alle LeserInnen, die sich für Jugendbücher begeistern.

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Mein Leben als lexikalische Lücke

Copyright: Arctis Verlag

Benni macht ein Praktikum im Frankfurter Krankenhaus und hat Angst, dass er es nie schaffen wird: Blut abzunehmen, vom nerdigen Benni zum coolen Ben zu werden, den allgegenwärtigen Kruzifixen in der beengten Wohnung seiner Mutter zu entkommen. Eingeengt fühlt sich auch Jule, und zwar von dem Weltbild ihrer Eltern. Denn die haben absolut kein Verständnis für vegane Ernährung, Freitagsdemonstrationen oder Anti-Rassismus-Plakate. Und sie würden schon gar nicht verstehen, dass ihre Tochter eigene Ideale vertritt und Teil einer Veränderung sein möchte, die die Welt so dringend braucht. Als die beiden innerlich zerrissenen Teenager aufeinandertreffen, wird ihr Leben bunter, komplizierter, aber auch so viel erträglicher!

Verlag: Arctis Verlag
Preis: 18.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-03880-044-6
Erscheinungstermin: 18. März 2021

Autor:in: Kyra Groh wurde 1990 in Seligenstadt am Main geboren. Sie begann bereits mit elf Jahren, ihre ersten Kurzgeschichten zu verfassen, und seither ist das Schreiben ihr fester Begleiter. Bisher hat sie fünf Romane veröffentlicht. „Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion“ ist ihr erstes Buch für Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Freund in Frankfurt am Main – und in ihren gemeinsamen vier Wänden läuft garantiert immer Musik, ein Hörbuch oder eine Netflix-Serie.


Weitere Stimmen zum Buch

Corinna von CorniHolmes

2 Gedanken zu “Mein Leben als lexikalische Lücke von Kyra Groh | Rezension

  1. Liebe Anna,

    ach, ich muss wirklich mal was von Kyra Groh lesen.
    „Sicherheit ist eine verdammt fiese Illusion“ steht schon ziemlich lange auf meiner WuLi. Ich habe die Autorin sogar mal auf der LBM getroffen, weil eine freundin von mir sie kannte. Damals hatte ich keinen Schimmer, was die Autorin schrieb… Inzwischen weiß ich es besser.
    Danke für den Tipp.

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

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