Crave von Tracy Wolff | Rezension

Ja, „Crave“ von Tracy Wolff ist ein Buch über Vampire und ja, es sieht den „Twilight“-Ausgaben übertrieben ähnlich – dennoch (oder vielleicht auch gerade deswegen) war ich neugierig auf diese Geschichte. Kann sie sich von der Twilight-Vampirromanze abheben oder betritt Wolff die gleichen ausgetretenen Pfade? Wird die Protagonistin dem Vampir wieder relativ willenlos verfallen? Wird der Vampir wieder blendend schön sein? Wird er im Sonnenschein funkeln? Zumindest die letzte Frage kann ich mit einem eindeutigen „Nein“ beantworten. In „Crave“ funkelt niemand. Höchstens der Schnee im Sonnenlicht. Was den Rest angeht, nun, hier gestaltet es sich schwieriger, denn in einigen Aspekten gleicht „Crave“ der Reihe von Stephenie Meyer durchaus: Ein Mädchen begegnet einem charismatischen und extrem gutaussehenden Vampir, sie verlieben sich ineinander und ihr Leben ist diverse Male in Gefahr. Dennoch kann sich die neue Vampir-Reihe von Meyers Werk abgrenzen und, nennt es Guilty Pleasure, aber ich hatte tatsächlich schlicht und einfach Spaß beim Lesen von „Crave“.

Ja, Augenrollen inklusive, denn es ist nicht alles tiptop, aber hundertmal besser als „Twilight“ ist dieser Vampirroman allemal. Denn wo bei „Twilight“ alles irrsinnig tiefgründig, dramatisch und schwermütig war, ist „Crave“ verspielter und nimmt sich mit Referenzen zu Edward und Bella auch mal selbst auf die Schippe. Der Erzählstil ist ein ganz anderer als der von Stephenie Meyer, da die Geschichte aus der Perspektive von Protagonistin Grace erzählt wird, die das Leben gern durch eine ironische Brille hindurch betrachtet und zudem nicht auf den Mund gefallen ist. Sie ist schlagfertig und lässt sich nicht gerne sagen, was sie zu tun oder zu lassen hat. Das lockert das Geschehen merklich auf.

What doesn’t kill you still scares the hell out of you.

Crave, Seite 335

Die Krux an der Sache ist allerdings, dass Grace sich zwar von dominant auftretenden, männlichen Gegenparts nicht gerne herumkommandieren lässt – den Kommandos dann aber oft genug entweder doch folgt oder bereut, es nicht getan zu haben. Hier kann der innere Monolog von Grace bisweilen etwas anstrengend werden. Ganz abgesehen davon, dass die Botschaft „Männer wissen es besser, hör auf sie“ nicht besonders prickelnd ist und Grace als „damsel in distress“ herhält, die gerettet werden muss. Ich empfand es als erträglich, da Grace trotz allem darum immer bemüht ist, für sich selbst einzustehen. Außerdem entwickelt sich die Story in eine vielversprechendere Richtung weiter, in der Grace vermutlich zunehmend die Fäden in der Hand halten wird.

Hinsichtlich einiger Eckpunkte lassen sich wie anfangs erwähnt Parallelen zu „Twilight“ nicht leugnen. So beginnt „Crave“ damit, dass Grace, ebenso wie Bella, ihr bisheriges Leben hinter sich lassen muss, um in einer unwirtlichen Gegend neu anzufangen. Wo es in Forks regnerisch und trüb war, ist es in Alaska klirrend kalt. Beide wechseln an eine neue Schule und müssen sich der Herausforderung stellen, neue Freundschaften zu knüpfen. Sie beschreiben sich selbst als eher unscheinbar und wenig bemerkenswert. Beide begegnen einem jungen Mann, der sie vom ersten Moment an unglaublich fasziniert und beide stürzen sich nur allzu gerne in jegliche Gefahren.

„Keep your head down. Don’t look too closely at anyone or anything.“ He leans forward, his voice dropping to a low rumble as he finishes. „And always, always watch your back.“

crave, Seite 31

Auch Jaxon ist der typische Vampirschwarm. Groß, schlank, durchtrainiert, dunkel, mysteriös, unnahbar und mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt gesegnet, wenn es um Grace geht. Und natürlich verbirgt sich hinter der harten Schale ein weicher Kern. Wer also von so etwas schnell genervt ist, sollte die Finger von diesem Buch lassen. Mich hat es weniger gestört als erwartet, denn ich mochte den „weichen Kern“ tatsächlich ganz gern. Und ich mochte das Zusammenspiel von Grace und Jaxon ungemein. Denn wo Edward und Bella ins wehmütige Schwelgen geraten, diskutieren diese beiden mit absoluter Hingabe und geben sich gegenseitig Kontra.

Was „Crave“ jedoch darüber hinaus lesenswert machte, ist der Plot. An Grace‘ neuer Schule leben nicht nur Vampire, sondern auch Hexen, Werwölfe und Gestaltwandler. Sie alle verbindet, oder vielmehr teilt, eine lange Vergangenheit und viele Streitigkeiten. Den größten Konflikt hat jedoch Jaxon vor vielen Jahren selbst ausgelöst und dieser offenbart sich LeserInnen erst fast gegen Ende des Buches. Und das ist gut so, dieser Spannungsbogen ist wichtig, denn natürlich weiß man weit vor Grace, weshalb sich die SchülerInnen der neuen Schule so seltsam verhalten. Und natürlich ist auch die Liebesgeschichte keine Überraschung. Doch der Rahmen und vor allem Grace‘ Rolle in dem Ganzen, versprechen interessant und aufregend zu werden.


„Crave“ von Tracy Wolff entspricht in vielerlei Hinsicht den gängigen Klischees von Vampirromanen und Bad Boy-Liebesgeschichten. Das muss man mögen, wenn nicht, ist dieser Roman sicherlich nicht die richtige Lektüre. Auch ich stehe diesem Romantasy-Genre kritisch bis skeptisch gegenüber, doch tatsächlich hat „Crave“ zu lesen allem voran Spaß gemacht. Es ist eine amüsante, spannende und sich selbst nicht zu ernst nehmende Vampirgeschichte, die mit einem guten Plot auch für Spannung sorgt. Ich empfand die Figuren von Grace und Jaxon weit weniger eindimensional als Bella und Edward und auch das Setting in Alaska hat seinen ganz eigenen Charme. Für alle, die der romantischen Vampirgeschichten nicht überdrüssig sind, kann dies also eine ansprechende Lektüre sein.

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Crave

Copyright: dtv Verlag

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern verschlägt es Grace buchstäblich ins kalte Exil: die Wildnis von Alaska, wo ihr Onkel ein Internat leitet, in dem es nicht mit rechten Dingen zugeht. Und die Schüler sind nicht weniger mysteriös, allen voran Jaxon Vega, zu dem Grace sich auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt – trotz aller Warnungen, dass sie in seiner Nähe nicht sicher ist. Doch Jaxon hat seinen Ruf nicht umsonst: Je näher sie und der unwiderstehliche Bad Boy einander kommen, desto größer wird die Gefahr für Grace. Offensichtlich hat jemand es auf sie abgesehen…

Verlag: dtv Verlag
Preis: 20.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-76335-6
Erscheinungstermin: 20. August 2021

Autor:in: Tracy Wolff schrieb ihr erstes Buch bereits in der zweiten Klasse. Seitdem sind über 65 Romane dazugekommen, darunter viele ›The New York Times‹- und ›USA Today‹-Bestseller. Sie liebt Vampire, Drachen und alles, was einem sonst noch Schauder über den Rücken jagen könnte. Die ehemalige Englischprofessorin widmet sich heute ganz dem Schreiben und lebt mit ihrer Familie in Austin, Texas.


Weitere Stimmen zum Buch

Jill von Letterheart | Janika von Zeilenwanderer | Lisa von Papierfliegerin | Damaris von Damaris liest

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