Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten von Debbie Tung | Rezension

Menschen mit einer extrovertierten Persönlichkeit sind, grob gesagt, kontaktfreudig und geselliger. Sie beziehen ihre Energie aus dem Kontakt mit anderen Menschen. Introvertierte Menschen hingegen halten sich lieber zurück und ausgiebige soziale Interaktion entzieht ihnen Energie, sie brauchen Zeiten der Ruhe, um einen notwendigen Ausgleich zu schaffen. In der Graphic Novel „Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten“ hat Autorin und Illustratorin Debbie Tung typische Erlebnisse und Erfahrungen eines introvertierten Menschen zusammengestellt – vom Studium bis ins Berufsleben hinein. Wie fühlt es sich an, von einer Vielzahl an Partys überfordert zu sein? Wieso strengt es so an, viele Menschen um sich zu haben? Mit welcher Ausrede kann ich heute zu Hause bleiben? Diese und viele Fragen mehr stellt sich die Protagonistin und trifft damit sicherlich den Nerv vieler introvertierter Menschen.

Es sind nicht mehr als kleine Episoden bzw. kurze Alltagssituationen, die in „Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten“ erzählt werden. Debbie Tung zeigt dabei aber anschaulich, wie sich verschiedene Situationen auf die Protagonistin auswirken und wie sie trotz innerer Widerstände versucht, sich anzupassen. Die Gesellschaft will es schließlich so, so die Annahme. Ich bin selbst introvertiert und konnte viele dieser Momente und Gedanken von ganzem Herzen nachempfinden. Vor allem das Gefühl, das ich im zweiten Zitat teile, berührte mich sehr, denn wie oft habe ich mich in meinem Leben schon gefragt, warum ich mich dazu zwingen muss, gesellig und kommunikativ zu sein, wo es mir doch so unendlich schwer fällt. Doch auch andere Beispiele ließen mich energisch zustimmen, wie die Freude darüber, ein Wochenende ganz für mich allein zu haben. Oder der Zwiespalt, dazugehören zu wollen, während ich mich aber eigentlich lieber im Bett verstecken möchte. Der Wunsch, eine erfüllende Arbeit zu haben. Die Fragen und Tipps, die mich mein Leben lang begleiten: Alles okay? Du wirkst so traurig. Du solltest mehr reden. Und so weiter und so fort.

Am Anfang des Tages bin ich voller Vorfreude auf die Projekte, die mich auf der Arbeit erwarten.
Aber dann fällt mir all die erzwungene Geselligkeit wieder ein, die dazugehört.

Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten, Seite 124

Wie die Protagonistin frag(t)e ich mich: Was stimmt bloß nicht mit mir? Diese Graphic Novel war daher wie eine tröstende Umarmung, ein verständnisvolles Buch, das introvertierten Menschen vollkommen wertfrei begegnet. Das zeigt sich vor allem am Umfeld des „Quiet Girl“, allen voran ihr Freund, der durchweg eine Figur bleibt, bei der sich die Protagonistin fallenlassen kann. Bei ihm zeigt sie sich offen und kommunikativ, wenn ihr danach ist, aber er sieht auch ihre verletzliche Seite, ihre Zweifel, ihre Unsicherheit. Und anstatt sie als extrovertierter Mensch zu verurteilen, begegnet er ihr mit Verständnis, er räumt ihr die Freiräume ein, die sie benötigt, er bestärkt sie in ihren Zielen. Er zwingt sie nicht dazu, bei Feiern mit Freunden dabei zu sein, doch er freut sich, wenn sie dabei ist. So toll!

Darüber hinaus zeigt Debbie Tung, dass introvertierte Menschen sich nicht verstecken müssen. Sie sind nicht weniger Wert als extrovertierte Menschen, sie sind nicht weniger leistungsfähig und nicht weniger geeignet, Freundschaften zu schließen. Sie machen es nur eben anders. Und sobald jemand diesen anderen Weg für sich gefunden hat, ist dieser Mensch zufrieden. Eine schöne Perspektive.

Weißt du was? Ich bin’s leid, mich als jemand auszugeben, der ich nicht bin.
Warum muss ich immer so tun, als wäre ich gesellig und kommunikativ?

Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten, Seite 157

Was nun wie eine sehr ernste Graphic Novel klingt, ist aber tatsächlich ziemlich humorvoll umgesetzt. So werden auf einer Seite die „Heilmittel für den sozialen Kater“ aufgezeigt – Trostkekse, gute Bücher, Lieblingsmusik, ruhige Zeit allein, Umarmung vom Lieblingsmenschen. Oder „Fashiontipps für Introvertierte, um spontane soziale Begegnungen zu vermeiden“ – unter anderem ein langer Schal, Kopfhörer und Sonnenbrille. Auch die inneren Konflikte werden mit einer sehr angenehmen Mischung aus Ernst und Schmunzeln betrachtet. Sehr gelungen! Ebenso wie die Zeichnungen, die ansprechend und detailreich sind, für mich ein sehr wichtiger Aspekt in einer Graphic Novel, die neben der Story vor allem durch die Bilder lebt.


„Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten“ von Debbie Tung zeichnet in ihrer Graphic Novel in sehr einfühlsamen Episoden, wie introvertierte Menschen den Alltag zwischen Studium, Beruf und Privatleben erleben. Ein sehr schöner Comicroman, auch gestalterisch, nicht nur für Introvertierte, sondern auch für extrovertierte Menschen, die verstehen möchten, wie ihr Gegenpol „tickt“.

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Quiet Girl: Geschichten einer Introvertierten

Copyright: Loewe Verlag

Debbie geht nicht gerne unter Leute. Sie schreibt lieber Textnachrichten als zu telefonieren und steht auf Partys immer abseits. Ein perfekter Tag ist für Debbie, wenn es draußen regnet und sie mit einer Tasse Tee und einem Buch auf dem Sofa liegen kann. Natürlich fragt sie sich, ob etwas mit ihr nicht stimmt. Aber sie ist eben einfach glücklich mit sich selbst. Und mit Jason, der sie so akzeptiert, wie sie ist. Auch ohne viele Worte. Was soll daran verkehrt sein?

Quiet Girl erzählt in warmherzigen Dialogen und mit ausdrucksstarken Bildern eine einfühlsame Geschichte für alle, die einfach mal die Welt leise drehen wollen.

Verlag: Loewe Graphix
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-7432-1079-0
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Erscheinungstermin: 12. Januar 2022

Autor:in / Illustrator:in: Debbie Tung ist eine Illustratorin und Comiczeichnerin aus Birmingham. Sie hat Modedesign und Informatik studiert und als Programmiererin gearbeitet, bevor sie sich ihren Traum von einer Künstlerkarriere erfüllte.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


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