Die Reise des Elias Montag von Jonas Zauels | Rezension

Nach „Alle Farben der Nacht“ und „BOHÉME“ ist „Die Reise des Elias Montag“ der dritte Roman, den ich von Jonas Zauels gelesen habe. Und wieder wurde ich überrascht, von der Tiefgründigkeit, von den Interpretationsmöglichkeiten und von den Emotionen, die auf mich wie roh in Stein gemeißelt wirkten, aber gerade dadurch umso intensiver hervortraten. Diese, einem Roadtrip ähnliche Geschichte, steckt voller trauriger Sehnsucht – nach Freiheit, nach einem Ziel, nach einem Sinn im Leben. Und nach der Liebe. Elias, der von seiner Freundin betrogen wurde, hat sich abgeschottet. Er trinkt, er kifft, er raucht, er schreibt, hat gefühllosen Sex und trauert der verlorenen Beziehung nach. Er lenkt sich ab, erst mit einem Kurztrip mit Freunden und dann nimmt er Reißaus mit Vivian, die, aus der Psychiatrie geflohen, nun auf der Flucht vor der Polizei ist.

Jonas Zauels hat, wie in seinen vorherigen Werken auch, ein wachsames Auge auf seine Figuren. Elias, der von seiner Freundin verlassen wurde und niemanden hat, der ihn auffängt, der ihm Trost spendet. Lieblose Eltern nehmen seine Existenz nur am Rande wahr. Seine Freunde hat er viel zu lange nicht gesehen. Er versucht vor seinen Gedanken zu fliehen, doch immer wieder holen sie ihn ein und er genießt das Leiden in gleichem Maße, wie er ein Ende der Schmerzen herbeisehnt. Er übt sich darin, seine Gedanken und Empfindungen literarisch in einem Tagebuch zu verarbeiten, sie auf eine höhere Ebene zu katapultieren. So ist er eine Figur, die fortwährend grübelt, über das Leben, über die Liebe, die versucht, zu begreifen, aber nicht ins Reflektieren kommt, nie verarbeitet, sondern nur immer weiter rastlos vorprescht, auf der Suche nach etwas, das Erleichterung verspricht.

Seit diesem Tage bin ich allein.
Abgekapselt von der Welt.
In einem Meer von weißen Blättern und goldenem Whisky ertränkt.
Und nach wie vor denke ich an nichts anderes, sobald meine Gedanken ein wenig Zeit haben, sich zu entfalten. Und nach wie vor brennt der Schmerz in meinem Herzen.

Die Reise des Elias Montag, Seite 36

Und dann ist da Vivian, ein Waisenkind, das einen tödlichen Zugunfall verschuldet hat und seitdem in der Psychiatrie behandelt, beziehungsweise vielmehr verwahrt wird. Von Medikamenten betäubt, hat sie nur einen ganz klaren Gedanken: Bloß weg von hier. Den Erlebnissen dieser Figur widmet sich der Autor in einem kurzen, losgelösten Abschnitt, einer weiteren Erzählebene neben der Ich-Perspektive von Elias und seinem Tagebuch. Vivian lernt man als Leser:in jedoch nicht so unmittelbar kennen wie Elias. Sie wirkte auf mich wild, kämpferisch und gleichzeitig ebenso ruhelos und einsam wie Elias. Und so kommt es auch zu einem Erkennen der gegenseitigen Traurigkeit und Sehnsucht, als beide sich im Waldhaus von Elias Freunden begegnen. Sie spüren eine Verbundenheit. Doch kann es gutgehen, permanent auf der Flucht zu sein? Auf der Flucht vor der Polizei, den eigenen Gefühlen, den Herausforderungen des Lebens an sich?

Als ich in der Küche ein paar Lebensmittel, Messer, Feuer, ein bisschen Geld, Kippen und eine Flasche Whisky in einen Rucksack stopfe und Vivian dabei im Auge behalte, registriere ich, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich gerade tue. Es fühlt sich richtig an. Obgleich es unüberlegt ist und ich weniger über dieses Mädchen weiß, als ich dachte, ist es das Einzige, das für mich in dieser Situation mit gutem Gewissen Sinn ergibt.

Die Reise des Elias Montag, Seite 89

Das Thema hat mich mindestens genauso begeistert wie der Schreibstil, der eine Mischung aus poetisch und kantig ist, sich stellenweise sogar etwas altbacken liest. Doch insgesamt ergibt das ein stimmiges Bild, was man als Leser:in vor allem ganz am Ende realisiert. Denn in „Die Reise des Elias Montag“ ist viel mehr klug konstruiert und vielschichtig aufgebaut, als ich erwartet hatte. Es gibt diesen großartigen „Aha-Moment“ auf der letzten Seite, der dazu führt, alles Gelesene erneut zu überdenken, neu zu sortieren und mit anderen Augen zu betrachten.

Und apropos großartig: Was ich generell sehr an Jonas Zauels Romanen schätze ist, dass er sich immer abseits von momentan gängigen Strukturen und Mustern bewegt. Er stürzt sich nicht auf das, was gerade Trend ist, sondern macht sein eigenes Ding, und das konnte ich in „Die Reise des Elias Montag“ wieder ganz deutlich spüren. Man hat etwas Echtes in der Hand, etwas durch und durch eigenständiges und einzigartiges.


„Die Reise des Elias Montag“ von Jonas Zauels ist ein psychologisch von A bis Z durchdachtes Werk, das mich komplett überzeugt hat. Sowohl die Figuren als auch die Story selbst sind lebensnah und fesselnd, vor allem aber lädt die Geschichte zum Nachdenken und Interpretieren ein, was ich persönlich an Romanen enorm liebe. Doch trotz all der Tiefgründigkeit ist „Die Reise des Elias Montag“ keine schwere Kost, sondern eine unterhaltsame Lektüre, die Lust auf mehr aus der Feder des Autoren macht.

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Die Reise des Elias Montag

Copyright: edition federleicht

Von der ersten großen Liebe enttäuscht, flüchtet sich Elias Montag, ein junger sensibler Mann, abwechselnd in sein literarisches Schaffen und das Aufschieben von anstehenden Aufgaben. Auf einem Wochenendausflug mit Freunden trifft er auf die geheimnisvolle wie labile Vivian und beschließt, mit ihr Reißaus zu nehmen. Was er nicht weiß: Vivian wird gesucht. Eine wilde Reise ins Ungewisse beginnt…

Verlag: edition federleicht
Preis: 13,95 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 9783946112723
Erscheinungstermin: 6. Dezember 2021

Autor:in: Jonas Zauels, Jahrgang 1992, wuchs in einem kleinen Dorf im Kreis Ahrweiler auf und stellte schon früh eine Bindung zur Literatur und dem Schreiben her. Es erschienen bereits einige Kurzgeschichten und Aphorismen von ihm in verschiedenen Anthologien sowie 2017 sein Debütroman „Alle Farben der Nacht“. Neben dem Schreiben studiert er Germanistik und Philosophie an der Universität Bonn, arbeitet als Lektor und spielt Bass in einer Krautrock Band.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


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