Crush von Tracy Wolff | Rezension

„Crave“ von Tracy Wolff hatte mich im letzten Jahr sehr begeistert. Die Mischung aus Humor, Spannung und Bauchkribbeln ließ mich das Buch beinahe nicht aus der Hand legen. Gar keine Frage also, ob ich Band 2 lesen würde – natürlich musste ich mit „Crush“ so schnell wie möglich nachziehen. 684 Seiten stark versprach es, eine komplexe Fortsetzung zu werden, in der Wolff Hintergründe beleuchtet, sich die Figuren weiterentwickeln und vor allem viele Fragen beantwortet werden. Denn Band 1 endet mit einem richtig fiesen Cliffhanger, als Grace sich schützend vor Jaxon stellt und von Hudsons Schwerthieb getroffen wird. Was also ist mit Grace geschehen? Ist Hudson zurück? Und wie geht es mit Jaxon und Grace weiter?

Achtung, die Rezension enthält Spoiler. Insgesamt betrachtet, war diese Fortsetzung weniger gut als erwartet. Was mir weiterhin gut gefiel, waren das Setting in Alaska, die abgelegene Schule, die Wälder und die Kälte – all dies trägt hervorragend dazu bei, eine leicht beklemmende und mystische Atmosphäre zu erschaffen. Der Konflikt selbst wurde weiter ausgebaut und versprach, vielschichtig zu werden, denn mit Hudson wurde eine dritte Hauptfigur eingeführt, von der ich mir erhoffte, dass sie komplex und absolut nicht vorhersehbar sein würde. Auch die witzigen Kapitelüberschriften wurden beibehalten und der Schreibstil war so humorvoll wie zuvor.

„So what do you think we should do first?“
Hopefully not die,“ Hudson replies, and I have to admit, he’s summed it up nicely.

Crush, Seite 522

Allerdings schlug einiges, was mich anfangs positiv überraschte, schnell ins Negative um. Humor und Witz sind, finde ich, nur so lange angebracht, wie die Handlung es erlaubt. Wird die Lage ernst und gefährlich, sollte dem auch der Schreibstil entsprechen. Wolff hat hier die Gratwanderung jedoch nicht ganz geschafft. Für mich wirkte es oft so, als würde sich zu krampfhaft um Lockerheit bemüht. Vor allem die immerwährende Schlagfertigkeit von Grace und ihre „diese negativen Gedanken oder jene Probleme schiebe ich in die Schublade ‚beschäftige ich mich später mit'“-Einstellung störte mich nach dem ersten Drittel doch sehr. Wie sollte ich als Leserin eine Situation ernst nehmen, mich in Sorgen und Ängste der Figuren einfühlen, wenn die Figuren selbst die Lage nicht ernst nehmen?

Und Hudson? So interessant die Figur auch zu sein versprach, sie war meinem Empfinden nach viel zu nahbar, emotional und schlicht: nett. Noch dazu ist er unglaublich gutaussehend, so das Grace allzu schnell seinem Charme verfällt, auch wenn sie es noch so sehr leugnet. Ich verstehe, auf welchen Effekt Tracy Wolff bei ihrem Storytelling abzielte, und die Wendung zu „es steckt mehr hinter der Geschichte von Hudson, als man meint“, ist natürlich nicht uninteressant, doch mich enttäuschte es immens, dass Hudson nicht etwas zwielichtiger und doppeldeutiger sein durfte. Und warum muss sich zu allem Überfluss auch noch ein Love Triangle anbahnen…

Zudem störte mich, dass Hudsons Charakter oft auf seine britische Herkunft reduziert wurde. Im Sinne von: Ah, er spricht gerade wieder mit starkem Akzent, also ist er beleidigt oder wütend. Sorry, aber gutaussehend und britisch reicht mir nicht. Zumal die Handlung von „Crush“ sich stark auf die Beziehung zwischen Grace und Hudson konzentriert – Jaxon mutiert zur Nebenfigur – und ich mir daher mehr Tiefe bei der Ausarbeitung der Figuren gewünscht hätte. In Ansätzen geschieht dies, doch es wird zu sehr durch solche oberflächlichen Dinge überdeckt.

I swear, if I were reading this story, I’d say the plot twists were getting ridiculous. But I’m not reading it. I’m living it, and that is so much worse.

Crush, Seite 28

Weiterhin hat dieser enorm umfangreiche zweite Band sehr viele Längen. Die Handlung nahm nicht an Fahrt auf, sondern dümpelte vor sich hin. Die Figuren geraten zwar fortwährend in gefährliche Situationen, finden dann jedoch immer viel zu schnell und einfach Lösungen. Der Konflikt verlor an Brisanz, wie ein Luftballon, aus dem immer wieder aufs Neue die Luft herausgelassen wird. Insbesondere Grace wirkte oft regelrecht desinteressiert, anstatt sich mit drängenden Fragen auseinanderzusetzen. Der Konflikt spitzte sich folglich nicht so recht zu und ich kämpfte mich durch die Seiten, in der Hoffnung, dass es besser werden würde.

Weiterhin fühlte ich mich enorm an Harry Potter und Quidditch erinnert. In „Crush“ baute Tracy Wolff einen, wie ich finde, ganz ähnlichen Wettkampf ein und das fand ich schlicht langweilig. Anstatt die Story entlang der bestehenden (und reichlichen) Konflikte auszubauen, wurde ein neues Plotelement eingeführt, das meiner Meinung nach vollkommen redundant war und weder zur Weiterentwicklung der Figuren beitrug, noch dazu, den Plot voranzutreiben. Erst ganz zum Schluss kam eine weitere Wendung, die mit meinen Erwartungen brach und die mich tatsächlich dazu bringen könnte, Band 3 lesen zu wollen. Aber es war ein langer Weg dorthin.


„Crush“ von Tracy Wolff hat mich nicht so begeistern können wie Band 1. Wo der Humor und die schlagfertige Art von Grace erst überzeugten, wirkte beides nun stellenweise etwas deplatziert. Mir fehlte es sehr an Ernsthaftigkeit. Vor allem aber hatte die Handlung neben dem zentralen Konflikt zu viele überflüssige Schauplätze, was unnötige Längen zur Folge hat. Zumal die Nebenschauplätze den Figuren nicht einmal Raum geben, sich weiterzuentwickeln. Dennoch bin ich neugierig auf Band 3, denn der Cliffhanger lässt hoffen, dass dieser besser werden wird.

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Crush

Copyright: dtv Verlag

Als Grace sich in Jaxon Vega verliebte und in seine gefährliche Welt eintauchte, wurde ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt: Jaxon ist der mächtige Sohn der herrschenden Vampirfamilie und auch Grace ist nicht, wer sie ihr ganzes Leben zu sein glaubte. Wenn sie in dieser Welt überleben will, muss Grace ihre neuen Fähigkeiten schnellstens meistern. Doch ihre Liebe zu Jaxon und das Leben ihrer Freunde sind in Gefahr. Beide zu retten, wird ein Opfer verlangen, von dem Grace nicht weiß, ob sie es zu erbringen bereit ist…

Verlag: dtv Verlag
Preis: 20,00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-423-76336-3
Erscheinungstermin: 16. März 2022

Autor:in: Tracy Wolff schrieb ihr erstes Buch bereits in der zweiten Klasse. Seitdem sind über 65 Romane dazugekommen, darunter viele ›The New York Times‹- und ›USA Today‹-Bestseller. Sie liebt Vampire, Drachen und alles, was einem sonst noch Schauder über den Rücken jagen könnte. Die ehemalige Englischprofessorin widmet sich heute ganz dem Schreiben und lebt mit ihrer Familie in Austin, Texas.


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