Wie man eine Raumkapsel verlässt von Alison McGhee | Rezension

Sowohl am Klappentext als auch an diesem großartigen Cover kam ich nicht vorbei. „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ von Alison McGhee hatten mich vom Fleck weg neugierig gemacht. „Will ist einer, der geht“, lautet der erste Satz vom Klappentext. „Manchmal muss man sich den Tag rauslaufen“, sagt er. Er geht an vielen Orten und Menschen vorbei, doch viel interessanter sind die Orte, an denen er nicht vorbeigeht. Eine Brücke, einen Laden und das Haus seiner besten Freundin. Warum das so ist, erschließt sich dem/r Leser/in erst im Verlauf des Buches. In kurzen Episoden wird Will’s Alltag eingefangen, kleine Momentaufnahmen, mehr nicht, manchmal bestehen die Episoden gar nur aus Gedanken. Ich hatte anfangs mehr erwartet, ich war enttäuscht, dass dieser Roman nicht mehr Text hat, nicht ausführlicher beschreibt, nicht mehr in die Tiefe geht. Denn das Thema an sich ist wahnsinnig gut und interessant! Warum nur so wenige Zeilen darauf verwenden? Doch nun, im Nachhinein, merke ich, dass zumindest auch so etwas nachwirkt.

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Die Liebesbriefe von Abelard und Lily von Laura Creedle | Rezension

„Die Liebesbriefe von Abelard und Lily“ ist das Jugendbuch-Debüt von Laura Creedle. Darin geht es um ADHS, Legasthenie, Asperger, Liebe, Familie, Schule und Freundschaft. Eine ungeheure Bandbreite und doch hängen all diese Themen ganz eng miteinander zusammen. Lily hat ADHS und Legasthenie. Abelard leidet an Asperger. Für beide sind der Schul- und Familienalltag eine Herausforderung, Lily belastet zusätzlich die Trennung ihrer Eltern. Trotz allem bemüht sie sich, die erforderlichen Leistungen für die Schule zu erbringen und scheitert doch immer wieder. Die Medikamente helfen, doch sie lassen die Welt stumpf erscheinen, sie hat keinen Appetit mehr, weder auf Essen, noch auf das Leben an sich. So kämpft sie Tag für Tag – mit sich, ihren fliegenden Gedanken, ihrer Impulsivität, ihrem Drang, wegzulaufen vor allem, was sie belastet. Bis sie sich dazu entschließt, die Medikamente abzusetzen und sich ausgerechnet in Abelard verliebt, der in fast jeglicher Hinsicht ganz anders ist als sie.

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Zwischen uns tausend Bilder von Neda Alaei | Rezension

Es gibt Bücher, die treffen mich einfach mitten ins Herz. „Zwischen und tausend Bilder“ von der norwegischen Autorin Neda Alaei ist eines davon. Jedes Wort hinterließ eine brennende Spur. Wow. Ich hatte das schon im Gefühl, als ich in der Vorschau des Thienemann-Esslinger Verlags zum ersten Mal darüber stolperte, doch dass es mich derart berührt, hatte ich nicht erwartet. Es geht um Sanna, deren Mutter vor einem Jahr starb, und die sich seitdem um ihren Vater kümmert, der sich entweder in seine Arbeit stürzt oder gar nicht erst aufsteht. So oder so ist er eines nie – für Sanna da. Sie versucht, so gut es geht zurechtzukommen, Schule, Haushalt und die Abkehr ihrer besten Freundin zu bewältigen und den Vater zu umsorgen. Und dann ist da noch Yousef, der Neue in ihrer Klasse, der Fotografie genauso liebt wie sie und an den sie immer öfter denken muss. Über all dem vergisst sie jedoch, an jemand ganz Wichtiges zu denken, nämlich sich selbst. Was solche ein Situation emotional, psychisch und körperlich mit einem jungen Menschen macht, davon erzählt dieses Buch.

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Marilu von Tania Witte | Rezension

Nachdem mich Tania Witte zuletzt mit „Die Stille zwischen den Sekunden“ völlig vom Hocker gehauen hatte, schickte mich die Autorin mit „Marilu“ nun direkt wieder auf eine emotionsgeladene Reise. Die Reise schmerzte enorm, manchmal drohte sie mich zu erdrücken, doch am Ende konnte ich spüren, wie sich aus alldem Stärke und Mut entwickelten. Den Mut, das Leben in all seinen Facetten zu spüren und darauf zu vertrauen, dass man damit umgehen kann. Und die Stärke, die aus Freundschaft erwächst und daraus, sich anderen anzuvertrauen. Ein intensives Leseerlebnis, zu dem ich euch hier mehr erzählen möchte.

[Content Note: psychische Erkrankungen, Suizid, Selbstverletzung]

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Unheimlich nah von Johann Scheerer | Rezension

Autor und Musikproduzent Johann Scheerer knüpft in „Unheimlich nah“, seinem im Januar 2020 erschienenen autofiktionalen Roman, an sein Debüt „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ an. Darin schildert er die bangen Wochen der Unsicherheit, nachdem sein Vater Jan Philipp Reemtsma entführt worden war. Nun, fast drei Jahre später, erzählt er, was danach geschah. Vom Leben nach dem Verbrechen. Die 90er Jahre neigen sich dem Ende und die 2000er Jahre stehen in den Startlöchern. Europa begrüßt den Euro und während sich Johanns Freunde von ihren Eltern und generell allen Erwachsenen emanzipieren, sieht sich Johann mit einer völlig anderen Realität konfrontiert. Statt seine Jugend unbeschwert und vor allem unbeobachtet genießen zu können, verfolgen ihn Personenschützer auf Schritt und Tritt. Was denken die Freunde über ihn? Reden sie über ihn? Und wie soll er so auf Partys gehen, sich verlieben? Wie kann er auch mal Mist bauen oder in eine Prügelei verwickelt werden, ohne dass ihm ständig jemand über die Schulter blickt?

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Die Unschuldigen von Michael Crummey | Rezension

„Die Unschuldigen“ von Michael Crummey ist ein Roman über das Leben und Überleben an der Küste Neufundlands im 18. Jahrhundert. Dort herrscht ein kaltes und raues Klima und was für Erwachsene bereits ein herausforderndes Leben ist, ist es noch viel mehr für Kinder, die gänzlich auf sich allein gestellt sind. So ergeht es Ada und Evered, deren Eltern und kleine Schwester sterben, als sie beide erst elf und neun Jahre alt sind. Sie leben weit abgeschieden von der nächstgelegenen Stadt und wissen nicht mehr als das wenige, was ihre Eltern ihnen beigebracht haben. Sie kennen die Welt jenseits ihres Zuhauses nicht, sie können nicht lesen, nicht schreiben und sie haben keine Vorstellung davon, was es bedeutet Erwachsen zu werden.

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Hitze von Victor Jestin | Rezension

„Hitze“ von Victor Jestin ist mit seinen 160 Seiten ein recht kurzer Roman, der jedoch eine große Bandbreite an Themen beleuchtet. Es geht um das Gefühl von Verlorenheit, während alle augenscheinlich glücklich sind, um die erste (unglückliche) Liebe, um den teils skurrilen Alltag auf einem französischen Campingplatz und um einen gestorbenen Jungen. Victor Jestin hat in seinem Debütroman eine ganz besondere Stimmung eingefangen, mal bedrückend und deprimierend, alles wirkt wie erstarrt in der unerträglichen Hitze des Sommers. Dann wieder euphorisch und hoffnungsvoll, wenn die Liebe ins Spiel kommt. Hinzu kommt die Last des Geheimnisses, das der 17-jährige Léonard mit sich herumträgt. Denn er hat beobachtet, wie Oscar starb und griff nicht ein, um ihm zu helfen. Die Intensität all dieser miteinander im Widerstreit liegenden Gefühle hat der Autor äußerst gelungen zu Papier gebracht.

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Can you help me find you von Amy Noelle Parks | Rezension

Im Original heißt dieses Jugendbuch „The Quantum Weirdness of the Almost Kiss“. Dieser Titel beschreibt hervorragend, worum es in „Can you help me find you“, so der (nun ja) deutsche Titel, von Amy Noelle Parks geht. Es geht um Mathematik und Physik, es geht um das mitunter seltsame Erwachsenwerden und natürlich um die Liebe. Das Ergebnis ist eine zuckersüße Geschichte, die maximal gut von allem ablenken kann, was einem Sorgen bereitet, und die mich vor allem in diesen drei Punkten zu überzeugen wusste.

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Feenstaub von Cornelia Travnicek | Rezension

Wer auf der Suche nach einer überraschenden und besonderen Geschichte ist, liegt mit „Feenstaub“ von Cornelia Travnicek schon ganz richtig. Fantasievoll und gleichzeitig mit bedrückendem Ernst, erzählt sie die Geschichte von Petru, Cheta und Magare, die als Taschendiebe die Schatzkiste ihres Krakadzil befüllen. Sie sind traurig und einsam. Sie vermissen Eltern, die sie entweder kaum kennen oder die sie nicht mehr haben wollen. Sie halten zusammen, aber nur weil sie müssen, nicht, weil sie Freunde sind. Sie leben isoliert und befolgen Befehle und Anweisungen. Freude bringt ihnen allein der „Feenstaub“, den sie zur Belohnung vom Krakadzil erhalten. Er macht alles ein wenig bunter und es fühlt sich an, als könne man fliegen.

Travnicek erzählt „Peter Pan“ nicht neu, sie nähert sich vielmehr wieder der Originalversion von James Matthew Barrie an. Darin ist Peter Pan böse, er hält die „Verlorenen Jungen“ bei sich auf einer Insel gefangen und wenn einige von ihnen zu alt werden, lichtet er die Reihen. Kurz gesagt, er tötet sie. Viele Details aus der Originalerzählung greift Travnicek auf, vor allem aber behält sie die düstere und bedrohliche Grundstimmung der ursprünglichen Erzählung bei, und webt daraus eine vollkommen neue Version von „Peter Pan“.

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Eisfuchs von Tanya Tagaq | Rezension

„Eisfuchs“ von Tanya Tagaq klingt anspruchsvoll, emotional, bedrückend und gleichzeitig ungeheuer faszinierend. Eine Kindheit in Nunavut im Norden Kanadas in den 1970er Jahren, inmitten einer rauen und unnachgiebigen Natur, eine Gemeinschaft, die zerfällt, Kinder, die sich selbst überlassen und von Erwachsenen im Alkohol- und Drogenrausch missbraucht werden. Ein namenloses Mädchen, das versucht, in diesem Umfeld zurechtzukommen und sich selbst zu finden. Alles verwoben mit den Mythen der Inuit. Auch die Gestaltung des Buches ist wunderschön. Das schlichte, aber edle Cover, schwarz-weiße Illustrationen im Text und ein roter Farbschnitt. Doch leider lässt mich der Roman ausschließlich verwirrt zurück. „Eisfuchs“ war für mich eine verstörende und schwer verständliche Leseerfahrung.

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