Marianengraben von Jasmin Schreiber | Rezension

„Marianengraben“ von Jasmin Schreiber erzählt eine Geschichte, die von Tod, Krankheit, Trauer und Depression handelt. Davon, wie ein Verlust so schwer wiegen kann, dass man tief in den Marianengraben hinabtaucht und man es aus eigener Kraft nicht schafft, wieder an die Oberfläche zu tauchen. Und doch steckt dieser Roman voller Lachen, Lebensfreude und Hoffnung. Und ist es nicht auch in Wirklichkeit so? Dass der Tod unausweichlich zum Leben dazugehört? Dass Trauer und Glück ganz nah beieinander liegen? Wir bewegen uns immer auf einem schmalen Grad zwischen diesen beiden Zuständen, verdrängen das Negative nur allzu gerne – bis wir jemanden verloren haben und uns die Vergänglichkeit von allem bewusst wird. „Man spürt erst etwas durch Veränderung“, sagte Jasmin Schreiber im Rahmen einer Lesung. Ein Gedanke, der ihren Roman durchdringt und so unglaublich faszinierend macht. Es geht um Veränderung des Lebens durch Verlust und Tod, es geht um die Verwandlung von Trauer zu Akzeptanz und es geht, ganz praktisch, um die Veränderung des Alltags. Begeben wir uns also gemeinsam mit den Protagonisten auf einen Roadtrip der Veränderung.

Ich hatte keine Lösung. In mir breitete sich das Nichts aus, es hatte kein Gefühl, kein Aussehen, keinen Geruch, keinen Klang, keinen Geschmack. Ich war ein Menschenkostüm, das Nichts enthielt. (Seite 13)

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Eisfuchs von Tanya Tagaq | Rezension

„Eisfuchs“ von Tanya Tagaq klingt anspruchsvoll, emotional, bedrückend und gleichzeitig ungeheuer faszinierend. Eine Kindheit in Nunavut im Norden Kanadas in den 1970er Jahren, inmitten einer rauen und unnachgiebigen Natur, eine Gemeinschaft, die zerfällt, Kinder, die sich selbst überlassen und von Erwachsenen im Alkohol- und Drogenrausch missbraucht werden. Ein namenloses Mädchen, das versucht, in diesem Umfeld zurechtzukommen und sich selbst zu finden. Alles verwoben mit den Mythen der Inuit. Auch die Gestaltung des Buches ist wunderschön. Das schlichte, aber edle Cover, schwarz-weiße Illustrationen im Text und ein roter Farbschnitt. Doch leider lässt mich der Roman ausschließlich verwirrt zurück. „Eisfuchs“ war für mich eine verstörende und schwer verständliche Leseerfahrung.

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The Wicker King von Kayla Ancrum | Rezension

Ich wage zu behaupten, dass niemand auch nur den Hauch einer Ahnung hat, worauf er sich mit „The Wicker King“ von Kayla Ancrum einlässt. Zumindest erging es mir so. Der Klappentext ließ mich eine vollkommen anders ausgerichtete Handlung erwarten, doch was ich stattdessen las, war intensiv. Dunkel. Mysteriös. Aufwühlend. Herzzerreißend. Die Krux an der Sache ist, dass man unter Umständen lange im Dunkeln tappt und den Kern der Geschichte nicht versteht. Doch das macht nichts, denn die Bilder und die Sprache sind so stark, dass man unweigerlich mitgezogen wird. Das Thema entfaltet sich schleichend, anfangs nur wenig greifbar, am Ende trifft es einen mit voller Wucht. Denn in der Welt von Jack und August verschmelzen Realität und Fiktion aus speziellen Gründen, die einem schier das Herz brechen. (Achtung, diese Rezension enthält Spoiler. Das Fazit ist spoilerfrei.)  

Jack pulled him in almost to his chest, then rested his head in the curve of August’s neck. „What would you do for me?“
August shivered while he thought up an answer. „I don’t know. Anything, probably.“
„Do you really mean that?“
(Seite 170)

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Karussell von Pavo Pejić | Rezension

Niemand mag 15-jährige Jungen, heißt es in „Karussell“ von Pavo Pejić. Schon gar keine Jungen, die mit Drogen, Sex, Pornovideos, Alkoholkonsum und Diebstahl ihre Grenzen ausloten und sie (natürlich) überschreiten. Für Paul und seine Freunde Dominik, Tobi und Marco, die manche Leser bereits aus „Pussykiller“ von Pejić kennen, sind diese Aktionen eine willkommene Ablenkung vom deprimierenden Alltag. Sie leben im Hamburger Stadtteil Dulsberg, der viele Jahre als ein Brennpunkt mit hoher Kriminalität und Arbeitslosigkeit galt. Vernachlässigt und gelangweilt treiben die Jungen durch die Tage, immer auf der Suche nach Spaß und Abenteuer, aber auch nach Liebe und Anerkennung.  „Karussell“ ist eine Retrospektive, zehn Jahre nach seinem Debüt-Roman „Pussykiller“ besucht der Autor seine Figuren erneut. Was anfangs als Schreibübung gedacht war, entwickelte sich jedoch rasch zu einem eigenständigen Roman.

Die Glocke zur ersten Stunde hörte ich noch, während ich mich langsam wieder von der Schule entfernte. Manchmal fühlte sich Schwänzen nicht wie Davonkommen an, sondern wie Weglaufen. (Seite 50)

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Das Geheimnis von Shadowbrook von Susan Fletcher | Rezension

Um schon einmal den Ton dieser Rezension zu setzen: Dies ist mein Buch des Jahres 2019. „Das Geheimnis von Shadowbrook“ von Susan Fletcher überzeugt auf den verschiedensten Ebenen – sprachlich, inhaltlich, mit satten Figuren, die einem aus den Seiten heraus regelrecht entgegentreten. Schicksale, die berühren. Einer Geistergeschichte, die sich subtil und unbemerkt im Gedächtnis festkrallt und abends wieder den Weg ins Bewusstsein findet. Wendungen, die man nicht hat kommen sehen, die alles immer wieder völlig neu ausrichten. Eine klare, sinnliche Sprache, eine starke Protagonistin, die sich Herausforderungen mit messerscharfem Verstand stellt und dabei einen vollkommen neuen Blick auf die Welt erlangt. Ich war vom ersten Satz an gefesselt, wer es beendet hat, sehnt sich mitunter wieder an den Anfang zurück.

Jemand stand vor meiner Tür.
Ich rührte mich nicht.
Ich lauschte.
(Seite 129)

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Melmoth von Sarah Perry | Rezension

Düster, unheimlich und erschütternd – so ist „Melmoth“ von Sarah Perry, der Autorin von „Die Schlange von Essex“. Ihr dritter Roman ist meinem Empfinden nach atmosphärisch ebenso dicht wie der Vorgänger, doch er forderte mich um einiges mehr heraus. Denn Sarah Perry lässt die Legende von „Melmoth“ lebendig werden, einer Frau, die dazu verdammt ist, auf ewig den Menschen dort zu erscheinen, wo „Leid, Finsternis und Tod am ärgsten sind“. Folglich sind die Schauplätze der Geschichte eben jene Augenblicke, in der Menschen die größten Greueltaten begehen. In ihrer unendlichen Einsamkeit sehnt sich Melmoth“ nach diesen armen Seelen, die voller Schuld sind. Doch sind wirklich alle diese Menschen hoffnungslos verloren? Oder können sie Vergebung erfahren?

Diese Stunden, diese langen Minuten des kurzen Tages sind wohl die letzten, in denen sie [Helen Franklin] nichts von Melmoth ahnt. Noch ist ein Donner nur ein Donner, und ein Schatten nur ein dunkler Fleck an der Wand. (Seite 13/14)

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GRM: Brainfuck von Sibylle Berg | Rezension

„GRM: Brainfuck“ von Sibylle Berg ist eine 640 Seiten lange gnadenlose Beschreibung dessen, was in der heutigen Zeit schief läuft und auf welche katastrophalen Zustände wir in naher Zukunft zusteuern könnten. Und das sind einige: Die Regierung von Großbritannien betrachtet Kapitalismus als das Nonplusultra, die Regierenden haben ordentlich Dreck am Stecken und das ganze System ist für die Tonne. Von der Umwelt ganz zu schweigen. Dieser Roman hat mich mehr als herausgefordert und emotional aufgewühlt. Lange bin ich nicht mehr solch einer Brutalität begegnet. Dem Leser kommt eine geballte Ladung aus Wut, Hass, Neid, Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Überheblichkeit und Traurigkeit entgegen, gekrönt vom bitteren Sarkasmus des Erzählers. Und dennoch finde ich, dass jeder diesen Roman gelesen haben sollte, auch wenn man, wie ich, einen Monat daran liest, auch wenn „GRM: Brainfuck“ einen fix und fertig macht und auslaugt, denn was darin angesprochen wird ist wichtig.

Vielleicht steht die Welt gerade am Beginn ihres Untergangs. Möglicherweise gab es Pläne, größere Teile der Bevölkerung zu vernichten. Man wird sich auch daran gewöhnen. Die Bösartigkeit des Menschen als Status quo ist immer etwas, an das man sich gewöhnt. (Seite 338)
Die Dummheit ist eine verlässliche Konstante der Menschheitsgeschichte. (Seite 478)

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Freaks von Joey Goebel | Rezension

„Freaks“ von Joey Goebel ist die schrägste Geschichte mit den schrägsten Figuren, die ich seit langem gelesen habe. Anfangs ging mir daher nicht viel mehr als ein ungläubiges, teils skeptisches, teils belustigtes „oooookay“ durch den Kopf, denn die Figuren werden dem Leser alle miteinander direkt zu Beginn in all ihrer wundervollen Exzentrik präsentiert. Und dennoch haben sich Ray, Opal, Luster, Aurora und Ember vollkommen wider Erwarten in mein Herz geschlichen. Goebel fängt einen ein und ehe man sich versieht, steckt man knietief mittendrin. Was anfangs fremd und gar verrückt erscheint, wird nachvollziehbar, man kann sich einfühlen. Joey Goebel durchdringt die augenscheinlichen Seltsamkeiten und fördert zutage, was den Menschen in seinem verschrobenen Kern liebenswert macht.

„Wenn ich losrocke wie ein verliebtes Menschenkind, dann bin ich gottähnlich. Rockmusik ist meine Religion. Ich glaube an Rockmusik.“ (Seite 74)

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Rainbirds von Clarissa Goenawan | Rezension

„Rainbirds“ wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch geschickt und sehr ans Herz gelegt. Noch einmal Danke an dieser Stelle für die schöne Überraschung. „Rainbirds“ ist der erste Roman der indonesischen Autorin Clarissa Goenawan, die für ihre Kurzgeschichten bereits internationale Literaturpreise erhielt, und die mit ihrer Familie in Singapur lebt. Die Geschichte spielt jedoch in Tokio und der näheren Umgebung der Großstadt, so dass für viele ein Vergleich mit den Werken von Haruki Murakami naheliegend ist. Beiden gemein ist auf jeden Fall die große Ruhe, die den Geschichten innewohnt, ebenso die Integration von mystischen Elementen. Ob mich Goenawan ebenso begeistern konnte wie Murakami, erfahrt ihr hier.

Sie
zerfiel
vor meinen Augen
und
wurde
zu
Asche.
(Seite 5)

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Die Stille zwischen den Sekunden von Tania Witte | Rezension

Wer gerne feinfühlige, spannende, emotionale und lebensnahe Jugendbücher liest, die als Tüpfelchen auf dem „i“ noch einen ganz besonderen Kniff in petto haben, sollte unbedingt zu „Die Stille zwischen den Sekunden“ von Tania Witte greifen. Mich hat die Geschichte komplett von den Füßen gerissen und ich bin in jeglicher Hinsicht begeistert. Die Figuren, der Schreibstil, die Story, der Spannungsbogen – alles ist rund, alles ist plausibel. Und vor allem geht einem das Schicksal jeder einzelnen Figur nahe, sei es auch die kleinste Nebenfigur. Es geht um das Leben in einer multikulturellen Großstadt, den Schulalltag, die erste Liebe, Freundschaft, Blogs und YouTube. Darüber hinaus geht es um Kriegserfahrungen, Verlust und unverarbeitete Traumata und die Folgen wie eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Schuldgefühle des Überlebenden.

Ich drehte den Gleisen den Rücken zu, drängelte mich durch die Menschen und stiefelte die Treppe wieder hinauf. Immer nach vorne schauen, nie zurück. (Seite 7)

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