So wie du mich kennst von Anika Landsteiner | Rezension

„So wie du mich kennst“ von Anika Landsteiner erzählt von der engen Beziehung zwischen zwei Schwestern und von der Schwierigkeit, plötzlich alleine zurückzubleiben. Es geht um Karla und Marie, die einander so nahestehen und sich im Wesen doch sehr unterscheiden. Marie sehnt sich fort aus dem kleinen Dorf Seekirch in Unterfranken, in dem sie aufgewachsen sind und in dem jeder jeden kennt und jeder alles vom anderen weiß. Sie möchte als Fotografin Karriere machen und Neues erleben. Karla hingegen fühlt sich wohl in ihrer Heimat, mit ihrem Job bei der Lokalzeitung und ihrem vorhersehbaren, ruhigen Leben. Worauf sie nicht vorbereitet ist, ist die gähnende Leere, die nach dem Tod von Marie in ihr herrscht. Und auch nicht auf die Fragen, die ihr Tod aufwirft. Was hat ihre Schwester vor ihr verheimlicht? Wie soll Karla ohne Marie weiterleben, wie diese Lücke in der Familie füllen? Und sollte ihr eigenes Leben nicht eigentlich „größer“ sein oder ist es okay, mit weniger glücklich zu sein?

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Das Lied der Wölfe von Rena Fischer | Rezension

„Das Lied der Wölfe“ ist der erste Erwachsenenroman von Rena Fischer, die zuvor die fantastischen und abenteuerlichen Jugendbuch-Reihen „Elbendunkel“ und „Chosen“ schrieb. In ihrem neuen Buch geht es um die Liebe, Wölfe, Schottland, PTBS, eine toxische Beziehung und familiäre Konflikte – und ich war mehr als gespannt darauf. Würde es der Autorin gelingen, mich auch mit diesen Themen zu fesseln? Würde es sich um einen klassischen Liebesroman handeln oder würde mich mehr erwarten? Ich antworte direkt: Ja und nochmals ja! „Das Lied der Wölfe“ hat mich von Anfang bis Ende restlos begeistert, überrascht und berührt. Dieser Roman fesselte mich und er ist so viel mehr als „nur“ eine Liebesgeschichte. Leser:innen erwartet eine vielschichtige, hervorragend recherchierte, wundervoll geschriebene Geschichte mit großartigen Figuren.

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Diese eine Lüge von Dante Medema | Rezension

Dante Medema reduziert „Diese eine Lüge“ auf das Wesentliche und erzielt damit eine maximale Wirkung. Erinnert hat mich dies an „The Wicker King“ von Kayla Ancrum, worin in komprimierten und teils surrealen Szenen von einer schwierigen Freundschaft erzählt wird. Dante Medemas Geschichte besteht aus Gedichten, E-Mails und Chatnachrichten, und dennoch (oder gerade deswegen) schafft sie es, tiefe Gefühle besonders hervorzuheben. Es geht um Delia, die im Rahmen eines Schulprojekts ihre DNA testet und herausfindet, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist. Vermutet hatte sie es schon lange, doch die Bestätigung wirbelt ihr Leben dennoch vollkommen durcheinander. Gleichzeitig muss sie sich weiter mit dem begonnenen Projekt auseinandersetzen und sich mit ihren Gefühlen für ihren Kindheitsfreund Kodiak befassen. Eine aufwühlende Handlung und ein Roman, der nicht nur aufgrund der Erzählform auffällt.

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The Dangerous Art of Blending In von Angelo Surmelis | Rezension

„The Dangerous Art of Blending In“ ist ein „Own Voice“ Roman, in dem Autor Angelo Surmelis seine eigene Kindheit und Jugend verarbeitet. Gleichzeitig hat er ein Werk in die Welt gesetzt, das zeigt, wie schwer es unter anderem Homosexuelle noch heute haben, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Welche Ängste sie ausstehen müssen und wie ignorant und verurteilend einige Menschen, vor allem in Kleinstädten, sein können. Homosexualität ist also die eine Sache, doch Surmelis hatte als immigrierter Grieche auch eine strenge und gläubige Mutter, die ihn jahrelang misshandelte. In einer berührenden Autorennotiz schreibt Surmelis, dass seine Therapeutin ihm empfohlen habe, seine Erfahrungen zu Papier zu bringen, doch wann immer er damit begann, war der Prozess zu schmerzhaft. Erst die Erfindung von Evan, so der Name des Protagonisten in diesem Buch, ermöglichte es ihm, die notwendige Distanz zu erlangen. Hier ist seine Geschichte.

„I know how to do this. I do this all the time. Actually, this is what I do. I make everything okay. I make it all normal when it’s not at all.“ (Seite 169)

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Leinsee von Anne Reinecke | Rezension

Im Halbschlaf überlegte er, ob er möglicherweise selbst nur eine Einbildung war. […] Vielleicht bin ich ja nur der erfundene Freund eines verrückten Kindes, dachte er. Er spürte noch sein eigenes Lächeln, bevor er einschlief. (Seite 74)

„Leinsee“ von Anne Reinecke ist meine erste große Überraschung in diesem Jahr. Ich hatte mit einer steifen, tendenziell schwermütigen Geschichte gerechnet und wurde stattdessen regelrecht von der Füßen gerissen von dieser sensiblen, herzergreifenden und unerwartet romantischen Erzählung. Warum das so ist? Anne Reinecke sieht das Schöne, die Sehnsüchte und die tiefen Gefühle, sie kehrt das Innerste ihrer Figuren nach außen, allerdings nicht auf dem Präsentierteller, sondern beinahe beiläufig und dadurch umso intensiver. Lest nach, warum mich das Buch außerdem begeistert hat, und wer weiß, vielleicht erobert es auch euer Herz.

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Mein Ein und Alles von Gabriel Tallent | Rezension

„Mein Ein und Alles. Mein Ein und Alles.“
„Ja“, sagt sie.
„Nur meins?“
„Nur deins“, sagt sie, und er presst seine Wange gegen ihre Hüften, presst sie eindringlich an sie, blickt zu ihr herauf, die Arme um ihr Kreuz geschlossen. (Seite 129)

Ich hasse diese Geschichte. Ich hasse es, dass der Waffenbesitz, der in den USA möglich ist, und die damit einhergehende Waffengewalt, eine so große Rolle in „Mein Ein und Alles“ spielen. Gleichzeitig aber liebe ich diese Geschichte, denn Gabriel Tallent hat mit Turtle und Martin Charaktere erschaffen, die ganz tief fühlen, die unglaublich falsch denken, die sich verlaufen haben, die orientierungslos und verzweifelt sind und die sich in kranker Liebe aneinender binden. Es tut weh, diesen Roman zu lesen, der mich abstieß und gleichzeitig anzog. „Mein Ein und Alles“ ist eine einzige faszinierende Herausforderung.

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Sofia trägt immer Schwarz von Paolo Cognetti | Rezension

„Die Frau mit den zwei Gesichtern“, erwidert Marta. „Siehst du das? Nicht nur das Auge, sondern auch die Braue, der Mundwinkel und diese kleine Narbe an der Wange – dein Gesicht ist total asymmetrisch.“
„Und so soll ich sein? Asymmetrisch?“. (Seite 138)

Es gibt ein abstraktes Kunstwerk, an das ich beim Lesen von „Sofia trägt immer Schwarz“ von Paolo Cognetti denken musste. Metallsplitter hängen wie in der Bewegung erstarrt in der Luft, in ihrer Mitte ein leerer Raum. Anfangs meinte ich, das Metall sei das zu beurteilende Kunstwerk, doch letztendlich war der Raum die Essenz von allem. Der Raum ist es, worauf es ankommt, die Metallsplitter erfüllen nur den Zweck, diesen Raum sichtbar zu machen. Ganz ähnlich erging es mir mit Sofia. Sie ist kaum greifbar, sie ist wandelbar und flüchtig. Nirgends wird sie sesshaft, ihre Gedanken und Gefühle behält sie unter Verschluss. Stattdessen sind es die Menschen, denen sie im Verlauf der Geschichte begegnet, die durch ihre gemeinsamen Erlebnisse eine Art „Sofia-Raum“ entstehen lassen und auf diese Weise den Kern von Sofias Wesen erfassen.

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Die Listensammlerin von Lena Gorelik | Rezension

Die Listen gaben mir Kraft und Ruhe wie anderen das Gebet, Alkohol, Drogen, ein Therapeut, die Zigaretten und das Shoppen. Ich wusste, dass sowohl Drogen wie auch Psychotherapeuten gesellschaftlich weit anerkannter sind als Listen. (Seite 57)

Schreibt ihr Listen? Wenn ja, warum? Ich schreibe Listen, um die Gedanken in meinem Kopf zu sortieren und anstehende Aufgaben im Blick zu haben. Eine schlichte Notwendigkeit. Sofia hingegen schreibt Listen mit bedingungsloser Leidenschaft. Listen sind ihr Leben – sie ordnen und katalogisieren weit mehr als ihre Gedanken. Sie beruhigen sie, wenn das Leben zu viel von ihr fordert, wenn sie unruhig wird. Und Unruhe empfindet sie wahrlich genug. Denn da wäre die Sorge um ihre Tochter, die mit halbem Herzen zur Welt kam und der eine lebensgefährliche Operation bevorsteht. Da wäre ihr Mann Flox, der ihre Sorgen nicht auf die gleiche Weise zu teilen scheint. Da wäre ihre Großmutter, die mit Demenz in einem Pflegeheim lebt und um die sie sich kümmern soll. Und da wäre ihre Mutter, die nie viel von ihren Listen gehalten hat und ihr viel zu wenig über die Identität ihres Vaters verrät. Das alles thematisiert Lena Gorelik (Autorin von „Mehr Schwarz als Lila“, 2017) in ihrem 2016 erschienenen Roman „Die Listensammlerin“.

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Superhero von Anthony McCarten | Rezension

Ja, der Junge auf der Brücke vergleicht sich mit verglühenden Sternen, während er darauf wartet, dass die einzelnen Elemente seines Todeswunsches – Ekel, Wut, Schmerz, Übelkeit, Schwäche, Frustration, Ungerechtigkeit, Neid, Einsamkeit, Reue – sich zu einer Kraft verbinden, die ausreicht, ihn in die Tiefe zu stoßen. (Seite 38)

Auf der diesjährigen LitBlog Convention hatte ich das Glück, der Lektorin Anna von Planta lauschen zu können, die von ihren Begegnungen mit Anthony McCarten und seinen Werken sprach. Sie erzählte auch von ihrem ersten Eindruck von „Superhero“ und ihrem Erstaunen über dieses ungewöhnliche Manuskript. Der Roman ist in Teilen wie ein Theaterstück, wie ein Comic, wie ein Drehbuch geschrieben – ein Sammelsurium der verschiedenen Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen. Doch nicht allein das macht „Superhero“ zu dem, was es ist: zu einem besonderen Werk.

Denn unabhängig vom Erzählstil hat Anthony McCarten eine äußerst feinfühlige Geschichte über einen todkranken Jungen geschrieben, die gleichzeitig traurig, überraschend witzig und vielschichtig ist. Der Autor nimmt das Schicksal von Donald Delpe ernst, zeichnet es aber nicht nur Grau in Grau. Vielmehr strotzt „Superhero“ förmlich vor Farbe und Leben, nicht zuletzt wegen der Comic-Szenen, die man als Leser auf Anhieb vor Augen hat. Sie bringen Abwechslung ins Lesen, ebenso wie in Donald’s tristen Alltag zwischen Behandlungen und Therapie und die Zeit mit seiner Familie. Die Comic-Geschichten sind wunderbar überspitzt und im Grunde dreht sich alles nur um Superhelden und Schurken und Sex. Vor allem Letzterer ist omnipräsent in Donald’s Gedanken und gleichzeitig ein wichtiges Plotelement.

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Wir sind dann wohl die Angehörigen von Johann Scheerer | Rezension

Wir waren aus unserem Universum hinauskatapultiert worden. Die Zeit, wie wir sie kannten, existierte nicht mehr. (Seite 19)

„Und ich schau wieder auf die Uhr: du bist immer noch nicht da
Keine Ahnung wo du bleibst, es ist wahr:
Mir ist langweilig […]“*

Nachdem ich „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer in der vergangenen Woche gelesen hatte, hat sich der Sinngehalt des Liedes *“Langweilig“ von den Ärzten für mich grundlegend geändert. In dem autobiografischen Bericht des Hamburger Musikproduzenten ist Langeweile ein zentrales Motiv, denn vor 22 Jahren konnte Johann Scheerer 33 Tage lang nichts anderes tun, als im Nichtstun zu verharren und zu warten: Am 25. März 1996 wurde sein Vater, Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, entführt und erst 33 Tage später wieder freigelassen.

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