Reiz von Simone Meier | Rezension

Es gibt Romane, die haben erst im Nachhinein einen Nachhall in der Herz- und Bauchgegend. So ist es mir mit „Reiz“ von Simone Meier, der Autorin von „Kuss“, ergangen. Ihr neuer Roman handelt von Valerie, einer lebenserfahrenen Journalistin Mitte fünfzig, und Luca, einem gefühlsgetriebenen und etwas blauäugigen jungen Erwachsenen. Sie hat genug von der Jugend, von dem beruflichen Druck und den Vergleichen, der Liebe und dem unweigerlich damit einhergehenden Schmerz. Er lässt sich fallen in seine erste Verliebtheit, seine Sehnsucht, den süßen Schmerz und gleichzeitig hadert er mit seinem Unvermögen, seinem Leben einen Sinn und eine Richtung zu geben. Beider Leben sind miteinander verbunden, ihre Erlebnisse und Erfahrungen sind wie ein Spiegel des jeweils anderen. Was kommt? Was war? Wie verändert man sich und wie ändert sich die Wahrnehmung im Laufe eines Lebens? Angesichts dieser Fragestellungen fing der Roman an, bei mir zu wirken und seine nachgelagerte Wirkung zu entfalten.

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Die Geschichte eines Lügners von John Boyne | Rezension

Endlich kann ich in die Welt heraustragen, wie großartig dieser neue Roman von John Boyne ist. So faszinierend, packend, erschreckend, überraschend, lustig und tragisch! Dabei war „Die Geschichte eines Lügners“ keinesfalls Liebe auf den ersten Blick, obwohl ich Bücher des Autors grundsätzlich sehr schätze (siehe „Cyril Avery„). Doch sowohl Klappentext als auch Cover wollten mich dieses Mal nicht vom Fleck weg überzeugen. Zu erdrückend schwer und unsympathisch klang die Handlung, zu nichtssagend war das Cover. Natürlich habe ich dennoch reingeschnuppert und nach wenigen Seiten war klar: Ein Glück wurde mir dieses Buch geschickt, denn sonst wäre mir ein absolutes Highlight entgangen.

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Und in mir ein Ozean von Dennis Stephan | Rezension

„Und in mir ein Ozean“ von Dennis Stephan erzählt vom Leben des jungen Außenseiters Arthur. Im Roman begleiten wir den Protagonisten bei seinen Versuchen, sich aus einer gestörten Mutter-Sohn-Beziehung zu lösen und später der Umklammerung der Vergangenheit zu entkommen. Arthur landet in Hamburg, Amsterdam und Berlin. Er trifft Menschen, die es gut mit ihm meinen und Menschen, die ihm nicht guttun. Er verliebt sich, er verwundet andere und wird verwundet. Und immer bleibt er auf der Suche, rastlos, fest im Griff seiner eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Wer meinen Blog kennt weiß, dass ich Entwicklungsromane heiß und innig liebe. Ob dieser Roman mich ebenfalls überzeugen konnte, erfahrt ihr hier.

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BOHÈME von Jonas Zauels | Rezension

Eine unerwartete Verwechslung und schon hat Felicia eine neue Identität, sie kann sich ganz neu erfinden! Eine einmalige Chance, die man ergreifen sollte, findet sie. So beginnt „BOHÈME“ von Jonas Zauels, der mich bereits mit seinem Debütroman „Alle Farben der Nacht“ begeisterte. Aus Felicia wird also Florence, ein Mädchen, das ihre Tage mit reichen, von sich selbst und dem Alkohol berauschten Künstlern verbringt, die tagtäglich ein künstliches Ich erschaffen, das sich über das fade „normale“ Ich erhebt, das glänzt und scheint. Ein großartiges Leben! Doch ist das letztendlich alles nur ein Trugschluss? In seinem zweiten Roman macht Zauels vieles anders als in seinem ersten Werk, die Geschichte ist humorvoller und etwas schwereloser. Was jedoch bleibt, ist der intensive Blick auf die Figuren, ihre Gedanken und Empfindungen sowie ihre Entwicklung.

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Marianengraben von Jasmin Schreiber | Rezension

„Marianengraben“ von Jasmin Schreiber erzählt eine Geschichte, die von Tod, Krankheit, Trauer und Depression handelt. Davon, wie ein Verlust so schwer wiegen kann, dass man tief in den Marianengraben hinabtaucht und man es aus eigener Kraft nicht schafft, wieder an die Oberfläche zu tauchen. Und doch steckt dieser Roman voller Lachen, Lebensfreude und Hoffnung. Und ist es nicht auch in Wirklichkeit so? Dass der Tod unausweichlich zum Leben dazugehört? Dass Trauer und Glück ganz nah beieinander liegen? Wir bewegen uns immer auf einem schmalen Grad zwischen diesen beiden Zuständen, verdrängen das Negative nur allzu gerne – bis wir jemanden verloren haben und uns die Vergänglichkeit von allem bewusst wird. „Man spürt erst etwas durch Veränderung“, sagte Jasmin Schreiber im Rahmen einer Lesung. Ein Gedanke, der ihren Roman durchdringt und so unglaublich faszinierend macht. Es geht um Veränderung des Lebens durch Verlust und Tod, es geht um die Verwandlung von Trauer zu Akzeptanz und es geht, ganz praktisch, um die Veränderung des Alltags. Begeben wir uns also gemeinsam mit den Protagonisten auf einen Roadtrip der Veränderung.

Ich hatte keine Lösung. In mir breitete sich das Nichts aus, es hatte kein Gefühl, kein Aussehen, keinen Geruch, keinen Klang, keinen Geschmack. Ich war ein Menschenkostüm, das Nichts enthielt. (Seite 13)

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Am Anfang eines Lebens von Hanna Hommes | Rezension

Die Rezension von „Am Anfang eines Lebens“ von Hanna Hommes wird ein Balanceakt, denn es ist eine fifty-fifty Angelegenheit. Ein Teil des Gesamtpakets gefiel mir gut, der andere Teil hingegen gefiel er mir leider nicht. Doch zunächst ein paar Worte zum Thema: Es geht um Katharina, eine junge Frau Anfang Dreißig, die ihr Leben, ihre Entscheidungen und schlussendlich auch sich selbst infrage stellt. Mit diesem Thema konnte ich mich gut identifizieren, denn in diesem Alter ist man meist im Beruf angekommen, vielleicht hat man schon eine Familie, und dann kommt die Frage: Bin ich eigentlich mit meinem Leben zufrieden? Und wenn nicht, welche Entscheidungen muss ich treffen und welche Folgen haben diese Entscheidungen? Auch ihre Beziehungen stellen Katharina vor viele Fragen. Wieso ist sie in einer Beziehung nie wirklich glücklich? Liegt es an der Beziehung, am Partner oder gar an ihr selbst?

Was hatte ich schon erreicht, eine Grundschullehrerin, die ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hatte, eine erwachsene Frau, die immer noch nicht wusste, wohin es in ihrem Leben gehen sollte, weil sie die wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben falsch getroffen hatte. (Seite 126)

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Postscript – Was ich dir noch sagen möchte von Cecilia Ahern | Rezension

Mit „Postscript – Was ich dir noch sagen möchte“ knüpft Cecilia Ahern an ihren Erfolgsroman „P.S.: Ich liebe dich“ an, der im Jahr 2005 erschien. Die Geschichte um Verlust und Trauer, aber auch Freundschaft und Hoffnung bewegte mich damals sehr und so begann ich ihren neuen Roman mit einigen Erwartungen zu lesen. In mancher Hinsicht wurden die Erwartungen erfüllt, doch zu großen Teilen kam „Postscript“ leider nicht an den Vorgänger heran. Warum das so war, erläutere ich in meiner Rezension. Doch zuvor möchte ich noch ein Lob an die Agentur „ehrlich & anders“ aussprechen, die das Erscheinen des Buches mit einer Aktion begleitet haben. Ganz im Sinne der Geschichte von Holly und Gregg wurden drei Briefe verschickt, die Zitate aus dem Buch beinhalteten sowie Fragen, die zum Nachdenken anregten. Der finale Brief enthielt eine To-Do-Liste mit Aufgaben, mit denen ich mir, aber auch anderen etwas Gutes tun kann. Diese Aktion hat mich begeistert und dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wir wollen unseren Tod kontrollieren, unseren Abschied von der Welt, und wenn wir das nicht können, wollen wir wenigstens bestimmen, wie wir sie hinter uns lassen. (Seite 141)

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Melmoth von Sarah Perry | Rezension

Düster, unheimlich und erschütternd – so ist „Melmoth“ von Sarah Perry, der Autorin von „Die Schlange von Essex“. Ihr dritter Roman ist meinem Empfinden nach atmosphärisch ebenso dicht wie der Vorgänger, doch er forderte mich um einiges mehr heraus. Denn Sarah Perry lässt die Legende von „Melmoth“ lebendig werden, einer Frau, die dazu verdammt ist, auf ewig den Menschen dort zu erscheinen, wo „Leid, Finsternis und Tod am ärgsten sind“. Folglich sind die Schauplätze der Geschichte eben jene Augenblicke, in der Menschen die größten Greueltaten begehen. In ihrer unendlichen Einsamkeit sehnt sich Melmoth“ nach diesen armen Seelen, die voller Schuld sind. Doch sind wirklich alle diese Menschen hoffnungslos verloren? Oder können sie Vergebung erfahren?

Diese Stunden, diese langen Minuten des kurzen Tages sind wohl die letzten, in denen sie [Helen Franklin] nichts von Melmoth ahnt. Noch ist ein Donner nur ein Donner, und ein Schatten nur ein dunkler Fleck an der Wand. (Seite 13/14)

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Freaks von Joey Goebel | Rezension

„Freaks“ von Joey Goebel ist die schrägste Geschichte mit den schrägsten Figuren, die ich seit langem gelesen habe. Anfangs ging mir daher nicht viel mehr als ein ungläubiges, teils skeptisches, teils belustigtes „oooookay“ durch den Kopf, denn die Figuren werden dem Leser alle miteinander direkt zu Beginn in all ihrer wundervollen Exzentrik präsentiert. Und dennoch haben sich Ray, Opal, Luster, Aurora und Ember vollkommen wider Erwarten in mein Herz geschlichen. Goebel fängt einen ein und ehe man sich versieht, steckt man knietief mittendrin. Was anfangs fremd und gar verrückt erscheint, wird nachvollziehbar, man kann sich einfühlen. Joey Goebel durchdringt die augenscheinlichen Seltsamkeiten und fördert zutage, was den Menschen in seinem verschrobenen Kern liebenswert macht.

„Wenn ich losrocke wie ein verliebtes Menschenkind, dann bin ich gottähnlich. Rockmusik ist meine Religion. Ich glaube an Rockmusik.“ (Seite 74)

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Kuss von Simone Meier | Rezension

Gut, Yann schnarchte ein wenig, im Alter würde es gewiss schlimmer werden, aber noch störte es sie nicht, noch störte sie sich nur selbst. Mit ihren ganz persönlichen Träumen und Gedanken. Mit denen sie sich nachts nicht nur um ein paar Zentimeter, sondern um kleine Welten von Yann entfernte, weil sie mit dem zu tun hatten, was zwischen ihnen gerade nicht stattfand. (Seite 58)

Das fröhlich-verspielte Cover von „Kuss“ von Simone Meier täuscht über den Inhalt hinweg. Dieser Roman ist weit mehr als ein leichtes Beziehungsdrama, es offenbart sich stattdessen ein Blick auf die dunklere Seite der menschlichen Seele. Er fördert Sehnsüchte, Begierden, Zweifel und erotische Fantasien zutage, die im Licht des Tages betrachtet geradezu irrsinnig erscheinen, und die dennoch in den Protagonisten Gerda, Yann und Valerie schlummern.

Valerie, spröde und zynisch, ist überzeugt, den Rest ihres Lebens nicht noch einmal mit einem Mann teilen zu wollen. Zu sehr liebt sie ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit. Oder ist es auch Verletzlichkeit, die durch ihre standhafte Verweigerung von Gefühlen und Nähe zum Ausdruck kommt? Gewinnt man vielleicht doch mehr, als man verliert, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt? Gerda und Yann sind von außen betrachtet ein Vorzeigepaar – er hat einen guten Job, sie versucht sich unfreiwillig, aber nicht minder zufrieden, in der Rolle der Hausfrau, die das frisch bezogene Haus einrichtet und gestaltet. Ideale Voraussetzungen für die Familiengründung also. Doch was bleibt danach noch im Leben, wenn das Knistern des Neuen längst der Vergangenheit angehört? War es das? Und was, wenn dieses Fehlen, dieses Loch in einem selbst, einen dazu antreibt, sich anderen zuzuwenden. In der Fantasie, in Träumen. Und was, wenn dadurch etwas in Gang gesetzt wird, was unwiderruflich ins Unglück führt?

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