Eisfuchs von Tanya Tagaq | Rezension

„Eisfuchs“ von Tanya Tagaq klingt anspruchsvoll, emotional, bedrückend und gleichzeitig ungeheuer faszinierend. Eine Kindheit in Nunavut im Norden Kanadas in den 1970er Jahren, inmitten einer rauen und unnachgiebigen Natur, eine Gemeinschaft, die zerfällt, Kinder, die sich selbst überlassen und von Erwachsenen im Alkohol- und Drogenrausch missbraucht werden. Ein namenloses Mädchen, das versucht, in diesem Umfeld zurechtzukommen und sich selbst zu finden. Alles verwoben mit den Mythen der Inuit. Auch die Gestaltung des Buches ist wunderschön. Das schlichte, aber edle Cover, schwarz-weiße Illustrationen im Text und ein roter Farbschnitt. Doch leider lässt mich der Roman ausschließlich verwirrt zurück. „Eisfuchs“ war für mich eine verstörende und schwer verständliche Leseerfahrung.

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The Dangerous Art of Blending In von Angelo Surmelis | Rezension

„The Dangerous Art of Blending In“ ist ein „Own Voice“ Roman, in dem Autor Angelo Surmelis seine eigene Kindheit und Jugend verarbeitet. Gleichzeitig hat er ein Werk in die Welt gesetzt, das zeigt, wie schwer es unter anderem Homosexuelle noch heute haben, von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Welche Ängste sie ausstehen müssen und wie ignorant und verurteilend einige Menschen, vor allem in Kleinstädten, sein können. Homosexualität ist also die eine Sache, doch Surmelis hatte als immigrierter Grieche auch eine strenge und gläubige Mutter, die ihn jahrelang misshandelte. In einer berührenden Autorennotiz schreibt Surmelis, dass seine Therapeutin ihm empfohlen habe, seine Erfahrungen zu Papier zu bringen, doch wann immer er damit begann, war der Prozess zu schmerzhaft. Erst die Erfindung von Evan, so der Name des Protagonisten in diesem Buch, ermöglichte es ihm, die notwendige Distanz zu erlangen. Hier ist seine Geschichte.

„I know how to do this. I do this all the time. Actually, this is what I do. I make everything okay. I make it all normal when it’s not at all.“ (Seite 169)

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In der Nacht hör‘ ich die Sterne von Paola Peretti | Kurzrezension

Ich fürchte mich vor der Dunkelheit in meinen Augen. Ich heiße Mafalda, bin neun Jahre alt und kurz davor zu erblinden. (Seite 9)

Eines Tages nichts mehr sehen zu können, ist eine beängstigende Aussicht. Eine, der sich die neunjährige Mafalda in dem Roman „In der Nacht hör‘ ich die Sterne“ stellen muss, als die Ärzte eine seltene Augenkrankheit bei ihr feststellen. Wie geht man als Kind damit um, dass die Sicht schleichend, aber unaufhaltsam schlechter wird? Welche Ängste und Sorgen hat man? Wie versucht man vielleicht, das unvermeidbare erträglicher zu machen? Diese Überlegungen stellt Autorin Paola Peretti an, und das sehr einfühlsam, denn sie teilt das Schicksal ihrer kleinen Protagonistin – sie selbst wurde mit der Diagnose Morbus Stargardt konfrontiert, die zu vollkommener Erblindung führt. Wer kann sich also besser in die Lage von Mafalda hineinversetzen als sie?

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Hör auf zu lügen von Philippe Besson | Rezension

Ich stehe zu dem, was ich bin. Gewiss nur still. Doch in entschlossener Stille. Stolz. (Seite 22)

Philippe Besson erzählt in „Hör auf zu Lügen“ eine ganz besondere Geschichte, nämlich seine eigene. Er erzählt von seiner großen Jugendliebe Thomas, einem Jungen, der in dem Glauben aufwächst, Homosexualität sei etwas, das nicht richtig ist. Ein widernatürlicher Drang. So verleugnet Thomas sich selbst, seine Bedürfnisse und Wünsche, und kämpft für den Großteil seines Lebens dagegen an. Besson erzählt von ihrem Kennenlernen und wie er sich unmittelbar in Thomas verliebte, in seine stille Art, seine Wortkargheit. Er, der seine Homosexualität nicht an die große Glocke hängt, sie aber auch nicht bewusst verheimlicht, der dazu steht und nichts unnatürliches daran findet, begegnet einem jungen Menschen, der ganz anders damit umgeht. Wie kann sich unter diesen Umständen eine Liebesgeschichte entfalten? Dieser wundervolle Roman erzählt davon.

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Eine Geschichte der Zitrone von Jo Cotterill | Rezension

Eine berührende Geschichte, mit Worten voll bittersüßer Intensität.

„Eine Geschichte der Zitrone“ ist der erste Roman von Jo Cotterill, der auch auf Deutsch erschien. In ihrer Heimat, der englischen Grafschaft Oxfordshire, hat sie bereits einige Bücher geschrieben, die ich nach diesem Leseerlebnis unbedingt alle lesen möchte. Denn Jo Cotterill hat mich mit ihrer bittersüßen, herzlichen und traurig-schönen Geschichte vollends überzeugt. „Eine Geschichte der Zitrone“ ist zum weinen und trotzdem voller Freude. Eine feine, zarte Erzählung über Freundschaft, Familie, Kindheit, Verlust, Depression und die Liebe zu Büchern.

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Simon vs. the Homo Sapiens Agenda von Becky Albertalli | Rezension

So süß. Soo sprühend komisch. Sooo herzerwärmend! Seufz, Hach und Dauergrinsen 🙂

Ich warne vor: Wer „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“ (dt. Titel: Nur drei Worte) von Becky Albertalli liest, begibt sich in die akute Gefahr, nach dem Lesen unter Herzklopfen und glückseligem Dauergrinsen zu leiden. Wobei „leiden“ eigentlich der gänzlich falsche Ausdruck ist, denn hier leidet wenn überhaupt der Protagonist. Er leidet unter der wundervollsten, sehnsüchtigsten und kribbeligsten ersten Verliebtheit, die man sich nur vorstellen kann. Davon steckt Simon den Leser gewaltig an – ich bin verliebt in diese Geschichte. Doch „Simon vs. the Homo Sapiens Agenda“ ist mehr als nur eine einfache Liebesgeschichte. Was noch im Buch drinsteckt, erfahrt ihr in meiner Rezension.

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Das Leben meines besten Freundes von Judith Gridl | Rezension

Überraschend spannende Coming-of-Age Geschichte. Eine Freundschaft, die sich über alle Grenzen hinwegsetzt.

Ich muss gestehen – ich hatte weniger erwartet, als ich den Klappentext des Buches las. Auch die Altersempfehlung ab 12 ließ mich eher auf eine angenehm unterhaltende Lektüre tippen. Doch ich habe mich getäuscht. „Das Leben meines besten Freundes“ von Judith Gridl fordert seine jungen (und älteren) Leser, denn neben der Geschichte einer tiefen Freundschaft, geht es um Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, Unterdrückung und Kriminalität, Identität und Lebensziele. All dies fließt dabei so gekonnt in die Haupthandlung mit ein, dass ich am Ende sehr beeindruckt war. In meiner Rezension erfahrt ihr mehr.

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Alle Farben der Nacht von Jonas Zauels | Rezension

Sprachgewaltiges und intensives Roman-Debüt, das erschüttert und berührt. 

Für manche Rezensionen fühle ich mich zu klein. Ich fühle mich ihnen nicht gewachsen, vor allem, wenn mich der Roman sprachlich und inhaltlich so sehr gefangennimmt und beeindruckt, wie dieses Debüt: „Alle Farben der Nacht“ von Jonas Zauels. Der Autor, gerade einmal Mitte zwanzig, schreibt so gut. Metaphorisch, philosophisch, nüchtern, poetisch, gleichzeitig jugendlich und reif – seine Worte fühlen sich schlicht energiegeladen an. Herrje, manchmal kann man einfach nur dankbar sein, auf ein Buch aufmerksam gemacht worden zu sein.

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Rezension | Hallo Leben, hörst du mich? von Jack Cheng

In „Hallo Leben, hörst du mich?“ habe ich mich mit jeder Zeile mehr verliebt. Es ist eine dieser ganz stillen, auf den ersten Blick simplen Geschichten, die sich aber für mich wahrhaft magisch anfühlte. Wer neugierig ist, sollte sie sich nicht entgehen lassen. Aber Achtung, für meinen Geschmack beinhaltet der Klappentext einen Spoiler. Wer das Buch völlig unvoreingenommen lesen möchte, dem empfehle ich, den letzten Satz des Klappentextes nicht zu lesen. Einen etwas detaillierteren, aber Spoiler-freien Eindruck vom Buch könnt ihr euch in meiner Rezension verschaffen.

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