Two Boys Kissing von David Levithan | Rezension

Die Liebe tut so weh, wie kann man sie jemandem wünschen? Die Liebe ist so grundlegend, wie kann man ihr im Wege stehen? (Seite 18)

2015, als „Two Boys Kissing“ von David Levithan erschien, stand ich in der Bahnhofsbuchhandlung im Düsseldorfer Hauptbahnhof und hielt die englische Taschenbuchausgabe in der Hand. Bestimmt 15 Minuten stand ich dort und überlegte, ob ich es kaufen soll oder nicht – ich tat es nicht. Wiederum vor zwei Jahren fand ich die deutsche Ausgabe in einem Bücherschrank und dieses Mal nahm ich sie glücklicherweise ohne lange nachzudenken mit. Allerdings LAS ich das Buch noch immer nicht – erst jetzt habe ich danach gegriffen und diese wundervolle (!) Geschichte für mich entdeckt.

Was mich besonders beeindruckt, ist die Kraft der Gefühle, die Intensität, mit der die Figuren ihren Alltag und ihre Gefühle erleben, und die Weisheit, die zwischen den Zeilen steckt. Worum es geht? Um Liebe. In allen Facetten und mit allen ihren positiven und auch schmerzhaften Eigenschaften. Es geht um die Freiheit, der Mensch sein zu können, der man ist, und die sexuelle Identität zu haben, die man nun einmal hat. Und es geht um innere, familiäre und gesellschaftliche Konflikte, die leider auch heute noch viel zu oft damit einhergehen.

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Hör auf zu lügen von Philippe Besson | Rezension

Ich stehe zu dem, was ich bin. Gewiss nur still. Doch in entschlossener Stille. Stolz. (Seite 22)

Philippe Besson erzählt in „Hör auf zu Lügen“ eine ganz besondere Geschichte, nämlich seine eigene. Er erzählt von seiner großen Jugendliebe Thomas, einem Jungen, der in dem Glauben aufwächst, Homosexualität sei etwas, das nicht richtig ist. Ein widernatürlicher Drang. So verleugnet Thomas sich selbst, seine Bedürfnisse und Wünsche, und kämpft für den Großteil seines Lebens dagegen an. Besson erzählt von ihrem Kennenlernen und wie er sich unmittelbar in Thomas verliebte, in seine stille Art, seine Wortkargheit. Er, der seine Homosexualität nicht an die große Glocke hängt, sie aber auch nicht bewusst verheimlicht, der dazu steht und nichts unnatürliches daran findet, begegnet einem jungen Menschen, der ganz anders damit umgeht. Wie kann sich unter diesen Umständen eine Liebesgeschichte entfalten? Dieser wundervolle Roman erzählt davon.

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Cyril Avery von John Boyne | Rezension

„Sie sagen doch niemandem etwas?“, fragte ich.
„Sage was nicht?“
„Was ich Ihnen gerade erzählt habe. Das ich nicht normal bin.“
„Großer Gott“, sagte sie, lachte und stand auf. „Seien Sie nicht albern. Keiner von uns ist normal. Nicht in diesem verdammten Land.“ (Seite 290)

John Boyne ist vielen sicherlich durch seinen Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bekannt. 2009 wurde die Geschichte verfilmt. Darüber hinaus hat Boyne viele weitere Romane geschrieben, „Cyril Avery“ ist nun sein neuestes Werk. Darin geht es um einen Jungen, der im engstirnigen und gottesfürchtigen Irland der Nachkriegszeit mit seiner Homosexualität zu kämpfen hat. Wir begleiten ihn auf seinem gesamten Lebensweg, von seiner Geburt bis hin ins hohe Alter, 70 Jahre lang. Dabei widmet sich John Boyne den wichtigen Themen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die diese vergangenen Jahrzehnte besonders prägten.

„Cyril Avery“ – im Original übrigens „The Heart’s Invisible Furies“ – hat mich nachhaltig beeindruckt. Es hat mich tief berührt, es hat mich schrecklich wütend gemacht, ich war sprachlos und fassungslos und doch habe ich regelmäßig herzhaft gelacht. All diese Emotionen stecken in den Zeilen, dicht an dicht nebeneinander. Oft so dicht, dass man bei einem Satz am liebsten vor lauter Ärger schreien möchte, nur um im nächsten in schallendes Gelächter auszubrechen. Was für ein atemberaubender Drahtseilakt für die Nerven und gleichzeitig: Was für ein informativer und hochinteressanter gesellschaftskritischer Roman.

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