Karussell von Pavo Pejić | Rezension

Niemand mag 15-jährige Jungen, heißt es in „Karussell“ von Pavo Pejić. Schon gar keine Jungen, die mit Drogen, Sex, Pornovideos, Alkoholkonsum und Diebstahl ihre Grenzen ausloten und sie (natürlich) überschreiten. Für Paul und seine Freunde Dominik, Tobi und Marco, die manche Leser bereits aus „Pussykiller“ von Pejić kennen, sind diese Aktionen eine willkommene Ablenkung vom deprimierenden Alltag. Sie leben im Hamburger Stadtteil Dulsberg, der viele Jahre als ein Brennpunkt mit hoher Kriminalität und Arbeitslosigkeit galt. Vernachlässigt und gelangweilt treiben die Jungen durch die Tage, immer auf der Suche nach Spaß und Abenteuer, aber auch nach Liebe und Anerkennung.  „Karussell“ ist eine Retrospektive, zehn Jahre nach seinem Debüt-Roman „Pussykiller“ besucht der Autor seine Figuren erneut. Was anfangs als Schreibübung gedacht war, entwickelte sich jedoch rasch zu einem eigenständigen Roman.

Die Glocke zur ersten Stunde hörte ich noch, während ich mich langsam wieder von der Schule entfernte. Manchmal fühlte sich Schwänzen nicht wie Davonkommen an, sondern wie Weglaufen. (Seite 50)

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Im Schatten des Fuchses von Julie Kagawa | Rezension

„Im Schatten des Fuchses“ ist mein erster Roman von Julie Kagawa, doch ich hatte natürlich schon viel von ihr gehört und über ihre fantastischen Jugendbuchreihen gelesen. Umso neugieriger war ich auf ihre neue „Schatten-Serie“, die zwar auf klassische Jugendfantasy inklusive Liebesgeschichte mit den üblichen Konflikten schließen ließ, doch das japanische Setting, Gestaltwandler, Mönche, Dämonen und Samurai – das versprach interessant zu werden. Ob es das auch war, erfahrt ihr in dieser Rezension.

„Ich sehe mich, Meister Isao.“ Ich fragte mich, ob es diesmal die richtige Antwort war. „In meiner wahren Gestalt. Ohne Illusion oder Abwehr. Ich sehe eine Kitsune.“ (Seite 29)

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Hexenwerk: Die gestohlenen Kinder von Schwarzbach von Tanja Hanika | Rezension

Es bedurfte eines sanften Stupsers, um „Hexenwerk: Die gestohlenen Kinder von Schwarzbach“ und mich zusammenzubringen. Doch was bin ich froh über diesen Stupser! Zwar gehört Horror nicht zu den von mir bevorzugten Genres, doch Tanja Hanika hat mich mit ihrem Roman vom Fleck weg überzeugt. Er war in genau dem richtigen Maße gruselig, unterhaltsam, lustig, überzeugend und richtig, richtig spannend. Filmreif gar. Wer sich diesen Herbst also zusammen mit ein paar jugendlichen Freunden und drei garstigen Hexen ein wenig gruseln möchte, dem kann ich das im Selfpublishing erschienene „Hexenwerk“ nur wärmstens ans Herz legen.

Die Gedanken in seinem Kopf explodierten zu unbrauchbaren Trümmern und er konnte zunächst nicht begreifen, was geschah. Simon hätte geschworen, dass sein Herz fünf Schläge aussetzte. Ein Schwindel der Angst erfasste seinen Körper. (Seite 49)

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Staub & Flammen – Das zweite Buch der Götter von Kira Licht | Rezension

Nach dem äußerst spannenden Ende in Band 1, „Gold & Schatten„, knüpft „Staub & Flammen – Das zweite Buch der Götter“ von Kira Licht nahtlos nach dem Verschwinden von Maél an. Livia ist am Boden zerstört, doch sie hält sich tapfer, denn ihre Freunde sind für sie da und gemeinsam setzen sie alles daran, Maél aus dem Kerker im Olymp zu befreien. Schließlich kann es doch nicht angehen, dass ein Haufen – teils sehr fauler und lustloser – Götter einem Unschuldigen den Prozess machen, ohne sich eine Aussage zu seinen Gunsten anzuhören! Mit von der Partie sind natürlich wieder Jemma und Gigi sowie Hermes, Ödipus und Enko. Doch es kommen auch neue Gesichter hinzu und Livia bemerkt an sich selbst einige rätselhafte Veränderungen. Ihr seht, Band 2 steckt voller Überraschungen.

Über Nacht war es Herbst geworden. Eine düstere Wolkendecke hing über Paris, und ein scharfer Wind entriss den Bäumen die ersten Blätter. […] Es schien, als wollte das Wetter meine Gefühlslage widerspiegeln. (Seite 5)

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Five Feet Apart (dt. Drei Schritte zu dir) von Rachael Lippincott, Mikki Daughtry, Tobias Iaconis | Rezension

Auf dem Jugendbuch „Drei Schritte zu dir“, im Original „Five Feet Apart“, basiert der bereits in den Kinos angelaufene gleichnamige Kinofilm, mit Cole Sprouse und Haley Lu Richardson in den Hauptrollen. Es geht um Will und Stella, zwei an Mukoviszidose (medizinisch: cystische Fibrose, CF) erkrankte Teenager, die sich im Krankenhaus während einer Behandlung beziehungsweise Therapie begegnen. Mukoviszidose ist eine angeborene Stoffwechselerkrankung, die nicht heilbar ist und die Lebenserwartung der Betroffenen auf maximal 40 Jahre beschränkt. Ansteckend ist Mukoviszidose nicht, doch CF-Patienten wird dringend geraten, einander nicht zu nahe zu kommen, um das Ansteckungsrisiko mit Infektionen zu minimieren. Zudem ist Will an der Bakterienart Burkholderia cepacia erkrankt, die bei Patienten mit Mukoviszidose ernsthafte Komplikationen verursachen kann. Doch was, wenn sich CF-Patienten ineinander verlieben? Wie soll man dann Abstand halten können? Um diesen Konflikt und das Leben mit der Krankheit geht es in dem Buch. Wie es mir gefallen hat, erfahrt ihr hier.

I wonder, all too often, what it would be like to have lungs this healthy. This alive. I take a deep breath, feeling the air fight its way in and out of my body. (Seite 1)

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The Red Scrolls of Magic – The Eldest Curses (Band 1) von Cassandra Clare und Wesley Chu | Rezension

Mit „The Red Scrolls of Magic“ starten Cassandra Clare und Wesley Chu eine neue Trilogie rund um die Schattenjäger, diesmal mit Alec und Magnus in den Hauptrollen. Eine waschechte Malec-Trilogie also, die von Fans der Schattenjägerwelt sicherlich sehnlichst erwartet wurde. Thematisch knüpft dieser erste Band von „The Eldest Curses“, so der englische Titel der Reihe, nach dem Krieg gegen Valentine an. Alec hat seine Beziehung zu Magnus offiziell gemacht und nun wünschen sich beide nichts mehr als eine Auszeit, um sich zu erholen und vor allem um zu schauen, ob das zwischen ihnen wirklich etwas ist, das Bestand haben kann. Ihre Reise führt sie dabei nach Paris, Venedig und Rom, was sehr romantisch klingt und auch romantisch sein sollte, doch es kommen ein paar Dämonen aus der Vergangenheit dazwischen – und natürlich auch einige echte Dämonen.

„Anyone who wants a Shadowhunter’s protection,“ Alec shouted, „come to me!“ (Seite 155)

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The Wall (dt. Die Mauer) von John Lanchester | Rezension

In Zeiten, in denen der Brexit diskutiert wird, ein Klimawandel bevorsteht und bereits jetzt Flüchtlinge in Europa nach einer sicheren, neuen Heimat suchen, ist „Die Mauer“ von John Lanchester weniger eine Dystopie als vielmehr ein durchaus realistisches Zukunftsszenario. Schauen wir also wenige Jahre in die besagte Zukunft: England hat sich abgeschottet und eine Mauer entlang der Küste errichtet. Diese soll die Bewohner des Landes vor „den Anderen“ schützen, die seit „dem Wandel“ verzweifelt versuchen auf die andere Seite der Mauer zu gelangen. Um das zu verhindern, müssen alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zwei Jahre lang Dienst auf der Mauer leisten. Ein gefürchteter Dienst, denn ein Angriff kann jederzeit erfolgen und die Folgen sind fatal. Entweder man wird getötet oder man wird der See übergeben, sobald es ein Anderer geschafft hat, ins Landesinnere zu gelangen. Und so fürchtet sich Joseph Kavanagh, während er seinen Dienst auf der Mauer absolviert – und tatsächlich werden seine schlimmsten Alpträume wahr. [Achtung, diese Rezension ist nicht frei von Spoilern.]

It’s cold on the Wall. That’s the first thing everybody tells you, and the first thing you notice when you’re sent there, and it’s the thing you think about all the time you’re on it, and it’s the thing you remember when you’re not there anymore. It’s cold on the Wall. (Seite 3)

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GRM: Brainfuck von Sibylle Berg | Rezension

„GRM: Brainfuck“ von Sibylle Berg ist eine 640 Seiten lange gnadenlose Beschreibung dessen, was in der heutigen Zeit schief läuft und auf welche katastrophalen Zustände wir in naher Zukunft zusteuern könnten. Und das sind einige: Die Regierung von Großbritannien betrachtet Kapitalismus als das Nonplusultra, die Regierenden haben ordentlich Dreck am Stecken und das ganze System ist für die Tonne. Von der Umwelt ganz zu schweigen. Dieser Roman hat mich mehr als herausgefordert und emotional aufgewühlt. Lange bin ich nicht mehr solch einer Brutalität begegnet. Dem Leser kommt eine geballte Ladung aus Wut, Hass, Neid, Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Überheblichkeit und Traurigkeit entgegen, gekrönt vom bitteren Sarkasmus des Erzählers. Und dennoch finde ich, dass jeder diesen Roman gelesen haben sollte, auch wenn man, wie ich, einen Monat daran liest, auch wenn „GRM: Brainfuck“ einen fix und fertig macht und auslaugt, denn was darin angesprochen wird ist wichtig.

Vielleicht steht die Welt gerade am Beginn ihres Untergangs. Möglicherweise gab es Pläne, größere Teile der Bevölkerung zu vernichten. Man wird sich auch daran gewöhnen. Die Bösartigkeit des Menschen als Status quo ist immer etwas, an das man sich gewöhnt. (Seite 338)
Die Dummheit ist eine verlässliche Konstante der Menschheitsgeschichte. (Seite 478)

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Gold & Schatten: Das erste Buch der Götter von Kira Licht | Rezension

So ein Quatsch! Ja, das dachte ich auf den ersten Seiten von „Gold und Schatten“ von Kira Licht. Schon wieder ein Bad Boy, der ein naives Mädchen um den Finger wickelt. Schon wieder gibt es irgendein Hindernis, weshalb sie kein Paar werden dürfen. Und natürlich entwickelt das Mädchen geheimnisvolle Fähigkeiten und in ihrer Welt ist bald nichts mehr so, wie sie es bisher kannte. Doch es kommt ein riesengroßes „aber“: Denn „Gold und Schatten“ ist SO lustig. Ich habe mich herrlich amüsiert, ich hatte einen riesigen Spaß beim Lesen dieser Geschichte. Noch dazu wirkt kein Satz gekünstelt und wer die Autorin kennt weiß, dass das nicht von irgendwoher kommt, denn es ist einfach ihr Humor, der da in die Wortgefechte der Figuren einfließt und der sie auch nicht vor Slapstick zurückschrecken lässt. Kurz: Dieser Contemporary-Fiction Roman ist ein einziges Vergnügen und ich kann es nicht erwarten, Band 2 zu lesen.

„Der Blick funktioniert bei mir nicht.“ Meine Knie waren wie Pudding. Ich wollte mich in seine Arme werfen.
„Doch, tut er.“ Noch mehr Arroganz im Blick. „Ich kann dein rasendes Herz hören.“
„So ein Quatsch.“ (Seite 417)

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Freaks von Joey Goebel | Rezension

„Freaks“ von Joey Goebel ist die schrägste Geschichte mit den schrägsten Figuren, die ich seit langem gelesen habe. Anfangs ging mir daher nicht viel mehr als ein ungläubiges, teils skeptisches, teils belustigtes „oooookay“ durch den Kopf, denn die Figuren werden dem Leser alle miteinander direkt zu Beginn in all ihrer wundervollen Exzentrik präsentiert. Und dennoch haben sich Ray, Opal, Luster, Aurora und Ember vollkommen wider Erwarten in mein Herz geschlichen. Goebel fängt einen ein und ehe man sich versieht, steckt man knietief mittendrin. Was anfangs fremd und gar verrückt erscheint, wird nachvollziehbar, man kann sich einfühlen. Joey Goebel durchdringt die augenscheinlichen Seltsamkeiten und fördert zutage, was den Menschen in seinem verschrobenen Kern liebenswert macht.

„Wenn ich losrocke wie ein verliebtes Menschenkind, dann bin ich gottähnlich. Rockmusik ist meine Religion. Ich glaube an Rockmusik.“ (Seite 74)

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