Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? von John Green | Rezension

John Green, Autor von „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken„, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „Eine wie Alaska“ und mehr, hat mit „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ sein erstes Sachbuch geschrieben. Darin bewertet er die unterschiedlichsten Dinge auf einer Skala von eins bis fünf, von Kanadawildgänsen bis hin zu Monopoly. Klingt kurios? Das dachte ich zu Beginn auch, doch genau das reizte mich. Und was ich am Ende mit diesem Buch in Händen hielt, war ein Schatz an berückend klugen, nachdenklich stimmenden und vor allem persönlichen Gedanken zu Spielen, Geschäften, Krankheiten, etc, die nur auf den ersten Blick banal sind. Wer also tief genug bohrt, sich genug mit einem Thema beschäftigt, der wird unter Umständen faszinierende Zusammenhänge aufdecken. Mehr über das Buch erfahrt ihr hier.

Wer John Green kennt, den wird nicht überraschen, dass das Buch als Podcast seinen Anfang nahm. Darin wollte er „einige Widersprüche der menschlichen Existenz, so wie ich sie erlebe“ aufzeigen. Vor allem wollte er „die Widersprüchlichkeit menschlicher Macht verstehen“. Dabei bewegt er sich immer nah an den Themen, die uns heutzutage unter anderem stark beschäftigen. Er beschreibt den Menschen als mächtiges Wesen, das auf so vieles auf der Erde Einfluss nimmt, das aber nicht mächtiger ist als die Natur. Zu spüren bekam John Green dies, als er mit dem Schreiben begann und parallel die Corona-Pandemie ihren Lauf nahm, die unser aller Leben so massiv veränderte. Er analysiert den Einfluss des Menschen auf das Ökosystem („die ökologische Katastrophe“) und er schreibt kritisch über den Klimawandel, äußert eigene Ängste und Sorgen. Dabei deckt er oft geradezu absurde Missstände auf, was ich persönlich sehr faszinierend und gleichzeitig erschreckend fand.

Kann sein, dass wir nie erfahren werden, warum wir hier sind, aber wir können hoffnungsvoll behaupten, dass wir hier sind. Ich finde nicht, dass diese Art von Hoffnung albern oder idealistisch oder abwegig ist.
Wir leben in Hoffnung – dass das Leben besser wird, und vor allem, dass es weitergeht, dass die Liebe überdauert, obwohl wir es nicht tun.

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Seite 165

Besonders beeindruckend fand ich darüber hinaus, dass oft die großen existentiellen Gedanken bei der Betrachtung augenscheinlich banaler Dingen zutage kamen. Was haben Klimaanlagen mit Sexismus zu tun? Wie hat das Lebensmittelgeschäft „Piggly Wiggly“ den heutigen Konsum beeinflusst? Warum sind amerikanische Bürger:innen dank CNN stets über alles informiert, aber sie verstehen nie den Kontext? John Green hat eine Art, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, dass jede Seite ein Genuss ist. Man fliegt von einem Gedankengang zum nächsten, man folgt dem Autor in die Vergangenheit und lernt unglaublich viel über grünen Rasen, ein Autorennen, das Flüstern und Hotdogs und vieles mehr.

Mit jedem Kapitel zog mich der Autor mehr in seinen Bann. Besonders gefallen hat mir das Gedankenkarussell in „Monopoly“, worin John Green auf den allgegenwärtigen Kapitalismus eingeht. Aber auch „Pest“ und die Zusammenhänge mit sozialer Ungleichheit haben mich betroffen gemacht, ebenso wie die Geschichte hinter dem Foto in „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“. Es fühlte sich an, als würde ich dem Autor an einem gemütlichen Abend bei einer Tasse Tee dabei lauschen, wie er über die Welt nachdenkt, philosophiert und spontane Schlüsse zieht, die oft durch ihre Eindringlichkeit, aber oft auch gerade in ihrer Schlichtheit fesseln.

Ich weiß, dass wir überall Wunden geschlagen und Narben hinterlassen haben und dass unser besessenes Verlangen, zu machen, zu haben, zu tun, zu sagen, zu gehen und zu wollen – im Englischen mit die häufigsten Verben -, uns letztendlich die Fähigkeit rauben werden, einfach zu sein, das häufigste Verb im Englischen.

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Seite 208

„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ liest sich dabei sehr angenehm. Als Leser:in wird man weder über- noch unterfordert, man merkt, dass John Green geübt darin ist, komplexe Themen auf den Punkt zu bringen und eben auch darin, Dinge zu bewerten. Ein Gedanke, den ich für mich persönlich mitnehme ist dieser: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.“ Dabei handelt es sich um ein Zitat von der amerikanischen Schriftstellerin Anaïs Nin und ich finde ihn ganz wunderbar. Etwas, das wir betrachten, verharrt demnach nicht in einem statischen Zustand, sondern es verändert sich in seinem Wesen parallel zu unserer eigenen Entwicklung.


„Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ von John Green ist ein sehr persönliches Werk und zugleich ein faszinierendes Sachbuch. In einzelnen Kapiteln werden die unterschiedlichsten Dinge bewertet und in Relation mit dem „großen Ganzen“ gesetzt. Die (Ohn-)Macht des Menschen in Hinblick auf ökologische Veränderungen und der Klimawandel als aktuelle Themen kamen unter anderem zur Sprache. Dieses spannende, unterhaltsame, bisweilen kurios-humorvolle Sachbuch hat mir unheimlich gut gefallen, ich gebe „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ von John Green 4,5 Sterne.

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Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? Notizen zum Leben auf der Erde

Copyright: Arena Verlage

Verlag: Hanser Literaturverlage
Preis: 22.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-446-27055-8
Erscheinungstermin: 18. Mai 2021

John Green verbindet sein eigenes Leben mit den großen Fragen der Menschheit: Was hat ein Teddybär mit Macht und Ohnmacht zu tun oder das Googeln mit unserer Endlichkeit? Mit seinem Blick für Seltsames, Wichtiges und Überraschendes bewertet John Green die menschengemachte Gegenwart auf einer Skala von 1 bis 5.
Das Anthropozän ist das aktuelle Erdzeitalter, in dem wir den Planeten grundlegend verändern. John Green versammelt Facetten dieser Epoche: Seine absurden, erhellenden und ganz persönlichen Funde spiegeln unser Leben mit allen Höhen und Tiefen. Ob „Monopoly“ oder Pest, Klimaanlage oder Internet, „Super Mario Kart“ oder Sonnenuntergänge – „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ erzählt mit großer Leichtigkeit von unserer Lebenswirklichkeit und den existentiellen Erfahrungen des Menschseins.

Autor:in:

John Green, 1977 geboren, erlangte bereits mit seinem Debüt „Eine wie Alaska“ (2007) Kultstatus unter jugendlichen Lesern. Das Buch wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. war es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Darauf folgten die Jugendromane „Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)“ (2008) und „Margos Spuren“ (2010), ebenfalls nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis und ausgezeichnet mit der Corine. Greens Jugendroman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (2012) ist ein weltweiter Bestseller, der in 56 Sprachen übersetzt und verfilmt wurde. Auch in Deutschland stand der Titel über ein Jahr auf der Spiegel-Bestsellerliste, wurde u.a. mit dem Buxtehuder Bullen und dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 (Preis der Jugendjury) ausgezeichnet. 2017 erschien Greens neuester Jugendroman in Deutschland „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“. Mit seinem Bruder Hank betreibt John Green einen der weltweit erfolgreichsten Video-Blogs, die Vlogbrothers. Über 5 Millionen Leser folgen ihm auf Twitter. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Indianapolis.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


2 Gedanken zu “Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen? von John Green | Rezension

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