Karussell von Pavo Pejić | Rezension

Niemand mag 15-jährige Jungen, heißt es in „Karussell“ von Pavo Pejić. Schon gar keine Jungen, die mit Drogen, Sex, Pornovideos, Alkoholkonsum und Diebstahl ihre Grenzen ausloten und sie (natürlich) überschreiten. Für Paul und seine Freunde Dominik, Tobi und Marco, die manche Leser bereits aus „Pussykiller“ von Pejić kennen, sind diese Aktionen eine willkommene Ablenkung vom deprimierenden Alltag. Sie leben im Hamburger Stadtteil Dulsberg, der viele Jahre als ein Brennpunkt mit hoher Kriminalität und Arbeitslosigkeit galt. Vernachlässigt und gelangweilt treiben die Jungen durch die Tage, immer auf der Suche nach Spaß und Abenteuer, aber auch nach Liebe und Anerkennung.  „Karussell“ ist eine Retrospektive, zehn Jahre nach seinem Debüt-Roman „Pussykiller“ besucht der Autor seine Figuren erneut. Was anfangs als Schreibübung gedacht war, entwickelte sich jedoch rasch zu einem eigenständigen Roman.

Die Glocke zur ersten Stunde hörte ich noch, während ich mich langsam wieder von der Schule entfernte. Manchmal fühlte sich Schwänzen nicht wie Davonkommen an, sondern wie Weglaufen. (Seite 50)

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Das Geheimnis von Shadowbrook von Susan Fletcher | Rezension

Um schon einmal den Ton dieser Rezension zu setzen: Dies ist mein Buch des Jahres 2019. „Das Geheimnis von Shadowbrook“ von Susan Fletcher überzeugt auf den verschiedensten Ebenen – sprachlich, inhaltlich, mit satten Figuren, die einem aus den Seiten heraus regelrecht entgegentreten. Schicksale, die berühren. Einer Geistergeschichte, die sich subtil und unbemerkt im Gedächtnis festkrallt und abends wieder den Weg ins Bewusstsein findet. Wendungen, die man nicht hat kommen sehen, die alles immer wieder völlig neu ausrichten. Eine klare, sinnliche Sprache, eine starke Protagonistin, die sich Herausforderungen mit messerscharfem Verstand stellt und dabei einen vollkommen neuen Blick auf die Welt erlangt. Ich war vom ersten Satz an gefesselt, wer es beendet hat, sehnt sich mitunter wieder an den Anfang zurück.

Jemand stand vor meiner Tür.
Ich rührte mich nicht.
Ich lauschte.
(Seite 129)

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Orangen sind nicht die einzige Frucht von Jeanette Winterson | Rezension

In ihrem autobiografischen Roman und ihrem literarischen Debüt erzählt Jeanette Winterson von ihrer Kindheit und Jugend als „Pfingstlerin“. Veröffentlicht wurde es erstmals im Jahr 1985. Von ihrer Mutter als missionarisches „Projekt“ adoptiert, wächst Jeanette mit strengen Regeln auf, das Leben ist vollständig nach der Bibel ausgerichtet, die Gemeinde ein eigener Kosmos. Erst spät besucht sie eine öffentliche Schule und stellt im Zuge dessen erstmals ihr bisheriges Leben in Frage. Doch wie löst man sich aus einer Glaubensgemeinschaft mit äußerst konservativen Glaubensgrundsätzen? Denn für Mitglieder der Pfingstgemeinde sind Scheidungen tabu, ebenso Sex außerhalb der Ehe. Die Evolutionstheorie? Reines Teufelswerk! Und wer  homosexuell ist, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Was also soll Jeanette tun, als sie sich in ein Mädchen verliebt?

Ich wusste, dass Dämonen sich überall dort einschleichen, wo sich eine schwache Stelle zeigt. Falls ich einen Dämon hatte, so war Melanie meine schwache Stelle, aber sie war schön und gut und hatte mich geliebt. Kann Liebe wirklich den Dämonen gehören? (Seite 160)

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Postscript – Was ich dir noch sagen möchte von Cecilia Ahern | Rezension

Mit „Postscript – Was ich dir noch sagen möchte“ knüpft Cecilia Ahern an ihren Erfolgsroman „P.S.: Ich liebe dich“ an, der im Jahr 2005 erschien. Die Geschichte um Verlust und Trauer, aber auch Freundschaft und Hoffnung bewegte mich damals sehr und so begann ich ihren neuen Roman mit einigen Erwartungen zu lesen. In mancher Hinsicht wurden die Erwartungen erfüllt, doch zu großen Teilen kam „Postscript“ leider nicht an den Vorgänger heran. Warum das so war, erläutere ich in meiner Rezension. Doch zuvor möchte ich noch ein Lob an die Agentur „ehrlich & anders“ aussprechen, die das Erscheinen des Buches mit einer Aktion begleitet haben. Ganz im Sinne der Geschichte von Holly und Gregg wurden drei Briefe verschickt, die Zitate aus dem Buch beinhalteten sowie Fragen, die zum Nachdenken anregten. Der finale Brief enthielt eine To-Do-Liste mit Aufgaben, mit denen ich mir, aber auch anderen etwas Gutes tun kann. Diese Aktion hat mich begeistert und dafür möchte ich mich herzlich bedanken.

Wir wollen unseren Tod kontrollieren, unseren Abschied von der Welt, und wenn wir das nicht können, wollen wir wenigstens bestimmen, wie wir sie hinter uns lassen. (Seite 141)

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Alle wollen was erleben von Fabian Hischmann | Kurzrezension

Fabian Hischmann zog meine Aufmerksamkeit bereits mit „Das Umgehen der Orte“ auf sich. Nun erschien im Sommer 2019 sein Erzählungsband „Alle wollen was erleben“, der 13 Kurzgeschichten der unterschiedlichsten Art umfasst. Ein Sammelsurium vielschichtiger, nachdenklicher und überraschender Geschichten sowie verletzlicher Figuren. Hier fasse ich kurz ein paar wesentliche Eindrücke zusammen.

Der Schreibstil von Fabian Hischmann gefiel mir gut. Nie aufdringlich oder überzogen, sondern klar, sachlich und stellenweise eben deshalb sehr emotional. Seine im teils banalen und langweiligen Alltag von an sich selbst, an ihrem Leben oder an ihrer Partnerschaft zweifelnden Figuren erzählt er nicht geradlinig. Er springt von Szene zu Szene, vollführt Zeitsprünge, von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Als fordere er den Leser dazu auf, diese Szenenbausteine zu sammeln, um sie am Ende zu einem fertigen Mosaik zusammenzusetzen. Leider gelingt dies nicht immer, was eine gewisse Frustration und Unzufriedenheit zur Folge hat. Wo sollte die Reise hingehen?

„Glaubst du, man kommt irgendwann an?“
Er sieht lange geradeaus. Schließlich erwidert er:
„Man kommt dauernd an. Aber eigentlich geht es doch vielmehr darum, wie lange man bleiben will.“ 
(Seite 57)

Teils vermochten Hischmanns Kurzgeschichten jedoch auch länger nachzuwirken. Denn die lückenhafte Erzählweise lädt dazu ein, die Gedanken schweifen zu lassen, eigene Schlüsse zu ziehen und Verbindungen aufzudecken. Am Ende liegt es an jedem selbst, einen ganz persönlichen Aha-Moment zu erleben. Denn es gibt nicht nur eine Auslegung, eine Interpretation, alles was Fabian Hischmann tut ist, den Leser in eine Richtung anzustupsen. Den Rest des Weges geht jeder für sich. Ob dieser Weg einen glücklich zurücklässt, ist sicherlich von Leser zu Leser sehr unterschiedlich. Bei mir überwiegen gemischte Gefühle, ich hätte mir mehr Substanz und auch ein wenig mehr Spannung gewünscht.


Alle wollen was erleben

hischmann-alle-wollen-was-erlebenVerlag (Copyright Cover): Berlin Verlag
Preis:
 18.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-8270-1357-6
Erscheinungstermin: 5. August 2019

Nach „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ und „Das Umgehen der Orte“ beschließen diese Stories den Bogen einer Trilogie über das Auswegsuchen in unserer rasenden Gegenwart: Während Simon und Sophie zu einem Familientreffen unterwegs sind, zettelt Lukas einen Nachbarschaftskrieg an, erfährt ein einsamer Bäcker vom Tod Charles Mansons, hofft Ella auf Erlösung, prophezeit ein Türsteher den Untergang. Und auch Max Flieger nimmt einen neuen Anlauf. Was die einen scheitern lässt, nutzen andere als Sprungbrett aus dem Stillstand und der eigenen Komfortzone hinaus. In klarer Sprache zeichnet Fabian Hischmann ein Panorama zwischenmenschlicher Beziehungen und erinnert uns daran, dass es nicht immer nur eine Wahrheit gibt.

Fabian Hischmann, geboren 1983 in Donaueschingen, studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2013 war er Teilnehmer der Jürgen-Ponto-Schreibwerkstatt, 2015 Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg. 2017 wurde er zum Festival Neue Literatur nach New York City eingeladen und erhielt ein Aufenthaltsstipendium des Schleswig-Holsteinischen Künstlerhauses in Eckernförde. Kurzgeschichten von ihm wurden in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Sein Debütroman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ war 2014 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, sein zweiter Roman „Das Umgehen der Orte“ erschien 2017. Und im Sommer 2019 erscheint der Erzählungsband „Alle wollen was erleben“. Fabian Hischmann lebt in Berlin.


Weitere Stimmen zum Buch

SL Leselust |

Amuria – Der Himmel unter der Erde von Bettina Belitz | Rezension

Es erinnert ein bisschen an Alice im Wunderland, wenn Maja bei einem Spaziergang durch den neuseeländischen Regenwald durch ein Loch in die magische Welt „Amuria“ stürzt. Doch anstatt Spielkarten-Männchen zu begegnen und mit Flamingos Cricket zu spielen, sieht sich Maja mit etwas ganz anderem konfrontiert: Amuria ist das letzte Paradies auf Erden – genauer gesagt unterhalb der Erdoberfläche. Dort leben die Amurier im Einklang mit der Natur, seit es vor vielen, vielen Jahren zum Bruch mit den Menschen kam und sie im Untergrund ihre neue Heimat fanden. Fern der Menschen, die sie fürchten und verachten. Die Menschen hingegen vergaßen im Laufe der Zeit, dass es Amurier jemals gegeben hat. Umso überraschter ist Maja, als sie diese Welt und die Amurier kennenlernt und schnell merkt sie: So friedlich, wie Amuria zu sein scheint, ist es gar nicht.

Der Himmel unter der Erde. Also hatte ich gar nicht so verkehrt gelegen, als ich überlegt hatte, ob ich tot und im Himmel gelandet wäre. (Seite 78)

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Neuerscheinungen im November – Tahereh Mafi, V.E.Schwab und mehr

Auf welche Neuerscheinung freut ihr euch im November? Hier habe ich einige Titel herausgesucht, die mich persönlich neugierig machen und die ich gerne lesen würde. „Die Wunder von Little No Horse“ von Louise Erdreich zum Beispiel klingt wunderbar emotional und widmet sich einem wichtigen Thema. „Im Schatten des Schwertes“ von Julie Kagawa ist die Fortsetzung von „Im Schatten des Fuchses“, das mich zwar nicht so begeistert hat, wie erwartet, mich aber dennoch neugierig auf Band 2 zurückließ. Und wie wäre es mit ein wenig Romantasy von Nina Blazon, um den Herbst zu versüßen? Außerdem sind mit dabei Tahereh Mafi, V.E. Schwab und Neal Shusterman. Welches wäre euer Favorit? Viel Spaß beim Stöbern!

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Schneetänzer von Antje Babendererde | Rezension

Antje Babendererde hat sich in einer Vielzahl ihrer Jugendromane der Kultur und der heutigen Situation der indigenen Bevölkerung Amerikas verschrieben. Von Mexiko („Wie die Sonne in der Nacht“) bis Kanada besucht sie „Indianer“ und beschreibt deren Geschichte und ihre Lebensbedingungen in einer von Digitalisierung und Globalisierung sowie vom Internet bestimmten Zeit. Babendererdes Porträts sind sensibel und authentisch, trotz der fiktiven Figuren und Handlung. Sie sind angereichert um einen spannenden Plot und jugendliche Figuren, die nicht nur dabei sind, sich selbst zu finden, sondern auch versuchen, trotz des Kulturkonflikts zueinander zu finden. Und so hat mich „Schneetänzer“ ebenso in seinen Bann gezogen, wie alle Werke von Antje Babendererde bisher.

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Im Schatten des Fuchses von Julie Kagawa | Rezension

„Im Schatten des Fuchses“ ist mein erster Roman von Julie Kagawa, doch ich hatte natürlich schon viel von ihr gehört und über ihre fantastischen Jugendbuchreihen gelesen. Umso neugieriger war ich auf ihre neue „Schatten-Serie“, die zwar auf klassische Jugendfantasy inklusive Liebesgeschichte mit den üblichen Konflikten schließen ließ, doch das japanische Setting, Gestaltwandler, Mönche, Dämonen und Samurai – das versprach interessant zu werden. Ob es das auch war, erfahrt ihr in dieser Rezension.

„Ich sehe mich, Meister Isao.“ Ich fragte mich, ob es diesmal die richtige Antwort war. „In meiner wahren Gestalt. Ohne Illusion oder Abwehr. Ich sehe eine Kitsune.“ (Seite 29)

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Hexenwerk: Die gestohlenen Kinder von Schwarzbach von Tanja Hanika | Rezension

Es bedurfte eines sanften Stupsers, um „Hexenwerk: Die gestohlenen Kinder von Schwarzbach“ und mich zusammenzubringen. Doch was bin ich froh über diesen Stupser! Zwar gehört Horror nicht zu den von mir bevorzugten Genres, doch Tanja Hanika hat mich mit ihrem Roman vom Fleck weg überzeugt. Er war in genau dem richtigen Maße gruselig, unterhaltsam, lustig, überzeugend und richtig, richtig spannend. Filmreif gar. Wer sich diesen Herbst also zusammen mit ein paar jugendlichen Freunden und drei garstigen Hexen ein wenig gruseln möchte, dem kann ich das im Selfpublishing erschienene „Hexenwerk“ nur wärmstens ans Herz legen.

Die Gedanken in seinem Kopf explodierten zu unbrauchbaren Trümmern und er konnte zunächst nicht begreifen, was geschah. Simon hätte geschworen, dass sein Herz fünf Schläge aussetzte. Ein Schwindel der Angst erfasste seinen Körper. (Seite 49)

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