Hör auf zu lügen von Philippe Besson | Rezension

Ich stehe zu dem, was ich bin. Gewiss nur still. Doch in entschlossener Stille. Stolz. (Seite 22)

Philippe Besson erzählt in „Hör auf zu Lügen“ eine ganz besondere Geschichte, nämlich seine eigene. Er erzählt von seiner großen Jugendliebe Thomas, einem Jungen, der in dem Glauben aufwächst, Homosexualität sei etwas, das nicht richtig ist. Ein widernatürlicher Drang. So verleugnet Thomas sich selbst, seine Bedürfnisse und Wünsche, und kämpft für den Großteil seines Lebens dagegen an. Besson erzählt von ihrem Kennenlernen und wie er sich unmittelbar in Thomas verliebte, in seine stille Art, seine Wortkargheit. Er, der seine Homosexualität nicht an die große Glocke hängt, sie aber auch nicht bewusst verheimlicht, der dazu steht und nichts unnatürliches daran findet, begegnet einem jungen Menschen, der ganz anders damit umgeht. Wie kann sich unter diesen Umständen eine Liebesgeschichte entfalten? Dieser wundervolle Roman erzählt davon.

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Wildnis ist ein weibliches Wort von Abi Andrews | Rezension

Meine Reise wird über See und Land führen, eine heldenhafte Odyssee, ich ganz allein, ein Mädchen, auf einer weiblichen Suche nach Authentizität. (Seite 14)

Island, Grönland, Kanada, Alaska – das sind allesamt Orte der Welt, die ich bereisen möchte. Absolute Sehnsuchtsorte. Ein Roman, in dem eine junge Frau genau diese Länder bereist, ist daher ein Roman, den ich ohne Wenn und Aber lesen muss. In „Wildnis ist ein weibliches Wort“ von Abi Andrews begibt sich Erin hinaus in die Welt, sie will beweisen, dass Frauen genauso Entdecker sein können, wie Männer. Sie will nicht an Heim und Herd gebunden sein, sie will ihren Horizont erweitern und sich selbst an ihre Grenzen bringen. Erleben, wozu sie fähig ist, und gleichzeitig die Kraft der Natur erfahren. „Into the Wild“, aber eben aus Sicht einer Frau. Ein großartiges Thema! Doch leider dämpfte die Umsetzung meine Begeisterung erheblich.

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Neuerscheinungen im November 2018 – Bianca Iosivoni, Maggie Stiefvater und mehr

Wie jedes Jahr finde ich im November relativ wenige interessante Neuerscheinungen. Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei und während im Oktober ein tolles Buch das nächste jagte, herrscht nun offenbar eine kleine Flaute. Aber gut, es ist ja nicht so, als hätten wir nicht genug Bücher zum lesen bei uns auf dem SuB 🙂 Auf mich warten zumindest noch zahlreiche ungelesene Bücher aus dem Oktober (hier gelangst du zur Übersicht der Oktober-Neuerscheinungen inklusive direktem Link zur Leseprobe.) Doch nun, schaut rein, was der November bringt und erzählt mir gerne, auf welches Buch ihr euch besonders freut und welches ich womöglich noch in dieser Liste vergessen habe!

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Das Leuchten in mir von Grégoire Delacourt | Rezension

Meine bisherigen Tage waren die kleinen Kieselsteine eines wohlgeordneten Lebens gewesen, eines alten Versprechens, vorgezeichneten Bahnen zu folgen, vorgezeichnet von anderen, die an perfekte Wege oder wenigstens an tugendhafte Lügen glaubten. Meine künftigen Tage versprachen stürmisch zu werden. (Seite 13)

An „Das Leuchten in mir“ von Grégoire Delacourt hat mir einiges gefallen, vieles hingegen nicht so sehr. Das Thema war spannend, die Einblicke in das Seelenleben einer erwachsenen Frau und Mutter auch, doch ich wurde nicht warm mit der Art und Weise, auf die diese Geschichte erzählt wird. Sie ist mir zu französisch, zu schwülstig und schwermütig, die Protagonistin zu intensiv und exzentrisch.

Emmanuelle, genannt Emma, ist verheiratet und hat drei Kinder, vermeintlich führt sie also ein glückliches und erfülltes Leben. Doch als sie Alexandre in einem Bistro begegnet, weiß sie, was ihr fehlt. Das Verlangen, die Lust, der Rausch. Sie kann an nichts anderes mehr denken, als an ihn. Mich interessierte dieser Zwiespalt, in den Emma unversehens katapultiert wird und die Fragen, die sie beschäftigen müssten. Gibt sie der Versuchung nach oder nicht? Wie werden die Kinder diese Veränderung verkraften und wie begleitet Emma sie durch diese turbulente Zeit? Doch genau hier enttäuschte mich der Roman am allermeisten.

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Mein Ein und Alles von Gabriel Tallent | Rezension

„Mein Ein und Alles. Mein Ein und Alles.“
„Ja“, sagt sie.
„Nur meins?“
„Nur deins“, sagt sie, und er presst seine Wange gegen ihre Hüften, presst sie eindringlich an sie, blickt zu ihr herauf, die Arme um ihr Kreuz geschlossen. (Seite 129)

Ich hasse diese Geschichte. Ich hasse es, dass der Waffenbesitz, der in den USA möglich ist, und die damit einhergehende Waffengewalt, eine so große Rolle in „Mein Ein und Alles“ spielen. Gleichzeitig aber liebe ich diese Geschichte, denn Gabriel Tallent hat mit Turtle und Martin Charaktere erschaffen, die ganz tief fühlen, die unglaublich falsch denken, die sich verlaufen haben, die orientierungslos und verzweifelt sind und die sich in kranker Liebe aneinender binden. Es tut weh, diesen Roman zu lesen, der mich abstieß und gleichzeitig anzog. „Mein Ein und Alles“ ist eine einzige faszinierende Herausforderung.

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Sofia trägt immer Schwarz von Paolo Cognetti | Rezension

„Die Frau mit den zwei Gesichtern“, erwidert Marta. „Siehst du das? Nicht nur das Auge, sondern auch die Braue, der Mundwinkel und diese kleine Narbe an der Wange – dein Gesicht ist total asymmetrisch.“
„Und so soll ich sein? Asymmetrisch?“. (Seite 138)

Es gibt ein abstraktes Kunstwerk, an das ich beim Lesen von „Sofia trägt immer Schwarz“ von Paolo Cognetti denken musste. Metallsplitter hängen wie in der Bewegung erstarrt in der Luft, in ihrer Mitte ein leerer Raum. Anfangs meinte ich, das Metall sei das zu beurteilende Kunstwerk, doch letztendlich war der Raum die Essenz von allem. Der Raum ist es, worauf es ankommt, die Metallsplitter erfüllen nur den Zweck, diesen Raum sichtbar zu machen. Ganz ähnlich erging es mir mit Sofia. Sie ist kaum greifbar, sie ist wandelbar und flüchtig. Nirgends wird sie sesshaft, ihre Gedanken und Gefühle behält sie unter Verschluss. Stattdessen sind es die Menschen, denen sie im Verlauf der Geschichte begegnet, die durch ihre gemeinsamen Erlebnisse eine Art „Sofia-Raum“ entstehen lassen und auf diese Weise den Kern von Sofias Wesen erfassen.

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Den Himmel stürmen von Paolo Giordano | Rezension

„UNSERE AUFGABE IST ES, DEN HIMMEL ZU STÜRMEN!“ Er schrieb: „Wir müssen ihn erklimmen, den Himmel.“ (Seite 122)

Alles beginnt in dem Augenblick, in dem Teresa und Bern sich begegnen und einander in die Augen schauen. Er störrisch und voller Überzeugungen. Sie voller Leidenschaft und Neugier. Es ist unumstößlich, dass sie zueinander finden werden, aber auch ebenso unvermeidbar, dass sie einander wieder verlieren. In seinem neuen Roman „Den Himmel stürmen“, entführt Paolo Giordano, Autor von „Die Einsamkeit der Primzahlen“, den Leser in eine Welt voller Liebe, Freundschaft und Hingabe, utopischen Visionen und festem Glauben, aber auch in eine Welt reich an Rivalität und Eifersucht. Die Geschichte von Teresa liest sich wie ein Kampf – was ist stärker, die Zuneigung zwischen zwei Menschen oder visionäre Lebensziele?

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Neuerscheinungen im Oktober 2018 – Paolo Giordano, Leigh Bardugo und mehr

Großartige Bücher bringt der Oktober! Ich hatte die Qual der Wahl, denn viele Geschichten weckten meine Aufmerksamkeit. Empfehlen möchte ich euch nun zwölf Neuerscheinungen – und in einige könnt ihr direkt reinlesen, wenn ihr mögt! Denn auf der Seite findet ihr Leseproben-Widgets, über die ihr mit nur einem Klick direkt in die Leseprobe des entsprechenden Buches gelangt. Von da gelangt ihr bei Interesse außerdem in einem nächsten Schritt unmittelbar in einen Shop eurer Wahl. Probiert das Widget gerne aus, ich freue mich auf Feedback diesbezüglich! Was aber viel wichtiger ist: Welches Buch hat euer Interesse geweckt? Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern.

Bei den Leseproben-Widgets handelt es sich um Affiliate-Links. Beachtet hierzu bitte Folgendes: Meine ausgewählten Neuerscheinungen sind frei von einer Einflussnahme durch Affiliate-Partner. Wenn ihr etwas über einen der Links bestellt, bekomme ich lediglich eine kleine Provision für die Empfehlung. Wichtig: Ihr musst deswegen selbstverständlich nicht mehr bezahlen.

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Livia von Friedrich Hechelmann | Ein modernes Märchen | Rezension

In einer Zeit, in der man sich am Abend noch lange Geschichten erzählte und niemand wusste, was ein Handy oder ein Laptop ist, …. (Seite 7)

Wenn ein Buch mit Zeilen wie diesen beginnt, dann kann es sich nur um ein Märchen handeln. Und richtig, „Livia“ von Friedrich Hechelmann ist ein Märchen, eine spannende und moderne Märchengeschichte, um genau zu sein, die mit ihren wundervollen Illustrationen in eine andere Welt entführt. Es war ein herrliches Gefühl, an diesen ersten ersten trüben Herbsttagen zu diesem Buch greifen zu können! Doch halt, ich gerate ins Schwärmen – dabei sollte ich erst einmal erzählen, worum es in „Livia“ geht: Ganz klassisch um den Kampf von Gut gegen Böse, und um alles andere, was uns an Märchen begeistert. König und Königin, eine rachsüchtige Gräfin, Intrigen, Gefahren, Tod und Leid, Freude und Hoffnung, Vergebung, Feinde und Verbündete, ein wundersames Findelkind, einen Zwerg und eine Schar freundlicher und gewitzter Tiere.

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Die Listensammlerin von Lena Gorelik | Rezension

Die Listen gaben mir Kraft und Ruhe wie anderen das Gebet, Alkohol, Drogen, ein Therapeut, die Zigaretten und das Shoppen. Ich wusste, dass sowohl Drogen wie auch Psychotherapeuten gesellschaftlich weit anerkannter sind als Listen. (Seite 57)

Schreibt ihr Listen? Wenn ja, warum? Ich schreibe Listen, um die Gedanken in meinem Kopf zu sortieren und anstehende Aufgaben im Blick zu haben. Eine schlichte Notwendigkeit. Sofia hingegen schreibt Listen mit bedingungsloser Leidenschaft. Listen sind ihr Leben – sie ordnen und katalogisieren weit mehr als ihre Gedanken. Sie beruhigen sie, wenn das Leben zu viel von ihr fordert, wenn sie unruhig wird. Und Unruhe empfindet sie wahrlich genug. Denn da wäre die Sorge um ihre Tochter, die mit halbem Herzen zur Welt kam und der eine lebensgefährliche Operation bevorsteht. Da wäre ihr Mann Flox, der ihre Sorgen nicht auf die gleiche Weise zu teilen scheint. Da wäre ihre Großmutter, die mit Demenz in einem Pflegeheim lebt und um die sie sich kümmern soll. Und da wäre ihre Mutter, die nie viel von ihren Listen gehalten hat und ihr viel zu wenig über die Identität ihres Vaters verrät. Das alles thematisiert Lena Gorelik (Autorin von „Mehr Schwarz als Lila“, 2017) in ihrem 2016 erschienenen Roman „Die Listensammlerin“.

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