Die Stille zwischen den Sekunden von Tania Witte | Rezension

Wer gerne feinfühlige, spannende, emotionale und lebensnahe Jugendbücher liest, die als Tüpfelchen auf dem „i“ noch einen ganz besonderen Kniff in petto haben, sollte unbedingt zu „Die Stille zwischen den Sekunden“ von Tania Witte greifen. Mich hat die Geschichte komplett von den Füßen gerissen und ich bin in jeglicher Hinsicht begeistert. Die Figuren, der Schreibstil, die Story, der Spannungsbogen – alles ist rund, alles ist plausibel. Und vor allem geht einem das Schicksal jeder einzelnen Figur nahe, sei es auch die kleinste Nebenfigur. Es geht um das Leben in einer multikulturellen Großstadt, den Schulalltag, die erste Liebe, Freundschaft, Blogs und YouTube. Darüber hinaus geht es um Kriegserfahrungen, Verlust und unverarbeitete Traumata und die Folgen wie eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Schuldgefühle des Überlebenden.

Ich drehte den Gleisen den Rücken zu, drängelte mich durch die Menschen und stiefelte die Treppe wieder hinauf. Immer nach vorne schauen, nie zurück. (Seite 7)

Das ist natürlich viel Stoff für ein Jugendbuch, aber Tania Witte hat die Themen meinem Empfinden nach sehr feinfühlig verarbeitet und es trotz dieser Vielfalt geschafft, richtig in die Tiefe zu gehen und dort ihren Finger aufzulegen, wo es wehtut, wo es so richtig im Herzen schmerzt. Das erreicht sie, indem sie immer ganz nah an ihrer Protagonistin Mara bleibt. Es geht um ihre verwirrenden Empfindungen und nicht unmittelbar um medizinische und psychologische Fakten.

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Mara ist eine äußerst interessante und vielschichtige Figur. Ihr Vater starb, ehe sie auf die Welt kam, sie wächst aber dennoch in recht behüteten Verhältnissen auf. Der Freund ihrer Mutter ist wie ein Vater für sie und sie liebt ihre kleine Schwester sehr. Allerdings begann sie schon früh damit, Verantwortung zu übernehmen, da ihre Mutter oft gedankenlos und zerstreut ist. Sie kocht, sie kümmert sich um den Haushalt, sie ist die zuverlässige Konstante in der Familie. Die Schule nimmt sie ernst, aber nicht zu ernst, Freundschaften pflegt sie wenige, doch die wenigen sind ihr sehr wichtig. Bei ihren Freundinnen Sirîn und Lyd kann sie Kraft tanken. Lyd ist ihr Ruhepol und Sirîn ist ihr so nah wie eine Zwillingsschwester. Gemeinsam führen sie einen Kochblog und nebenbei dient dieser Blog auch als Alibi, wenn sie immer Mittwochs heimlich in den Skaterpark gehen. Dort darf Sirîn nämlich nicht hin, strengstens verboten von ihren Eltern.

Mir war das alles zu kompliziert: die Katzen, die nicht kamen, wenn man sie brauchte, die Welt, in der Menschen für ihre Götter andere töteten, die Erwachsenen, die sich entweder zu wenig oder zu viel um ihre Kinder sorgten, die Liebe, die entweder gar nicht oder zur falschen Zeit oder vom falschen Menschen kam, ach, das ganze Leben an sich. (Seite 159)

Doch mit einem Bombenattentat, dem sie auf dem Heimweg vom Skaterpark nur knapp entgeht, gerät ihr ganzes Leben aus den Fugen. Am gleichen Tag hat sich ihre Mutter verplappert und den Eltern von Sirîn verraten, dass sie nicht bei ihnen zu Hause ist. Plötzlich muss Mara nicht nur mit dem Schock des Unglücks umgehen, sondern auch damit, dass ihr der Kontakt zu ihrer Freundin beinahe vollständig verwehrt wird. Sie setzt alles daran, mit ihr zu sprechen, sie sehen zu dürfen, doch überall wird sie abgewiesen und die Eltern verhalten sich äußerst merkwürdig. Planen sie gar, Sirîn wieder in die Heimat zu schicken, nur weil sie ihnen den Skaterpark verheimlicht hatten? Noch dazu tritt auf einmal der Schulschwarm Chriso auf den Plan, der mit ihr über das Attentat sprechen möchte und auch darüber hinaus Interesse an ihr zeigt. Aber sicherlich will er das alles nur auf seinem YouTube-Kanal posten… oder?

Dazu bin ich zu alt, wehrte sich alles in mir. Viel zu alt. […] Aber Mam ließ nicht los. Mit viel Mühe streckte ich meinen Arm so weit wie möglich aus und stellte die Tüte vorsichtig auf dem Stuhl neben der Treppe ab. Atmete ein, aus, ein, gab auf, legte meine Arme um Mam und begann zu weinen. (Seite 177)

Alles im Leben von Mara ist also ziemliches Durcheinander, von ihren Gefühlen ganz zu schweigen, und dennoch liest sich „Die Stille zwischen den Sekunden“ sehr mühelos. Der rote Faden ist immer da und so wie sich Mara an bruchstückhaften Informationen festhält, so hangelt man sich auch als Leser durch die Geschichte, immer auf der Suche nach Antworten. Man fiebert mit Mara mit, bangt um Sirîn, hofft bei Chriso und wird am Ende mit einer Wendung konfrontiert, die man vielleicht irgendwann ahnt, die einen aber dennoch so sehr berührt und mitreißt, dass jedes weitere Wort in der Geschichte es wert ist, gelesen zu werden. Tania Witte ist mit „Die Stille zwischen den Sekunden“ ein Buch gelungen, das ich nicht zum letzten Mal gelesen habe und das ich jedem ans Herz legen kann.

Fazit

„Die Stille zwischen den Sekunden“ von Tania Witte packt einen von den ersten Seiten an. Bei diesem Jugendbuch blieben bei mir keine Wünsche offen: Die Figuren sind sehr authentisch und ihre Gefühle sind äußerst nachvollziehbar, der Schreibstil ist jung und frisch und die Spannung spitzt sich immer weiter zu, bis am Ende alles ganz anders ist, als man vermutet. Die Geschichte ist sehr emotional in jeglicher Hinsicht, es geht um Freundschaft und Liebe, aber auch um Verlust und die Bewältigung von Traumata. Trotz des herausfordernden Themas wirkt „Die Stille zwischen den Sekunden“ nie gestelzt oder gekünstelt, sondern immer echt und aus dem Leben gegriffen. Mein Urteil: Lesen lohnt sich sehr!

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Die Stille zwischen den Sekunden

witte-die-stille-zwischen-den-sekundenNur knapp ist Mara einem Bombenattentat in der U-Bahn entgangen. Ihre Mitschüler nennen sie seither „Das Mädchen, das überlebt hat“ und erwarten Betroffenheit von ihr. Aber Mara hat ganz andere Sorgen. Ihre Freundin Sirîn meldet sich immer seltener und scheint plötzlich komplett unerreichbar. Je mehr Mara ihr zu helfen versucht, desto mehr Unverständnis und Ablehnung erntet sie. Was verheimlichen alle vor ihr? Erst als sich ihr Schwarm Chriso in die Suche einschaltet, kommt die erschütternde Wahrheit ans Licht.


Über Tania Witte

Tania Witte lebt in Berlin und Den Haag. Sie schreibt, seit sie das Buchstabieren gelernt hat und performt, seit sie die Freude entdeckte, die es macht, Dinge laut auszusprechen. 2019 veröffentlicht Tania Witte mit dem Thriller „Die Stille zwischen den Sekunden“ den ersten Young Adult-Roman unter ihrem Klarnamen beim Arena Verlag. Bereits 2018 erschien ihr erstes Jugendbuch unter dem Pseudonym Ella Blix – ebenfalls bei Arena. Ehe sie sich der Jugendliteratur zuwandte, veröffentlichte Witte bereits drei Romane für Erwachsene: „beziehungsweise liebe“ wurde im März 2011 im Berliner Querverlag publiziert, im September 2012 erschien ebendort „leben nebenbei“, 2014 rundete Witte die Trilogie mit „bestenfalls alles“ ab.
(Quelle und weitere Informationen unter https://www.taniawitte.de/autorin.)

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Arena Verlag
Preis:
 15.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-401-60474-9
Erscheinungstermin: 18. März 2019
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* Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link: Die Romanempfehlung ist frei von einer Einflussnahme durch Affiliate-Partner. Wenn du etwas über diesen Link bestellt, bekomme ich lediglich eine kleine Provision.

Weitere Stimmen zum Buch


Kasimira | Autoreninterview mit Tania Witte auf Kasimira

6 Gedanken zu “Die Stille zwischen den Sekunden von Tania Witte | Rezension

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