[Rezension] „Winterpferde“ von Philip Kerr

Ein wenig hatte ich beim Lesen der Geschichte das Gefühl, einem alten Mann bei einer Erzählung zu lauschen, die ihm sehr ans Herz gewachsen war. Kennt ihr das Gefühl? Es war einfach so behaglich und schön, „Winterpferde“ zu lesen – und das trotz der ernsten Thematik Zweiter Weltkrieg. Das lag zum Einen sicherlich an der Jahreszeit, schließlich werden wir zur Adventszeit alle etwas gemütlicher, oder? Zum anderen aber auch daran, dass es einfach eine zauberhafte Geschichte über Freundschaft war. Die Rezension entstand in Kooperation mit dem Rowohlt Taschenbuch Verlag, der mir dieses Buch freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

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Was passiert?

In dem Roman von Philip Kerr geht es um den alten Tierwärter Max und ein junges Mädchen namens Kalinka. Die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg, als die SS in die Sowjetunion einfiel. Kalinkas gesamte Familie fällt ihnen zum Opfer, nur sie alleine kann entkommen und ist seitdem auf der Flucht. Der Weg führt sie in die Nähe des Naturschutzgebietes Askanija-Nowa in der Ukraine, in dem auch einige der äußerst seltenen Przewalski-Pferde leben. Diese Wildpferde sind sehr intelligent, aber scheu und lassen sich nicht zähmen. Einzig Kalinka kann sich ihnen nähern und so verbringt sie einige Zeit inmitten der Herde.

In Askanija-Nowa lebt und arbeitet Max bereits seit vielen Jahren. Sehr zu seinem Unmut hat sich jedoch vor Kurzem eine deutsche SS-Truppe sein Zuhause als Zwischenstopp ausgewählt. Er behält seinen Unmut für sich, doch als sie Jagd auf die Przewalski-Pferde machen und Kalinka mit den letzten beiden Überlebenden des Nachts vor seiner Tür steht, beschließt er zu handeln. Kalinka und die Wildpfere müssen in Sicherheit gebracht werden. Und so machen sich das Mädchen, die Pferde und ein Hund auf den Weg durch die winterliche Steppe.

Das fand ich richtig gut!

Philip Kerr spart sich eine ausführliche Einleitung, sondern stürzt sich unmittelbar ins Geschehen. Dabei sorgt der flüssige Erzählstil dafür, dass der Leser nicht abgehängt wird. In kurzen und klaren Sätzen beschreibt er das Schicksal und die Lebensumstände der Protagonisten Max und Kalinka. Sie haben viele schreckliche Dinge erlebt und gesehen und Kerr schafft die Gratwanderung, dies ausreichend anzudeuten, aber nicht allzu plastisch zu beschreiben. Dies empfand ich für ein Jugendbuch über den Zweiten Weltkrieg sehr angemessen.

Ein großer Schwerpunkt wird auf die Dialoge gelegt. Max ist ein einfacher, aber durchaus weiser alter Mann, und Kalinka ist freundlich, voll kindlicher Naivität und sehr clever. Die Gespräche der beiden miteinander gehören zu den Dingen, die ich beim Lesen am meisten genossen habe. Dadurch gewinnt die Geschichte, wie ich fand, sehr an Wärme und Menschlichkeit.

Natürlich habe ich mich während des Lesens auch schlau gemacht und nachgelesen, inwiefern die Geschichte auf historischen Tatsachen beruht. Und: Sie tut es. Zumindest in groben Zügen. Das gab „Winterpferde“ mehr Gewicht und erzeugte direkt noch mehr Spannung. Mie gefiel außerdem sehr, dass die Charaktere ganz bewusst nicht eindimensional dargestellt wurden. Der Hauptmann der deutschen SS-Truppe beispielsweise hat auch seine nachdenklichen Moment, in denen er seine Aufgaben hinterfragt. Dann wieder stößt Kalinka auf Bewohner der Ukraine, die durch den Krieg jede Menschlichkeit verloren zu haben scheinen. Es wurde nicht pauschal verurteilt, sondern vielmehr herausgearbeitet, wie die Umstände Menschen verändern können.

Was hat mich nicht so überzeugt?

Im Grunde hat mich nur eines nicht so recht überzeugen können, und das war das Verhalten der Przewalski-Pferde. Sie gelten zwar als klug, doch was sie alles können sollen, empfand ich ab der Hälfte des Buches als Unglaubwürdig. Sie sind scheu und folgen dennoch auf einmal einem Menschen wie ein Schoßhund? Sie sind wild und unberechenbar und bleiben dennoch die gesamte Flucht über an der Seite des Mädchens und lassen sich sogar von ihm reiten? Sie sollen in Züge steigen und Treppen laufen? Nun, vielleicht können sie es, doch es erschien mir einfach ein bisschen zu viel des Guten.

Darüber hinaus hat der Autor eine Art Kommunikation zwischen Kalinka und den Pferden stattfinden lassen, die schon beinahe menschlich ist. Es werden den Pferden Eigenschaften zugesprochen, die ich nicht glauben konnte.

Fazit

Obwohl mich die enorme Intelligenz und Menschlichkeit der Przewalski-Pferde nicht überzeugt hat, fand ich „Winterpferde“ absolut lesenswert und empfehle es gerne jedem weiter, der Geschichten über die Freundschaft zwischen Mensch und Tier mag. Es ist ein spannendes Buch voller kleiner Weisheiten und Beobachtungen!

Über das Buch

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Copyright: Rowohlt

Es ist ein eisiger Winter 1941 auf Askania-Nowa, wo sich das jüdische Mädchen Kalinka versteckt hält. Hier in dem alten Naturreservat leben auch die seltenen Przewalski-Pferde. Sie scheinen zu spüren, dass Kalinka eine von ihnen ist – denn wie Kalinka sind sie in großer Gefahr vor den Nazis, die Askania-Nowa besetzen.

Mit Hilfe des treuen Tierwärters Max flieht Kalinka mit zwei Pferden und einem Wolfshund Hunderte von Kilometern über die weiße Steppe der Ukraine. Doch können ein Mädchen und drei Tiere der Übermacht der Deutschen entkommen?

Spannend und stimmungsvoll erzählt Philip Kerr von der Flucht im ukrainischen Winter – aber auch davon, wie die Liebe zu den Pferden das erstarrte Herz eines einsamen Mädchens mitten im Krieg zu erwärmen vermag.

Preis: 16,99 Euro
Hardcover:
288 Seiten
ISBN-13: 978-3499217159
Alter: 13 – 16 Jahre

Zum Verlag

♥ Herzlichen Dank an den Rowohlt Taschenbuch Verlag ♥ 

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Ein Gedanke zu “[Rezension] „Winterpferde“ von Philip Kerr

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