Too Late von Colleen Hoover | Rezension

Colleen Hoover war für mich immer der Garant für Young und New Adult Romane voller Gefühl und Spannung. Ein bisschen erinnern mich ihre Geschichten an Filme wie „The Notebook“: zwei Menschen finden zueinander, aber äußere Umstände oder Geheimnisse aus der Vergangenheit treiben einen Keil zwischen sie, bis am Ende natürlich dennoch alles gut wird. Colleen Hoover scheut nicht davor zurück, unbequemere Themen, wie den Verlust der Eltern, eine schwere Verletzung oder eine harte Kindheit anzusprechen. Oft übernehmen ihre Figuren schon früh ein hohes Maß an Verantwortung, sie kämpfen für ihre Träume und für ihre Liebe und erreichen am Ende das, was sie sich vorgenommen haben. Ein bisschen Seifenoper, ein bisschen Rosamunde Pilcher, der perfekte Snack für zwischendurch also. So ist es teils auch in „Too Late“ von Colleen Hoover, das im neuen dtv Imprint „bold“ veröffentlicht wurde. Der New Adult Roman hebt sich in vielerlei Hinsicht von ihren anderen Werken ab, angefangen bei der Covergestaltung bis hin zu der Tatsache, dass „Too Late“ anfangs nicht mehr als eine Schreibübung war.

„Wenn ich nachher zu euch komme, werde ich dich keines Blickes würdigen“, sagt er. „Ich werde nicht mal in deine Richtung sehen. Aber du sollst wissen, dass du trotzdem das Einzige bist, das ich sehen werde. Das absolut Einzige, Sloan.“ (Seite 138)

Leider konnte mich der neue Roman von Hoover nicht vollends begeistern. Doch zuerst, worum geht’s: Sloan ist die Protagonistin in „Too Late“. Sie ist arm, selbstlos, hart im nehmen und sie hat ein Ziel vor Augen. Einen Abschluss machen, einen Job finden, Asa Jackson verlassen. Denn sie liebt ihn nicht, sie ist nur mit ihm zusammen, weil sie sonst nirgends hin kann und darauf angewiesen ist, dass Asa die Heimkosten für ihren kranken Bruder übernimmt. Asa Jackson ist ein charismatischer, aber gefährlicher Drogenboss, der Sloan über alles liebt. Aber seine Liebe ist krank, sie ist extrem und verdreht. Luke ist ein Undercover-Cop, der Asa überführen soll und sich während seines Einsatzes in Sloan verliebt.

Luke konnte mich als Figur am wenigsten überzeugen. Er stolpert unbeholfen durch den Einsatz und macht einen nachlässigen Fehler nach dem anderen. Vermutlich sind die Hormone, die ihn ihm toben, Schuld daran, aber ich würde von einem Polizisten erwarten, dass er sich etwas besser im Griff hat. Hinzu kommt, dass Konsequenz nicht seine Stärke zu sein scheint. Viel zu oft beschließt er etwas, nur um kurz darauf genau entgegengesetzt zu handeln. Er sagt beispielsweise zu Sloan, er würde sie zu ihrer beider Sicherheit nicht mehr ansehen und beachten, wenn er im Haus von Asa ist – nur um sie bei der nächsten Gelegenheit willenlos anzustarren. Oder er sagt, er wolle einen Tag mit Sloan nicht damit verbringen, über Asa zu sprechen – nur um sie beinahe unmittelbar danach über eben jenen auszufragen. Das hat mich auf die Dauer sehr gestört, da dies der Situation den Ernst und die Gefährlichkeit nahm.

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Sloan war mir als Figur weitestgehend sympathisch. Sie ist stark und mutig, liebevoll und strebsam, voller Hoffnung, dass ihr Leben sich irgendwann zum Besseren wenden wird. Das hat mir gut gefallen. Allerdings wirkte sie auf mich im weiteren Verlauf der Geschichte und je mehr man über ihre und Asa’s Vergangenheit erfährt, viel zu naiv und willenlos auf mich. Meinem Empfinden nach ließ sie sich viel zu leicht von Asa um den Finger wickeln. Außerdem machte es mich wahnsinnig, dass sie kein einiges Mal das Wort „Stopp“ in den Mund genommen hat.

Ich lebe hier in einer Parallelwelt. Dieses Haus ist ein Gefängnis mit eigenen Gesetzen. Und Asa ist der uneingeschränkte Herrscher dieses Gefängnisses. (Seite 113)

Asa war die weitaus interessanteste Figur in „Too Late“. Er ist äußerst vielschichtig und zeigt eine spannende Entwicklung. Anfangs ist er der starke und skrupellose Drogenboss, dann zeigen Rückblicke in seine Kindheit seine Zerbrechlichkeit und Ängstlichkeit. Seine Eltern haben ihn fortwährend zurückgewiesen, gedemütigt und vernachlässigt – der ideale Nährboden für besitzergreifendes und narzisstisches Denken und Handeln. Eine sympathische Figur ist Asa folglich absolut nicht, aber eine, die im Gedächtnis bleibt, die den meisten Raum innerhalb der Geschichte einnimmt und diese prägt und vorantreibt. Er ist die aktivste Figur, während Sloan und Luke eher passiv sind und schlicht auf das reagieren, was Asa ausheckt.

Da Asa eine sehr kranke und verdrehte Vorstellung von Liebe hat und Sex in seinem Kopf einen hohen Stellenwert einnimmt, zeigt „Too Late“ auch eine beträchtliche Menge von Sexszenen und auch Vergewaltigungsszenen, die sehr schonungslos und detailliert beschrieben werden. Das war mir an Masse zu viel und insgesamt auch zu heftig. Vor allem aber fand ich, dass es in diesem Ausmaß nicht notwendig ist, um die Geschichte  erzählen zu können. Hinzu kommen jede Menge Gewalt und Drogen. Natürlich soll eine gewisse Stimmung erzeugt werden, das Zuhause von Asa soll ein für Sloan unerträglicher Ort sein, doch Sexszenen auf jeder zweiten, dritten Seite, nur um herauszukehren, wie sehr Sloan leidet, das musste meinem Empfinden nach nicht sein.

Ihre Lippen zittern. Komisch, dass mir vorher nie aufgefallen ist, wie sehr mich das anmacht. Ich küsse sie sanft, schließe die Augen und spüre ihre bebenden Lippen an meinen. „Liebst du mich?“ raune ich an ihrem Mund. „Oder bist du eine Nutte?“ (Seite 231)

Weitestgehend positiv fand ich hingegen eine unerwartete stilistische Wendung etwa im letzten Drittel des Buches. Dort endet es – eigentlich. Allerdings folgen mehrere Epiloge und ein Prolog, in denen sowohl erklärende Rückblicke als auch der weitere Verlauf des Falles Asa beleuchtet werden. Endlich mal eine Geschichte, die nicht beim vermeintlichen Happy End endet, dachte ich zu Beginn. Endlich sieht man, wie die Figuren sich danach weiter entwickeln, wie sie leben, welche Schwierigkeiten sie zu meistern haben. Das fand ich tatsächlich sehr erfrischend. Zum Beispiel erfahren wir aus Sicht von Sloan, wie das erste Date mit Asa verlief. Allerdings versucht Colleen Hoover erneut Spannung aufkommen zu lassen und schießt dabei über das Ziel hinaus. Der Plot wirkt künstlich, es fehlen neue Facetten und der Showdown am Ende ist schneller zu Ende, als man bis drei zählen kann. Tatsächlich gibt es Gründe für diese Fortsetzungen – wie es dazu kam, erklärt Colleen Hoover in ihrem Nachwort, und dadurch wird einem auch vieles klarer.

Fazit

„Too Late“ von Colleen Hoover konnte mich leider nicht allzu sehr überzeugen. Die Geschichte ist wie immer sehr gut geschrieben, sie lässt sich hervorragend lesen, sie ist emotional. Was mir nicht gefiel war, dass die Figuren bis auf Asa wenig Entwicklung zeigen und sich insgesamt recht passiv und oft widersprüchlich verhalten. Besonders unangenehm fand ich aber die permanenten Sexszenen, die eingesetzt wurden um die verschiedensten Dinge zu zeigen: Wie schlecht es Sloan geht und wie sehr sie sich selbst zurücknimmt, wie sehr Luke und Sloan ineinander verliebt sind und welche kaputte Vorstellungen Asa von Liebe hat. Das war schlicht zu viel, zu heftig und meiner Meinung nach unnötig. In dieser Hinsicht ist „Too Late“ ganz anders Hoover’s übrigen Romane. Auch das Ende fällt sehr aus dem Rahmen. Das gefiel mir im Großen und Ganzen sehr gut, doch der abschließende Showdown wirkt dann wieder zu erzwungen und auf Teufel komm raus zusammengebastelt. Aber: Colleen Hoover sagt im Nachwort selbst, dass „Too Late“ ein Ausnahmewerk ist, ein nicht geplantes Buchbaby, daher Schwamm drüber und ich freue mich auf all die neuen Geschichten aus ihrer Feder.

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Too Late *

Too Late

hoover-too-lateDie Hölle – nichts anderes ist die Beziehung von Sloan zu dem Drogenboss Asa Jackson. Gäbe es nicht ihren kranken Bruder, den Asa finanziell unterstützt, wäre sie von heute auf morgen auf und davon. Für Asa wiederum ist Sloan das Beste, das ihm jemals passiert ist: Sloan ist seine einzige Liebe, eine wahre Obsession, seine allergrößte Leidenschaft, und er ist davon überzeugt, dass es sich umgekehrt genauso verhält. Doch dann taucht der Undercover Cop Carter auf …


Über Colleen Hoover

Colleen Hoover stand mit ihrem Debüt ›Weil ich Layken liebe‹, das sie zunächst als eBook veröffentlichte, sofort auf der Bestsellerliste der ›New York Times‹. Mit ihren zahlreichen Romanen, die alle zu internationalen Megasellern wurden, verfügt sie weltweit über eine riesengroße Fangemeinde. Auch in Deutschland hat Colleen Hoover die SPIEGEL-Bestsellerliste erobert – ihr Roman ›Nur noch ein einziges Mal‹ stand auf Platz 1 der Spiegel-Paperback-Liste. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Texas.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): dtv Verlag (dtv bold)
Preis:
 14.90 Euro
Format: Klappenbroschur
ISBN: 978-3423790444
Erscheinungstermin: 22. März 2019
Zur Verlagswebseite

* Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link: Die Romanempfehlung ist frei von einer Einflussnahme durch Affiliate-Partner. Wenn du etwas über diesen Link bestellt, bekomme ich lediglich eine kleine Provision.

Weitere Stimmen zum Buch


Fina von Buchlabyrinth| Jill von Letterheart | Julia von The Book Dynasty

5 Gedanken zu “Too Late von Colleen Hoover | Rezension

  1. Ich bin leider jetzt erst dazu gekommen, eine kurze Rezension über das Buch zu schreiben. Und ich muss Dir recht geben: es ist absolut nicht so gut wie Colleen Hoovers andere Bücher. Allerdings hatte ich bei so manchen (z. B. „Love and Confess“ oder „Zurück ins Leben geliebt“) schon das Gefühl, dass sie einen gewissen Hang zu Erzählungen über schwache Frauen, die sich irgendwie unterwerfen, hat. Ebenso über gewalttätige Männer. Es scheint, als ob sie hier ihrer Fantasie freien Lauf gelassen hat … LG, Vreni

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Vreni,
      ich schaue gleich mal bei dir vorbei, ich bin sehr neugierig auf deine Rezension! Und ich gebe dir wiederum recht: vor allem in ihren letzten Romanen schlug sie diese Richtung bereits ein, aber nie so ausufernd und krass wie hier. Meins ist das absolut nicht. Wenn, dann möchte ich solche Geschichten mit dem gebührenden Ernst erzählt bekommen und nicht im Rahmen einer Romanze. Ich bin mal gespannt, wie ihr nächster Roman wird. Allerdings werde ich hierzu erst einmal ein paar Meinungen abwarten 😉
      Liebe Grüße
      Anna

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo Anna, ich freue mich, wenn du bei mir vorbeischaust. Ich habe „Too late“ allerdings nur im Rahmen meiner Mai-Bücher vorgestellt und keine lange Rezension geschrieben. Habe mir erlaubt, auf deine Rezension zu verweisen und zu verlinken 😉 Denn du hast es einfach getroffen. Ich hoffe, das war ok.

        Und ich gebe dir absolut recht! Ich finde auch, dass es im Rahmen einer solchen Romanze irgendwie unpassend ist. Viel mehr sollte man auf das Thema ernsthaft aufmerksam machen. Ich bin mittlerweile davon angekommen, weitere Romane von ihr zu lesen. Es gibt einfach sooo viel Gutes 😀 Aber wer weiß… Vielleicht ist in Zukunft ja doch mal wieder was für mich dabei 🙂 Ganz liebe Grüße und ein schönes Wochene
        Vreni

        Gefällt 1 Person

      2. Ich habe sie gerade gelesen und danke dir für die Verlinkung! Es muss ja nicht immer eine lange Rezension sein, ein paar Worte zum Buch sind auch schon sehr hilfreich 🙂

        Ich wünsche dir auch ein ganz schönes Wochenende! 🙂

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