Das Leben meines besten Freundes von Judith Gridl | Rezension

Überraschend spannende Coming-of-Age Geschichte. Eine Freundschaft, die sich über alle Grenzen hinwegsetzt.

Ich muss gestehen – ich hatte weniger erwartet, als ich den Klappentext des Buches las. Auch die Altersempfehlung ab 12 ließ mich eher auf eine angenehm unterhaltende Lektüre tippen. Doch ich habe mich getäuscht. „Das Leben meines besten Freundes“ von Judith Gridl fordert seine jungen (und älteren) Leser, denn neben der Geschichte einer tiefen Freundschaft, geht es um Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, Unterdrückung und Kriminalität, Identität und Lebensziele. All dies fließt dabei so gekonnt in die Haupthandlung mit ein, dass ich am Ende sehr beeindruckt war. In meiner Rezension erfahrt ihr mehr.

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Der Plot ist für mein Empfinden sehr klassisch aufgebaut. Doch das tut der Spannung und dem Reiz der Geschichte keinen Abbruch, denn die Charaktere sind lebensnah und interessant und auch der Spannungsbogen hat es in sich. Judith Gridl belässt es nicht bei einer schlichten Coming-of-Age Geschichte. Wir landen mitten in Berlin, wo Stadtteile und somit Welten aufeinander prallen. Samir wohnt mit seiner Familie im Wedding, wo Arafat und seine Leute die Straßen im Griff haben. Sie holen Schutzgelder von Geschäften ein und sind in illegale Machenschaften verwickelt. Samir hatte davon nicht allzu viel mitbekommen, doch als sein Vater eines Tages verschwindet, beginnt er nachzuforschen.

Immer an seiner Seite steht Jacob, sein bester Freund aus dem Stadtteil Zehlendorf, dessen Vater mit Geld und Angeberei nur so um sich wirft. Die beiden sehen sich zum verwechseln ähnlich, was ihnen gut zupass kommt, als Arafat auf Samir aufmerksam wird und dieser schnell verschwinden muss. Er geht anstelle von Jacob auf ein piekfeines Internat, während Jacob bei Samir’s Familie bleibt und dort im Alltag hilft, so gut er kann.

Der Wedding war sein Kiez, hier war er geboren und aufgewachsen. […] Er mochte diesen Teil von Berlin viel mehr als das steife Zehlendorf, in dem Jacob wohnte. Jacobs Schule, ein altehrwürdiges Gymnasium wäre ihm viel zu streng. Dort gab es Tonnen von Hausaufgaben. (Seite 12)

Durch diesen Rollentausch erleben Jacob und Samir einen wahren Culture Clash, an dem sie wachsen und sich selbst neu entdecken. Sie tauchen in das Leben des jeweils anderen ein, übernehmen Verantwortung, scheitern, stehen wieder auf. Diesen Aspekt hat die Autorin ganz wunderbar herausgearbeitet, keine Entwicklung wirkt gekünstelt oder zu weit hergeholt. Es war schön zu sehen, was ungeahnte Herausforderungen aus den beiden Jungen machen.

Über allem hängt die drohende Gefahr, entdeckt zu werden. Und was geschah bloß mit Samir’s Vater? Lebt er noch oder wurde er von Arafat ermordet? Hier legt „Das Leben meines besten Freundes“ richtige Jugendkrimi-Quälitäten an den Tag, denn Arafat würde auch nicht zögern, einem Jugendlichen etwas anzutun.

Jakob starrte an die Decke. So gut, dass er Samir hatte. Auch wenn er zur Zeit solche Macken hatte, auf ihn war Verlass. (Seite 34)

Neben all der Spannung kommt aber auch die Beziehung zu den Eltern nicht zu kurz. Jacob und seine Eltern verbindet nicht mehr viel, vor allem sein Vater übt zu viel Leistungsdruck auf ihn aus. Es soll etwas aus ihm werden, die schulischen Leistungen müssen besser werden und das Mädchen Fine, mit dem er sich trifft, sei als Tochter eines Gastronomen doch weit unter seinem Niveau. Jacob distanziert sich immer mehr von seinem Vater, bis der Konflikt sie einander wieder annähern lässt.

Samir hingegen liebt seine Familie, seinen Vater und seine Mutter sowie seine zwei jüngeren Geschwister. Er kümmert sich hingebungsvoll um sie, vernachlässigt dabei jedoch die Schule, bis er selbst fest daran glaubt, er könne ja sowieso nicht richtig lernen und es sei hoffnungslos. Was beiden Jungen nicht wissen: sie stecken viel zu sehr in ihrer eigenen Welt fest, um wirklich erkennen zu können, was sie leisten können. Es steckt so viel Potenzial zur Entwicklung in diesen Charakteren und Judith Gridl hat das voll ausgenutzt.

Fazit

„Das Leben meines besten Freundes“ von Judith Gridl ist für junge Leser ein hervorragendes Buch über Freundschaft. Denn Samir und Jacob gehen füreinander durch dick und dünn und sie erleben spannende Abenteuer. Mich hat das Buch mit seinem Facettenreichtum sehr positiv überrascht, denn die Autorin mischt geschickt Themen wie Verantwortung, Lebensziele, Religion, Kriminalität und Lebensumstände in einen Coming-of-Age Roman. Für ältere Leser vielleicht nicht mehr geeignet, für Leser ab 12 aber eine absolute Empfehlung.

♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Das Leben meines besten Freundes

Cover von Das Leben meines besten Freundes von Judith Gridl.Samir und Jacob sehen sich zum Verwechseln ähnlich – stammen aber aus ganz unterschiedlichen Welten. In Samirs rauem Umfeld zählt allein das Faustrecht, während Jacob überbehütet aufwächst. Als Jacob auf ein Elite-Internat geschickt werden soll, aber viel lieber bei seiner ersten Liebe Fine bleiben will, bietet sich für beide die Gelegenheit, ihre Welten zu tauschen. Während Samir vom Internat aus seinen von einem arabischen Clan verschleppten Vater sucht, nimmt Jacob endlich sein Leben in die Hand und kommt auch selbst der Lösung des Falls näher.

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Verlag (Copyright): Knesebeck Verlag
Preis:
 14.95 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-95728-063-3
Erschienen: 21. September 2017
Zur Verlagswebseite

Über Judith Gridl


Judith Gridl wurde 1970 in Burghausen (Bayern) geboren. Sie studierte Jura in München und Journalismus in Paris. Sie etablierte sich dann als Fernsehjournalistin und schrieb Drehbücher und Kurzgeschichten. Bei Knesebeck erscheint ihr erster Jugendroman. Seit zehn Jahren lebt sie mit Mann und Kindern in Berlin.

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