Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff | Rezension

Wenn man Salinger liest, ist es nicht so, als läse man eine Erzählung; es ist, als flüstere einem Salinger höchstpersönlich seine Geschichten ins Ohr. Die Welt, die er in seinen Texten erschafft, ist greifbar, real und zugleich so wunderbar überhöht, als wandelte er mit freiliegenden Nervenenden auf Erden. (Seite 240)

In diesem wundervollen Roman erinnert sich die Autorin Joanna Rakoff an ihre Zeit in einer Agentur für Autoren, die J. D. Salinger vertritt. Sie ist Anfang 20, als sie dort zu arbeiten beginnt und anstatt die literarische Welt zu erobern, muss sie sich mit den Gegebenheiten eines technisch etwas rückständigen Arbeitgebers zufrieden geben. Doch beinahe ohne, dass Joanna es merkt, beginnen die verschrobene Agentur und ihre nicht minder verschrobene Arbeitgeberin ihr Herzen zu erobern. Ihr Job beginnt ihr zu gefallen, nicht zuletzt wegen des berühmten Salinger. Joanna verändert sich im Laufe ihres Jahres in der Agentur, insbesondere ihre Sicht auf ihr Leben, ihre Arbeit, ihren künstlerischen Schaffensprozess, ihre Beziehung und ihre Freundschaften. Und ebenso „greifbar, real und zugleich überhöht“ wie Salinger seine Geschichten erzählt, ebenso intensiv schreibt auch Joanna Rakoff ihren Roman „Lieber Mr. Salinger“.

Ich wollte außergewöhnlich sein. Ich wollte Romane schreiben und Filme machen und zehn Sprachen sprechen und um die Welt reisen. Ich wollte alles. (Seite 79)

Joanna ist noch jung, in jeder Hinsicht, als sie ihre Arbeit bei der Agentur aufnimmt. Sie hat Ziele vor Augen, sie will etwas erreichen, sie will außergewöhnlich sein und Romane schreiben. Die Agentur scheint als Sprungbrett in diese Welt gut genug zu sein, Joanna hinterfragt dies aber auch nicht. Die Stelle wird ihr angeboten und sie nimmt sie unbedarft an, ohne vorab zu wissen, was die Agentur überhaupt macht und was ihre Aufgaben sein werden. Es wird sich schon alles fügen, scheint sie zu denken. Doch tatsächlich könnte die Realität kaum weiter von ihren Träumen und Wünschen abweichen. Sie lebt in einer Bruchbude ohne Heizung mit ihrem Freund zusammen, der selbst Schriftsteller werden möchte und sie mal mehr und mal weniger ernst nimmt. Seine Freunde sind ihre Freunde und es wirkt, als würde sie, ohne selbst Einfluss darauf zu nehmen, von Treffen zu Treffen und von Party zu Party dahintreiben. Einzig eine Freundin von früher trifft sie noch, doch sie sind dabei, sich zu entfremden. Zu spießbürgerlich entwickelt sich die Freundin in den Augen Joannas.

Als Leser bemerkt man, oder vielmehr spürt man unmittelbar den Riss zwischen dem, was Joanna sich vom Leben erhofft und dem Leben, das sie lebt. Anstatt bewusste Entscheidungen zu treffen, stolpert Joanna ins Erwachsenenleben, lässt sich treiben, verliert sich und ihre Ziele aus dem Blick, bis sie langsam zu begreifen beginnt, dass sie aktiv werden muss. Sie betrachtet die Welt schlussendlich mit anderen Augen und sieht klar vor sich, welche Schritte sie gehen muss und welche Konsequenzen diese Schritte haben. Es ist, als würde man jemandem beim langsamen Erwachen beobachten. Diese Ruhe des Moments und gleichzeitig die Kraft dieses Moments sind wundervoll.

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Dazu trägt viel die Art bei, mit der Joanna Rakoff ihre Geschichte erzählt. Ruhig und geradezu sanft erlaubt sie ihrer Figur, ihrem vergangenen Ich, sich zu entwickeln. Ohne Eile und ohne unnützes Drama. Rakoff schreibt ihre Erinnerungen an ihre Zeit in der Agentur nieder, wie Salinger „Der Fänger im Roggen“ geschrieben hat. Der Autor fühlt sich nicht an wie jemand, der die Fäden in der Hand hat und der Geschichte den nötigen Schwung gibt. Vielmehr wirkten sowohl Salinger als auch nun Rakoff auf mich, als würden sie im Stillen beobachten, was ihre Figuren tun, denken und fühlen. Sie mischen sich nicht ein, sie geben ihnen den nötigen Raum. Dies spürt man als Leser – es drängen sich einem keine Erkenntnisse auf, keine beinahe unerträgliche Spannung hält einen in Atem, keine dramatischen Entwicklungen lassen das Herz klopfen. Dadurch gelingt es der Geschichte, sehr intensiv zu wirken und vor allem nachzuwirken.

Konnte man kompliziert sein, intellektuell, mit offenen Augen für die Welt, konnte man Künstlerin sein und gleichzeitig rosig und voller Licht? Konnte man all das sein und noch dazu glücklich? (Seite 163)

Nun habe ich viel über Joanna geschrieben, doch was ist mit J. D. Salinger? Welche Rolle spielt er in dem Roman? Eine handelnde Figur ist er nicht wirklich, bis auf wenige, kurze Telefongespräche und einen Besuch in der Agentur, spielt er keine bedeutende Rolle. Und dennoch ist er allgegenwärtig. Die Agentur vertritt ihn nicht nur, sie hat sich sein Denken und Handeln zu eigen gemacht. Die Fanpost erzählt von seinen Werken, so dass Joanna jeden Tag an Salinger denkt. Umso absurder ist die Tatsache, dass sie selbst Salinger nie gelesen hat, obwohl sie doch so belesen ist. Er ist es nicht wert, ist ihre Überzeugung. Nun, es ist vermutlich nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass sich ihre Einstellung zu Salingers Werken grundlegend ändern wird. Dieser Augenblick gehört für mich mit zu den schönsten und berührendsten im ganzen Buch: diese Verschmelzung von Gefühlen und Gedanken von Figuren aus J. D. Salingers Werken mit Joannas Empfindungen in „Lieber Mr. Salinger“. Ein Wiederfinden und Wiedererkennen.

Kann man „Lieber Mr. Salinger“ also nur dann lesen, wenn man J. D. Salingers Werke kennt? Nein, nicht zwingend. Allerdings würde ich vermuten, dass die Empfindungen beim Lesen dann nicht so sehr in die Tiefe gehen, wie sie es tun, wenn man zumindest „Der Fänger im Roggen“ kennt. Zu oft bezieht sich die Autorin auf die Romane und Figuren von Salinger und wie diese in Relation zu Joannas Leben stehen, als dass es völlig irrelevant wäre. Wer sich also einen Gefallen tun möchte, sollte vor „Lieber Mr. Salinger“ zu den anderen Romanen des Autors greifen.

Fazit

„Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff ist ein Coming of Age Roman, der lange nachwirkt. Die Autorin selbst erinnert sich an ihre erste Arbeit in einer Agentur, die J. D. Salinger vertrat und an ihr Leben in dieser Zeit. Sie erzählt von ihrem Arbeitsalltag, den alltäglichen Sorgen und Gedanken, arbeitet aber immer auch den Kontrast zwischen noch nicht greifbaren Träumen und dem aktiven Verfolgen dieser Träume heraus. Salingers Werke begleiten Joanna in dieser Selbstfindungsphase, anfangs sind sie ihr fremd, später sind sie die Geschichten und Figuren ihr Vertraute. Auf eine gewisse Art und Weise wachsen Rakoffs Leben und Salingers Werke und Figuren zusammen, und es ist wundervoll, diesem Prozess beizuwohnen. Eine große Leseempfehlung!

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Lieber Mr. Salinger *

Lieber Mr. Salinger

rakoff-lieber-mr-salingerVon ihnen gibt es Hunderte: blitzgescheite junge Frauen, frisch von der Uni und mit dem festen Vorsatz, in der Welt der Bücher Fuß zu fassen. Joanna Rakoff war eine von ihnen. 1996 kommt sie nach New York, um die literarische Szene zu erobern. Doch zunächst landet sie in einer Agentur für Autoren und wird mit einem Büroalltag konfrontiert, der sie in eine längst vergangen geglaubte Zeit katapultiert. Joanna lernt erst das Staunen kennen, dann einen kauzigen Kultautor – und schließlich sich selber.


Über Joanna Rakoff

Nach ihrem Studium an renommierten amerikanischen Universitäten stürzte sich Joanna Rakoff in die Welt der Literatur. Sie arbeitete als Kritikerin für die „New York Times“, die „Los Angeles Times“ und die „Vogue“ und veröffentlichte einen Roman („A Fortunate Age“), der zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Joanna Rakoff lebt in Cambridge, Massachusetts.

Verlagsinfos zum Buch
Verlag (Copyright Cover): Penguin Verlag
Preis:
 10.00 Euro
Format: Taschenbuch
ISBN: 978-3-328-10141-3
Erscheinungstermin: 9. Mai 2017
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