Sanctuary – Flucht in die Freiheit von Paola Mendoza und Abby Sher | Rezension

„Sanctuary – Flucht in die Freiheit“ von Paola Mendoza und Abby Sher eine Dystopie zu nennen, erscheint mir beinahe falsch. Denn die Idee zum Roman entstand im Jahr 2018, als die Trump-Regierung an der südlichen Grenze der USA Familien auseinanderriss. Als damit begonnen wurde, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu errichten. Abschiebungen und Verhaftungen hatten Eltern und Kinder traumatisiert und viele Menschen weltweit entsetzt. Es braucht, und das meine ich nicht abwertend, nicht viel Fantasie sich vorzustellen, wie diese Ungerechtigkeiten sich in einer Zukunft entwickelt hätten, in der keine weltweiten Proteste stattgefunden hätten, in der kein neuer Präsident gewählt und in der diesem Irrsinn kein Einhalt geboten worden wäre. Doch auch abseits dieser Ereignisse gab und gibt es weltweit genügend ähnliche Schreckensszenarien, die diesen Roman furchtbar realistisch und absolut nicht dystopisch wirken lassen.

Paola Mendoza, selbst Aktivistin, die sich für Menschrechte einsetzt, führte viele Gespräche mit betroffenen Menschen. In einem Nachwort geht sie näher darauf ein. Die Ereignisse in den USA seit dem Frühjahr 2018 seien für sie der Beweggrund gewesen, diese Geschichte zu schreiben. „Sanctuary – Flucht in die Freiheit“ wirkt daher schon beinahe wie eine Biografie, nicht wie eine Dystopie, unfassbar nah und real. Und so vieles darin kommt bekannt vor: Eine einflussreiche, alles kontrollierende Regierung, Polizei und Militär, die willkürlich und brutal ihre Macht demonstrieren, Pressezensur. Und die Ohnmacht vieler Menschen gegenüber dieser Übermacht: „Glaubten sie, wenn sie nur den Mund hielten und die Augen vor allem verschlossen, es würde von allein wieder verschwinden?“ Umso bewegender sind die im Roman geschilderten Einzelschicksale, man spürt, das so vieles schlicht der Wahrheit entspricht.

Alles an diesem Roman verursachte mir Gänsehaut. Nachdem ein heftiger Einstieg bereits die Stimmung setzt, nimmt die Geschichte nicht weniger beklemmend ihren Lauf. Vali lebt mit ihrer Mutter und mit ihrem kleinen Bruder in Vermont, wo sie nach ihrer Flucht aus Kolumbien lange Zeit relativ sicher leben konnten. Vali und ihre Mutter ließen sich gefälschte ID-Chips einsetzen, Valis Bruder wurde glücklicherweise in den USA geboren und besitzt einen echten Chip. Doch als immer intensiver nach sogenannten Undokumentierten gesucht wird und diese immer brutaler gefangen genommen oder deportiert werden, können sie nicht länger bleiben. Gemeinsam müssen sie nach Kalifornien fliehen, dem einzigen Bundesstaat, der sich den neuen Regeln widersetzt.

Nichts war okay. Nichts an dieser ganzen Welt war okay.
Aber vielleicht war ich einfach zu sehr daran gewöhnt, eine Lüge zu leben, um etwas anderes zu sagen.

Sanctuary – Flucht in die Freiheit, Seite 36

Auf ihrer Flucht geraten Vali, ihre Familie und andere Fliehende in eine Vielzahl von Extremsituationen. Dabei diverse menschliche Konflikte angesprochen, unter anderem: Sollte man helfen und sich dadurch selbst in Gefahr begeben oder bleibt einem nichts anderes übrig, als zuschauen, wenn man sich und seine Familie retten möchte? Die Hilflosigkeit übermannte nicht nur die Protagonistin Vali, sondern auch mich als Leserin. Hier zeigt sich mehr als deutlich die Kluft, die sich zwischen unserem friedlichen und sicheren Alltag und den Schrecken in anderen Ländern auftut. Es geht aber auch um ganz grundlegende Schwierigkeiten. Wie orientiert man sich in einer nahen Zukunft, in der Karten veraltet und nicht mehr genutzt werden? Wie überlebt man ohne ausreichend Wasser und Nahrung? Wie ermutigt man einen traumatisierten kleinen Bruder, wenn man selbst kaum noch einen Schritt vor den anderen setzen kann?

Dieser Schmerz, der mir das Herz zerriss, war einfach zu viel. Der Schmerz darüber, dass die Welt zerriss, Eltern ihren Kindern entrissen wurden und die Kinder in Kummer ertranken.

Sanctuary – Flucht in die Freiheit, Seite 236

Und doch gibt es inmitten all dieser Grausamkeit kleine Inseln der Hoffnung. Seien es die Freundlichkeit von Unbekannten, der Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe von Flüchtenden oder ein Land, das sich der Abschiebung von Undokumentierten widersetzt und Flüchtlinge aufnimmt. Und nicht zuletzt Vali, die trotz allem was sie erlebt stark bleibt, die nicht aufgibt und die mit einem Ziel vor Augen alles daransetzt, dieses auch zu erreichen. Hierzu sagt Paola Mendoza im Nachwort: „Im Verlauf der Geschichte verwandelt sich Vali in eine Freiheitskämpferin. Sie wird zur Antwort auf unsere Gegenwart“.

„Sanctuary – Flucht in die Freiheit“ steckt voller Empathie, Wut, Trauer, Fassungslosigkeit und Mut. Jede Zeile brennt sich mit Nachdruck ein. Die Altersempfehlung von 14 Jahren sollte man daher beherzigen, es gibt zahlreiche Szenen, die dies rechtfertigen.


„Sanctuary – Flucht in die Freiheit“ von Paola Mendoza und Abby Sher ist eine eindringliche und erschreckend realistische Dystopie. Die Autorinnen haben Dinge, die in unserer Welt geschehen schlicht ein wenig weiter gedacht, sie stellten sie sich ein wenig dunkler vor. Dieser Roman hat mich sehr bewegt, ich musste häufig schwer schlucken und oft genug lag die Geschichte wie ein schwerer Stein im Magen. Nichtsdestotrotz ist diese Dystopie auch hoffnungsvoll, sie erzählt von Stärke, Mut und Zusammenhalt und dem unbändigen Willen, Unrecht zu verhindern.

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Sanctuary – Flucht in die Freiheit

Copyright: Carlsen Verlag

USA, 2032: Alle Bürger*innen werden durch einen ID-Chip überwacht. Es ist beinahe unmöglich, undokumentiert zu leben, doch genau das tut die 16-jährige Vali. Nachdem sie aus Kolumbien geflohen ist, hat sich ihre Familie ein Leben in Vermont aufgebaut. Als jedoch der ID-Chip ihrer Mutter nicht mehr funktioniert und ihre Stadt nach Undokumentierten durchsucht wird, müssen sie fliehen. Das Ziel: Kalifornien, der einzige Bundesstaat, der sich der Kontrolle entzogen hat. Doch als Valis Mutter festgenommen wird, muss Vali allein mit ihrem Bruder weiter, quer durchs gesamte Land, bevor es zu spät ist.

Verlag: Carlsen Verlag
Preis: 15.00 Euro
Format: Softcover
ISBN: 978-3-551-58441-0
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Erscheinungstermin: 29. Juli 2021

Autor:innen: Paola Mendoza ist Autorin, Filmregisseurin, Aktivistin und Künstlerin, die sich an vorderster Front für Menschenrechte einsetzt. Sie ist Mitbegründerin des »Women’s March« und Co-Autorin des New York Times-Bestsellers »Together We Rise«. Mendoza hat ebenfalls bei preisgekrönten Filmen mitgewirkt.

Abby Sher ist Performerin und preisgekrönte Autorin. Neben Jugendromanen schreibt sie auch für diverse Zeitungen und Magazine, wie die New York Times, die LA Times, Elle u. v. m. Eins ihrer Essays war Vorlage für eine Fernsehshow. Sie schreibt Drehbücher und tritt selbst auf der Bühne und in Fernsehshows auf.


Bei diesem Titel handelt es sich um ein Rezensions- bzw. Presseexemplar. Für die Rezension habe ich keine Bezahlung erhalten. Auf meinem Blog findet ihr stets meine unabhängige und persönliche Meinung zu Titeln.


Weitere Stimmen zum Buch

Yvonne von Buchbahnhof

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