Rezension | Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman

„Ich, Eleanor Oliphant“ von Gail Honeyman ist die Geschichte über eine einsame junge Frau. Das Buch erzählt, warum das so ist, wie Eleanor die Einsamkeit verkraftet, und wie sie daraus ausbrechen kann. Ein Thema, das mich sehr reizt, denn sind wir nicht alle dann und wann einsam? Ich war es früher oft, denn wir zogen häufig um und ich tat mich immer schwer damit, neue Freundschaften zu knüpfen. Trotz aller Nähe zum Thema also, ist es nun aber schwer, die richtigen Worte zu finden. Denn viele Teilabschnitte von „Ich, Eleanor Oliphant“ sind gut, haben mir gefallen, mich berührt, doch weitaus mehr Abschnitte haben mich stirnrunzelnd in die Seiten schauen lassen. Noch dazu lassen sich die jeweiligen Abschnitte nur schwer miteinander in Einklang bringen. Details erfahrt ihr in meiner Rezension.

honeyman_ich eleanor oliphant

„Manche Menschen, schwache Menschen zumeist, fürchten das Alleinsein. Dabei verkennen sie, wie befreiend es ist. Ist man erstmal zu der Einsicht gelangt, dass man keine anderen Menschen braucht, kann man anfangen, sich um sich selbst zu kümmern.“ (Seiten 215/216)

In „Ich, Eleanor Oliphant“ steckt weit mehr, als man dem Klappentext nach vermuten würde. So wurde ich von einer Geschichte überrascht, die im Grunde eine enorme emotionale und psychologische Tiefe hat. Eleanor scheut den Kontakt zu anderen Menschen, meidet überhaupt jegliche soziale Interaktion, und sei es auch nur ein freundlicher Small Talk mit Kollegen in der Kaffeeküche. Sie verbringt Tage, ohne auch nur ein Wort mit jemandem zu sprechen. Über allem steht die Frage nach dem Warum. Andeutungen hierzu zeigen sich schon früh in Telefongesprächen mit ihrer Mutter, die sie klein macht, emotional erpresst, bezirzt, nur um sie danach wieder verbal zu ohrfeigen. Als Leser ahnt man früh, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss – oder woher stammen sonst die Brandnarben in Eleanors Gesicht?

So weit funktionierte der Roman für mich sehr gut. Ich war gespannt auf die Entwicklung von Eleanor und vor allem war ich (an-)gespannt zu erfahren, was in ihrer Kindheit geschehen sein mochte. Doch schon nach wenigen Seiten wurde ich in meiner Begeisterung ausgebremst, denn Eleanor ist einfach unerträglich naiv, weltfremd und überheblich. Sie stellt sich über die anderen, durch ihre gewählte Ausdrucksweise und ihre mustergültigen Manieren. Gleichzeitig aber weiß sie nicht, wie sie das Internet nutzen soll, wie man einen Pizzaservice bezahlt, oder dass bei Starbucks die Vornamen auf die Pappbecher geschrieben werden. Dabei schaut sie doch TV und hört Radio!

Noch unverständlicher war jedoch die Tatsache, dass sie gar nicht den Kontakt zu anderen Menschen sucht, sondern sich mit gehobener Nase ganz bewusst von ihnen distanziert. Sie brauche niemanden, sagt sie. Natürlich kann das ein Schutzmechanismus sein, doch es kam bei mir so unsympathisch an, dass ich kein Mitgefühl für Eleanor empfinden konnte. In meiner Vorstellung ist jemand, der einsam ist, verunsichert und traurig darüber einsam zu sein. Eleanor passte absolut nicht in dieses Bild, und damit kam ich nur schwer zurecht.

„Ich nickte. ‚Danke. Mir ist schon aufgefallen, dass die Menschen mich mehr zu mögen scheinen, wenn ich geschminkt bin, auch wenn mir schleierhaft ist, warum.‘“ (Seite 281)

Wenden wir uns dem eigentlichen Gegenstand der Geschichte zu, Eleanor kommt aus ihrem Schneckenhaus. Ich fiel aus allen Wolken, als ich herausfand, was der Antrieb dafür ist. Nichts als eine willkürliche und unerklärliche Schwärmerei für einen Sänger, bringt die gesamte Veränderung ins Rollen! Sie spricht nicht mit ihm, sieht ihn nur drei Mal in der gesamten Geschichte und verliert sich dennoch in Tagträumereien über ihre gemeinsame Zukunft. Sie ist tatsächlich der felsenfesten Überzeugung, er sei ihr Schicksal, der Mann für Ehe, Kinder, und so weiter. Das hatte für mich weder Hand noch Fuß.

Für Eleanor ist dieser Mann aber Grund genug, sich und ihr Leben umzukrempeln. Sie beginnt mit der äußeren Veränderung, hübscht sich auf, kauft sich neue Anziehsachen, schminkt sich und – natürlich – schon wird sie immer mehr wahrgenommen und akzeptiert. Das ist so eine falsche Botschaft, dass ich versucht war, das Buch aus der Hand zu legen. Glücklicherweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt von einer anderen Bloggerin erfahren, dass sich alles gegen Ende des Buches bessert, so blieb ich an der Stange.

„Noch nie hatte ich mich so weit von meinen Naturzustand entfernt, doch jetzt entsprach ich genau dem Frauenbild, dass gesellschaftlich erwünscht und akzeptiert war.“ (Seite 308)

Und tatsächlich, im letzten Drittel beginnt der zweite Teil des Buches, und die „schlechten Tage“ kommen. Darin wird vieles erklärt, was mir im ersten Teil unschlüssig erschien und ich lernte eine andere Seite von Eleanor kennen. Doch meiner Ansicht nach ist das viel zu spät! Die ersten zwei Drittel waren für mich eine Herausforderung, ich kam nicht voran, legte das Buch immer wieder beiseite, weil es mich einfach nicht packen konnte. Das letzte Drittel hingegen las ich dafür rasend schnell.

Und das bringt mich zur nächsten Kritik, denn kaum wird es interessant, kaum versteht man als Leser Eleanor ein wenig besser, entwickelt sich die Geschichte Schlag auf Schlag. Atemlos wird erzählt, zu welchen Erkenntnissen Eleanor gelangt und was damals in ihrer Kindheit geschah. Hier hätte ich so gerne mehr über die psychologischen Aspekte erfahren, hätte die charakterliche Entwicklung von Eleanor am liebsten im Detail beschrieben bekommen. Der Veränderungsprozess beginnt zwar auch schon früher, doch aus Sicht der „anderen“ Eleanor, der steifen und zurückhaltenden. Warum nicht mehr von der traurigen und verlorenen Eleanor? Das fand ich sehr schade.

Was ich aber sehr positiv herausstellen möchte, ist der Charakter Raymond. Er ist einfach nur toll. Ganz ohne Sixpack und sexy verstrubbelten Haaren, sondern mit Speck auf den Rippen, schlecht sitzenden Klamotten und stets von Zigarettengeruch umgeben. Ein echter Kerl von nebenan also, mit einem riesengroßen Herzen und ganz viel Optimismus. Er ist die neue Konstante in Eleanors Leben und eigentlich auch der unbewusste und indirekte Auslöser für ihre Veränderung. Der Umgang der beiden miteinander hat mich über das gesamte Buch hinweg begeistert.

Toll war auch der psychologische Ansatz, die Analyse menschlichen Verhaltens auf Basis einer sehr schwierigen Vergangenheit. Was macht es aus einem Menschen, wenn er dies oder jenes erlebt hat? Wie kann er aus einer negativen Gedankenspirale ausbrechen? Wie kann er krank machende Verhaltensmuster durchbrechen und neue erlernen? Diese Themen treten zwischenzeitlich in den Vordergrund, so dass sowohl diese als auch Raymond einige Defizite ausgleichen konnten.

„Es heißt, Trauer und Schmerz seien der Preis, den wir für die Liebe zahlen. Unterm Strich keine gute Rechnung. Der Preis ist immer zu hoch.“ (Seite 321)

Fazit


„Ich, Eleanor Oliphant“ ist eine wundervolle Geschichte – wenn die Umsetzung stimmig wäre. Mir gefiel die Idee unglaublich gut und sie wird auch in Ansätzen gut erzählt, doch es gibt leider zu viele Störfaktoren, die mir das Lesen schwer gemacht haben. Eleanor war kein Charakter, der es mir leicht gemacht hat, und zu vieles in der Geschichte stieß bei mir auf Widerwillen. Daher schweren Herzens nur 2/5 Sternen.

♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Ich, Eleanor Oliphant

Eleanor Oliphant ist anders als andere Menschen. Eine Pizza bestellen, mit Freunden einen schönen Tag verbringen, einfach so in den Pub gehen? Für Eleanor undenkbar! Und das macht ihr Leben auf Dauer unerträglich einsam. Erst als sie sich verliebt, wagt sie sich zaghaft aus ihrem Schneckenhaus – und lernt dabei nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst noch einmal neu kennen.

honeyman_ich eleanor oliphant

Verlag und Copyright: Bastei Lübbe
Preis:
 20.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-431-03978-8

Erschienen: 24. April 2017
Zur Verlagswebseite

Über Gail Honeyman


Gail Honeyman lebt und arbeitet in Glasgow. Sie bekam bereits mehrere Preise für ihr Schreiben. Ich, Eleanor Oliphant ist ihr erster Roman.

Stimmen anderer Blogger


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9 Gedanken zu “Rezension | Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman

  1. Hallo Anna!

    Nachdem du ja vorhin auf Twitter sagtest, dass es dir nicht so gut gefallen hat, habe ich jetzt noch deine Rezension zum Buch gelesen. Jetzt machst du mich zumindest auf das letzte Drittel neugierig.
    Ich habe es jetzt bis Seite 214 geschafft und lese mittlerweile aber schon nicht mehr jedes Wort, sondern überfliege viel. Mich macht es ja auch neugierig, was in ihrer Vergangenheit passiert ist. Mal schauen, ob ich bis zu den schlechten Tagen durchhalte.

    Liebe Grüße,
    Franziska

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo,

    das Cover ist mir auf der Leipziger Buchmesse öfter ins Auge gefallen und ich hätte es egentlich auch gerne gelesen, aber vielleicht werde ich damit doch noch ein wenig warten. Es gibt noch genug andere Bücher die gut sind und gelesen werden wollen 🙂 Es ist wirklich schade, dass es so viele Geschichten gibt die von der Grundidee eine Menge Potenzial haben, dass aber von Autor verschenkt wird. So wie es auch hier zu sein scheint.

    Vielen Dank, dass du dich durch das Buch gekämpft hast, auch wenn es teilweise schwirig war.

    Drachihe Grüße
    Beluri von Drachenleben

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Beluri,
      bei diesem Buch scheiden sich wirklich die Geister – viele waren restlos begeistert und störten sich nicht an dem, was mich störte. Probier es bei Gelegenheit also auf jeden Fall aus, vielleicht gehörst du zu denen, die sich auf Eleanor einlassen können 🙂 Bei mir hat es leider erst am Ende geklappt, aber das war einfach zu spät 😉
      Ja, es ist wirklich schade, wenn eine Geschichte, die an sich eine großartige Idee verfolgt, nicht richtig transportiert wird. Ich bin mir aber sich, dass hier ganz viel der persönliche Geschmack eine Rolle spielt, woher sonst kämen die vielen überschwänglichen Rezensionen 🙂
      Wünsche dir einen schönen Abend!
      Liebe Grüße,
      Anna

      Gefällt mir

  3. Hey Anna 🙂
    schade, dass dir das Buch nicht gefallen hat! Doch ich bin sehr froh um deine Rezension, war ich doch selbst auch neugierig, was es mit diesem hübschen Cover und dem coolen Titel auf sich hat.
    Es ist wirklich mies, wenn man mit dem Protagonisten nicht zurecht kommt. Aus dem Grund schleppt sich bei mir derzeit Anima von Kim Kestner dahin, weil ich mit der Denkweise der Hauptcharakterin einfach nicht klarkomme.
    Hahaha, ich musste sehr lachen, als ich das mit Starbucks gelesen habe. Wie schön, dass dich das so entsetzt hat! :’D Skandalös!
    Es ist auch wirklich eigenartig, dass im Klappentext davon geschrieben wird, dass ihr die Einsamkeit etwas ausmacht, wenn die meiste Zeit im Buch eine eher arrogante Perspektive ihrerseits geschildert wird. So steigt man als Leser auch mit einer ganz und gar anderen Erwartung in die Story mit ein, was immer fatal bei schlecht gestellten Klappentexten ist.
    Ich hoffe das nächste Buch wird besser!
    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

    • Hi Sarah,
      oh, dafür wollte ich Anima lesen 🙂 Nun gut, das überlege ich mir nochmal. Probier Eleanor Oliphant aber auf jeden Fall aus, viele mochten die Geschichte sehr gerne! Es hat einfach für mich viel mit dem Aufbau der Geschichte zu tun, gegen Ende verstand ich Eleanor viel besser, da zeigte sie Gefühle, wurde weicher. Aber gegen die Arroganz am Anfang war es schwer anzukommen. Ich wäre sehr gespannt auf deine Meinung zum Buch 😉
      Liebe Grüße,
      Anna
      P.S.: Mein aktuelles Buch ist unendlich gut bisher 🙂

      Gefällt 1 Person

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