Cyril Avery von John Boyne | Rezension

„Sie sagen doch niemandem etwas?“, fragte ich.
„Sage was nicht?“
„Was ich Ihnen gerade erzählt habe. Das ich nicht normal bin.“
„Großer Gott“, sagte sie, lachte und stand auf. „Seien Sie nicht albern. Keiner von uns ist normal. Nicht in diesem verdammten Land.“ (Seite 290)

John Boyne ist vielen sicherlich durch seinen Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bekannt. 2009 wurde die Geschichte verfilmt. Darüber hinaus hat Boyne viele weitere Romane geschrieben, „Cyril Avery“ ist nun sein neuestes Werk. Darin geht es um einen Jungen, der im engstirnigen und gottesfürchtigen Irland der Nachkriegszeit mit seiner Homosexualität zu kämpfen hat. Wir begleiten ihn auf seinem gesamten Lebensweg, von seiner Geburt bis hin ins hohe Alter, 70 Jahre lang. Dabei widmet sich John Boyne den wichtigen Themen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die diese vergangenen Jahrzehnte besonders prägten.

„Cyril Avery“ – im Original übrigens „The Heart’s Invisible Furies“ – hat mich nachhaltig beeindruckt. Es hat mich tief berührt, es hat mich schrecklich wütend gemacht, ich war sprachlos und fassungslos und doch habe ich regelmäßig herzhaft gelacht. All diese Emotionen stecken in den Zeilen, dicht an dicht nebeneinander. Oft so dicht, dass man bei einem Satz am liebsten vor lauter Ärger schreien möchte, nur um im nächsten in schallendes Gelächter auszubrechen. Was für ein atemberaubender Drahtseilakt für die Nerven und gleichzeitig: Was für ein informativer und hochinteressanter gesellschaftskritischer Roman.

Aber das war Dublin, die Hauptstadt des Landes. Mein Geburtsort, den ich liebte, inmitten eines Landes, das ich hasste. Eine Stadt voller gutherziger Unschuldiger, elender Heuchler, ehebrecherischer Männer, hinterhältiger Priester, Armer, die keine Hilfe vom Staat bekamen, und Millionäre, die ihm das Blut aussaugten. (Seite 389)

Die Geschichte beginnt mit der Geburt von Cyril, die bereits unter einem schlechten Stern steht. Eine uneheliche Geburt in Irland im Jahr 1945 ist eine undenkbare Schande – sagt die Kirche. Frauen werden von ihren Familien aus dem Haus geworfen, sollen sie zusehen, wie sie zurechtkommen. So auch Cyril’s Mutter, die ihn gezwungenermaßen zur Adoption freigibt. Cyril hat Glück im Unglück, es mangelt ihn bei seinen Adoptiveltern an nichts materiellem, allerdings sind sie etwas speziell, beachten ihn kaum und wenn, führen sie die absurdesten Gespräche mit ihm. Sein beschauliches, seltsames Leben nimmt eine Wende, als er Julian trifft. Und Cyril? Er verliebt sich.

Fortan begegnet der Leser Cyril in Intervallen von sieben Jahren. Man wird Zeuge, wie er als Teenager gegen die Kirche und ihre Zwänge und Restriktionen rebelliert, wie er seine Homosexualität entdeckt und in Angst lebt, entdeckt zu werden. Wie er sich selbst und seine Wünsche verleugnet, um in Sicherheit leben zu können. Als er endlich flieht, erlebt er Mitte/Ende der 80er Jahre in New York die Aids-Krise mit, die Ausbreitung der „Schwulenkrankheit“. Aber auch Feminismus spielt in dem Roman eine große Rolle, die Geringschätzung weiblicher Intelligenz wird zentral thematisiert sowie der respektlose Umgang mit der weiblichen Sexualität. Am Ende schließt sich der Kreis und Cyril kehrt 2015, nach dem Referendum über die Homo-Ehe, nach Irland zurück.

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Vielleicht gab es darin [Anm. d. Red. in unserer Geschichte] auch überhaupt keinen Bösewicht. Nur Männer und Frauen, die versuchten, das Beste zu tun. Und daran scheiterten. (Seite 708)

Letztendlich ist „Cyril Avery“ eine Geschichte über Heimat. Denn trotz aller Einschränkungen und Schrecken, die Cyril in Irland erlebt, bleibt es seine Heimat, sein Zuhause. Das kann er nicht loslassen. Und es geht um Cyril’s Herz, das einiges mitmacht und das nur, weil es sich nun einmal zu Männern hingezogen fühlt. Dieses Herz wird Anfeindungen und Vorurteilen ausgesetzt, es erlebt unerfüllte Liebe und die glückliche Liebe. Und immer ist man ganz nah am Protagonisten dran, der sein Leben mit einer Mischung aus „sich treiben lassen“ und „ich packe die Dinge an“ meistert. Er ist bei Weitem kein perfekter Protagonist, sondern fehlbar. Einer, der sich durch durchschlägt, und manchmal richtige, manchmal falsche Entscheidungen trifft.

Was „Cyril Avery“ besonders auszeichnet, ist Leichtigkeit. Ähnlich wie Jane Austen besitzt John Boyne diesen unglaublich klugen Humor, eine feine Antenne für Heiterkeit, dass er jeder noch so furchtbaren oder ernsten Situation ein Quentchen Witz abzuringen vermag. Allein die Dialoge sind zum niederknien komisch. Das ist ungemein charmant. Und gerade diese Leichtigkeit ermöglicht es einem, sich mit Cyril’s Schicksal auseinanderzusetzen. Sie macht es erträglich und erlaubte mir den bedingungslosen emotionalen Zugang.

Fazit

Geradezu monumental ist „Cyril Avery“: 70 Jahre gesellschaftskritische Lektüre, von Irland über Amsterdam bis hin nach New York, von der Nachkriegszeit 1945 bis 2015. John Boyne widmet sich in „Cyril Avery“ seinem Protagonisten und begleitet ihn durch sein herausforderndes Leben. Homosexualität, Homophobie, Emanzipation, Liebe, Freundschaft, Heimat, Familie, Aids und Tod – alle diese Themen finden in diesem großartigen Roman Platz. Und anstatt angesichts dieser Themen in Schwermut zu versinken, verleiht ihnen Boyne’s teils deftiger, aber immer herzlicher Humor eine äußerst angenehme Leichtigkeit. Was für eine Mischung! Wer auch nur ansatzweise interessiert ist: Dieses Buch will gelesen werden.

♥ ♥ ♥ ♥ ♥

Dem Verlag noch einmal vielen Dank für das Rezensionsexemplar. Meine Rezension ist davon in keinster Weise beeinflusst.


Cyril Avery

boyne-cyril-averySeit seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er nämlich keinen Platz in der konservativen irischen Gesellschaft der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn in die Familie auf, doch auch dort findet er nicht das Zuhause, nach dem er sich sehnt. In dem katholischen Jungeninternat, auf das sie ihn schicken, lernt er schließlich Julian Woodbead kennen und schließt innige Freundschaft mit ihm. Bis er mehr für den rebellischen Lebemann zu empfinden beginnt und auch dieser Halt für ihn verloren geht. Einsam und verzweifelt verlässt Cyril letztendlich das Land – ohne zu wissen, dass diese Reise über Amsterdam und New York ihn an den Ort führt, nach dem er immer gesucht hat: Heimat.


Über John Boyne

John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als »ein kleines Wunder« (The Guardian) gefeiert wurde.


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Verlagsinfos zum Buch

Verlag (Copyright Cover): Piper Verlag
Preis:
 26.00 Euro
Format: Hardcover
ISBN: 978-3-492-05853-7
Erschienen: 2. Mai 2018
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